Zeitung Heute : AUS DER REDE

Danke an die Bürger von Berlin. Danke an das deutsche Volk. (…) Ich bin nach Berlin gekommen, so wie viele meiner Landsleute vor mir. Ich spreche zu Ihnen nicht als Kandidat, sondern als Bürger – ein stolzer Bürger der USA und ein brüderlicher Weltbürger. Mir ist klar, dass ich nicht so aussehe wie die Amerikaner, die vor mir in dieser Stadt gesprochen haben. Dass ich einmal hierherreisen würde, ist nicht absehbar gewesen. Meine Mutter wurde im Herzen Amerikas geboren, aber mein Vater hat als Junge Ziegen in Kenia gehütet. (… ) Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hat er – wie so viele andere in den vergessenen Regionen dieser Welt – beschlossen, dass er zur Erfüllung sein Lebenstraum die Freiheit und die Möglichkeiten des Westens braucht. Er schrieb so lange US-Universitäten an, bis jemand beschloss, seine Bitte um ein besseres Leben zu erhören. Deshalb bin ich hier. Auch Sie hier in Berlin wissen, was solche Sehnsucht bedeutet. Diese Stadt weiß, mehr als andere Städte, um den Traum von Freiheit. Sie wissen, dass es nur einen einzigen Grund hat, dass wir hier heute stehen: Männer und Frauen unserer beiden Länder standen zusammen und haben für ein besseres Leben gekämpft.

Unsere Partnerschaft begann vor 60 Jahren, als die erste amerikanische Maschine während der Luftbrücke in Tempelhof landete. (…) Am 24. Juni 1948 haben die Kommunisten beschlossen, den westlichen Teil der Stadt abzuschotten. Sie haben mehr als zwei Millionen Deutsche von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten und so versucht, in Berlin die Flamme der Freiheit zu ersticken. Daraus hätte ein neuer Weltkrieg entstehen können. Nur Berlin stand noch im Weg. Da begann die Luftbrücke. Die größte und unwahrscheinlichste Rettungsaktion in der Geschichte brachte den Menschen dieser Stadt Lebensmittel und Hoffnung. (…) In dieser dunklen Stunde ließen Berliner die Flamme der Hoffnung nicht erlöschen. Sie weigerten sich aufzugeben. Und an einem Herbsttag kamen Hunderttausende hier in den Tiergarten, und sie hörte ihren Bürgermeister, wie er an die Welt appellierte, die Freiheit nicht preiszugeben. „Es gibt für uns nur eine Möglichkeit“, sagte er. „Wir müssen zusammenstehen, bis dieser Kampf gewonnen ist (…) Die Berliner haben gesprochen. Wir haben unsere Pflicht erfüllt, und wir werden sie weiter erfüllen (…) Völker dieser Welt, schaut auf Berlin!“

Völker dieser Welt – schaut auf Berlin. Schaut nach Berlin, wo Deutsche und Amerikaner gelernt haben, zusammenzuarbeiten und einander zu vertrauen – weniger als drei Jahre nachdem sie sich noch Feinde in einem Krieg waren. Schaut nach Berlin, wo die Entschlossenheit der Bürger zusammen mit dem Marshallplan das deutsche Wirtschaftswunder geschaffen hat; wo der Sieg über die Tyrannei die Nato geboren hat, das größte Bündnis, das je geschaffen wurde, um unsere Sicherheit zu verteidigen. Schaut nach Berlin, wo Einschusslöcher in den Häusern nahe dem Brandenburger Tor dazu mahnen, unsere Menschlichkeit niemals zu vergessen.

Völker der Welt – schaut nach Berlin, wo eine Mauer fiel, ein Kontinent zusammenfand und die Geschichte bewies, dass für eine Welt, die zusammenhält, keine Herausforderung zu groß ist. 60 Jahre nach der Luftbrücke sind wir wieder aufgefordert. Die Geschichte hat uns an eine neue Kreuzung geführt, mit neuen Hoffnungen und neuen Gefahren. Als Sie, das deutsche Volk, die Mauer zum Einsturz gebracht haben – eine Mauer zwischen Ost und West; Freiheit und Tyrannei; Angst und Hoffnung –, stürzten überall auf der Welt Mauern ein. Von Kiew bis Kapstadt wurden Gefängnisse geschlossen und die Türen zur Demokratie geöffnet. Auch die Märkte öffneten sich. Das 20. Jahrhundert lehrte uns, dass wir ein gemeinsames Schicksal haben. Das 21. Jahrhundert zeigt eine Welt, die mehr als je zuvor miteinander verwoben ist. (…)

