Zeitung Heute : Aus der Welt der Elektrizität

Was Michael Naumann unter „durchgeknallt“ versteht: Der „Zeit“-Herausgeber wegen Beleidigung vor Gericht

Katja Füchsel

Der Kronzeuge ist ein Fernseher. Nicht viel größer als ein Schuhkarton, aber außerordentlich präzise. Wort für Wort und in Farbe gibt er in Saal 571 wieder, was der „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann über Berlins Generalstaatsanwalt zu sagen hatte: Ein durchgeknallter Ankläger. Mit außerordentlich schlechtem Ruf. Verantwortlich für die Pannen bei den Ermittlungen gegen Michel Friedman.

So hatte es der ehemalige Kulturstaatsminister am 22. Juni 2003 in einer Live-Talkshow gesagt; die Gäste diskutierten damals über das Thema „Friedman – Die Öffentlichkeit und die Moral“. Heute sitzt Naumann deshalb als Angeklagter im Amtsgericht Tiergarten, der Vorwurf: Beleidigung. Für den Journalisten ist es eine Premiere, aber Naumann hält, was er vorher versprochen hat: Heiter-gelassen tritt er im dunklen Anzug der Richterin entgegen, doziert lächelnd über „die Welt der Elektrizität“ und den umgangssprachlichen Gebrauch mancher Begriffe. „Hätte ich gesagt, Herrn Karge seien die Sicherungen durchgebrannt, wäre es wohl kaum zu einer Anzeige gekommen.“

Hätte, wäre, sei – aus dem Fernseher aber schnarrt es durch den Saal: „Natürlich ist er durchgeknallt!“ Es handelt sich um allerlei bekannte Persönlichkeiten, die – direkt oder indirekt – in den Prozess verwickelt sind. Dazu gehört neben Naumann zunächst der „General“, das Opfer der mutmaßlichen Beleidigung: Hansjürgen Karge, der vor rund einem Jahr erfolgreich gegen seine Entfernung aus dem Amt geklagt hatte. Ein Ankläger, der im Laufe der Jahre Feinde gesammelt hat wie andere Leute Briefmarken: in der Justiz, im Berliner Senat, in der Politik. Der immer gerne mit strammen Sprüchen aneckt und von sich behauptet, dass er mit „altpreußischem Gehorsam“ und „wie ein Panzerkreuzer“ die Staatsanwaltschaft führt – „aber offenbar nur über die dünne Außenhaut eines Faltbootes verfügt“, spottet Naumann.

Auch die Politik ist im Saal nicht präsent, aber mit dabei. Denn nach Karge zog Berlins Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) mit einer weiteren Strafanzeige nach – obwohl sie erst einige Monate zuvor vergeblich versucht hatte, den unliebsamen Generalstaatsanwalt aus dem Amt zu vertreiben. Gesprochen wird im Gerichtssaal allerdings vor allem über den ehemaligen TV-Moderator und damaligen Vize-Präsidenten des Zentralrats der Juden. Michel Friedman ist seit Juli 2003 vorbestraft. Er hatte gekokst und sich im Berliner Hotel Intercontinental mit aus Osteuropa eingeschleusten Huren getroffen.

Naumann sagt, Karge sei als Chef der größten deutschen Anklagebehörde dafür verantwortlich gewesen, dass prekäre Details über Friedmans Privatleben an die Presse gelangten. Nur darüber habe er sich in der Talkrunde ereifert, wenn auch seine Kritik sicherlich etwas heftig ausgefallen sei. „Aber die Äußerung bezog sich nicht auf den privaten Geisteszustand von Herrn Karge, sondern auf seine Arbeit als Behördenleiter.“

Dem Amtsgericht Tiergarten ging das trotzdem zu weit: Es stellte einen Strafbefehl über 9000 Euro aus, weil Naumann den Staatsanwalt „grundlos“ beleidigt habe. Und genau an dieser Formulierung beißen sich die beiden Verteidiger mittags fest, lassen ein Urteil in weite Ferne rücken: Die Anwälte stellen Antrag um Antrag, versuchen so zu beweisen, dass die vertraulichen Informationen aus der Staatsanwaltschaft durchgesickert seien. Sie liefern sich mit dem Staatsanwalt eine heftige Redeschlacht, verschonen aber auch die Richterin nicht, werfen ihr das „Abhaspeln vorgefasster Positionen“ vor. Schließlich greifen die Verteidiger zu den „gesammelten Werken“ des Generals, zitieren die bekanntesten Sätze des Chefanklägers. Ein Auszug: „Objektive Regelverstöße müssen zu Sanktionen führen. Das ist überall so, von den primitiven Buschnegern bis zu den Tieren.“ Ein weiterer: „Die Mehrheit der Bevölkerung will, dass wir ordentlich bestrafen und kräftig!“

Das Publikum lacht, doch die Richterin schaut leicht genervt in die Runde. Ermittlungsakten, Zeitungsausschnitte, Zeugenaussagen – sie würde viel lieber eine andere juristische Frage diskutieren und startet einen zaghaften Versuch: „Durchgeknallt, das heißt doch im Sprachgebrauch so viel wie irre…“ Ihr Anlauf bleibt vergeblich, es folgt eine weitere Verhandlungspause. Als sich Naumann an deren Ende kurzzeitig allein auf der Anklagebank wiederfindet, wirkt er zum ersten Mal irritiert. „Da fühlt man sich wie der Torwart von Hertha BSC: Plötzlich steht man ohne Verteidiger da.“ Aber spätestens am 28. Januar wird Naumann die Anwälte wieder an seiner Seite wissen – wenn der Prozess in Saal 571 fortgesetzt wird.

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