Und deshalb können wir es uns nicht länger leisten, jeder nur für sich zu sein. Keine Nation, egal, wie groß und mächtig sie ist, kann solche Herausforderungen alleine bewältigen. Keiner von uns kann diese Bedrohungen ignorieren oder der Verantwortung entgehen, sich ihnen zu stellen. Jetzt, da keine sowjetischen Panzer und keine Mauer mehr hier sind, ist es leicht, das zu vergessen. Wenn wir ehrlich zueinander sind, dann wissen wir, dass wir uns auf beiden Seiten des Atlantiks manchmal voneinander entfremdet und unser gemeinsames Schicksal vergessen haben. In Europa ist die Ansicht viel zu verbreitet, dass Amerika mehr Teil des Problems ist als eine Macht, die hilft, die Probleme auf der Welt zu lösen. In Amerika gibt es Stimmen, die die Bedeutung Europas für unsere Sicherheit und Zukunft verspotten. Beide verkennen die Wahrheit – dass Europa neue Lasten auf sich nimmt und in Krisengebieten dieser Welt mehr Verantwortung übernimmt; und wie im letzten Jahrhundert US-Basen in Europa errichtet wurden, um die Sicherheit des Kontinents zu verteidigen, so opfert sich unser Land immer noch für die Freiheit auf der Welt auf.

Ja, es hat Unterschiede zwischen Amerika und Europa gegeben. Und die wird es wohl auch in Zukunft geben. Aber die Verantwortung als Weltbürger bindet uns.

(…) Die Geschichte erinnert uns daran, dass man Mauern einreißen kann. Aber das ist niemals einfach. Wahre Partnerschaft und wahrer Fortschritt erfordern kontinuierliche Arbeit und fortwährend Opfer. Sie erfordern Verbündete, die einander zuhören, voneinander lernen und vor allem die einander vertrauen. Deshalb darf sich Amerika nicht nach innen kehren. Deshalb darf sich Europa nicht nach innen kehren. Amerika hat keinen besseren Verbündeten als Europa. Jetzt ist die Zeit gekommen, neue Brücken zu bauen (…) Jetzt ist die Zeit gekommen, zusammenzustehen durch enge Kooperation, starke Institutionen, gemeinsame Opferbereitschaft und einen globalen Einsatz, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen. Es war dieser Geist, der die Flugzeuge in den Himmel über uns steigen ließ und die Menschen zusammenbrachte an dem Ort, wo wir heute stehen. Und das ist der Moment, in dem unsere Nationen – und alle Nationen der Welt – diesen Geist neu heraufbeschwören müssen. Jetzt ist die Zeit, den Terrorismus zu besiegen und die Brunnen des Extremismus auszutrocknen, die ihn nähren. (…) Wenn wir die Nato gründen und die Sowjetunion niederringen konnten, dann können wir auch eine neue globale Partnerschaft zur Entwaffnung der Netzwerke gründen, die in Madrid, Amman, London und Bali, Washington und New York zugeschlagen haben. Wenn wir den Kampf der Ideen gegen den Kommunismus gewinnen konnten, dann können wir auch mit der großen Mehrheit der Muslime stehen, die den Extremismus ablehnt.

Jetzt ist die Zeit, da wir unsere Entschlossenheit erneuern müssen, die Terroristen in Afghanistan zu jagen, die unsere Sicherheit gefährden. Niemand begrüßt einen Krieg. Ich sehe die enormen Probleme in Afghanistan. Aber unsere beiden Länder haben ein Kerninteresse daran, dass die erste NatoMission außerhalb Europas erfolgreich endet. Für die Menschen in Afghanistan und für unsere Sicherheit muss diese Arbeit gemacht werden. Amerika kann das nicht alleine.

(…) Dies ist der Augenblick, eine Welt frei von Atomwaffen zu schaffen. Die zwei Supermächte, die sich an der Mauer in dieser Stadt gegenüberstanden, sind zu oft nahe dran gewesen, alles zu zerstören, was wir uns aufgebaut haben und was wir lieben. Es ist Zeit, … die Ausbreitung von Atomwaffen zu stoppen und das Arsenal aus einer vergangenen Ära zu reduzieren. (…) Das ist der Moment, da wir uns zusammenfinden müssen, um diesen Planeten zu retten. Dies ist der Augenblick, um Hand in Hand zu stehen.

(…) Menschen in Berlin, Menschen in aller Welt, die Aufgaben, vor denen wir stehen, sind groß. (…) Aber ich bin heute hier, um Ihnen zu sagen, dass wir die Erben eines Kampfes für die Freiheit sind. Wir sind ein Volk von unwahrscheinlicher Hoffnung. Lassen Sie uns, mit dem Blick in die Zukunft gerichtet und Entschlossenheit in unseren Herzen, niemals die Geschichte vergessen und uns unserem Schicksal stellen und die Welt ein weiteres Mal erneuern.

Das gesamte Redemanuskript finden Sie unter www.barackobama.com.

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