Zeitung Heute : Aus Dingen wachsen Worte

Jörg Plath

Seit Shakespeare liegt Böhmen am Meer, und seit Olga Tokarczuk gehört Polen zu Lateinamerika, der Heimat des magischen Realismus. Ruda heißt ihr Macondo im Roman "Taghaus Nachthaus". Dort geht, ähnlich wie in der Hauptstadt des Reiches von Gabriel García Márquez, die Zeit ihre eigenen Wege. Nur der Raum bleibt. Denn Olga Tokarczuk glaubt: Nicht wir besitzen das Land, das Land besitzt uns. Die Erzählerin und ihr Ehemann R. kaufen ein Haus in dem Dorf Ruda nahe der tschechischen Grenze. Sie lernen die Nachbarin Marta kennen, die trotz ihres Alters keine Vergangenheit zu haben scheint. Beim ersten Regenguss fließt das Wasser als kleiner Bach quer durch ihren Keller. Ein gewisser "Soundso" kommt vorbei und erzählt, er habe den Nachbarn in seinem Haus an einem Strick hängen sehen. Dann gibt die Erzählerin Träume wieder, die sie im Internet gefunden hat, und bei einem Spaziergang durch den Wald entdecken sie und R. ein altes deutsches Autowrack.

Die Szenen aus dem Dasein zweier eher blass bleibender Zugezogener werden durchschossen von kurzen Erzählungen, die mit ihnen in keinem Zusammenhang stehen. Mit ihnen tritt zu dem gekauften "Taghaus" das "Nachthaus" hinzu, zur Gegenwart die Vergangenheit, zum bewusst Erlebten das unbewusst Mitspielende: In einer Geschichte aus dem Jahr 1969 verliebt sich eine nicht mehr ganz junge Frau in eine männliche Stimme in ihrem Ohr. 1945 erscheinen zwei aus dem KZ entlassene Schwestern im Dorf. Vertriebene Polen werden in die Häuser von Deutschen eingewiesen, die bald darauf zur Auswanderung gezwungen werden. Das Leben und Sterben der mittelalterlichen Märtyrerin "Heilige Kümmernis" wird erzählt, dann folgt die Vita ihres einfühlsamen Biografen. Bald stellt sich heraus, dass die sehr unterschiedlichen Geschichten, von denen Tokarczuk drei aus ihrem letzten Erzählungsband "Der Schrank" übernommen hat, eines gemeinsam haben: Sie alle tragen sich in der Umgebung des neuen Hauses zu. Mit ihnen lässt die Autorin die Geschichte der Region Slask, die früher Schlesien hieß, bis hin zu den ersten prähistorischen Siedlern auferstehen.

Beiläufig sind einige Erzählungen aus dem Nachthaus durch Leitmotive und Gegenstände mit jenen des Taghauses verknüpft: Das deutsche Autowrack im Wald etwa entpuppt sich als Überbleibsel deutscher Adliger, denen 1945 die Flucht vor der Roten Armee nicht mehr gelang. Die märchenhafte Geschichte der uralten Dynastie gehört zu den eindrücklichsten des ganzen Bandes, dem die Übersetzerin Esther Kinsky einen schwebend leichten Ton verliehen hat. In Polen bemerkte man nach dem Erscheinen des Romans erfreut, Olga Tokarczuk schreibe nach den hoch gelobten Romanen "Die Reise der Buchmenschen" (1993), "E.E." (1995, beide bisher nicht übersetzt) und "Ur und andere Zeiten" (deutsch 2000) endlich von sich selbst. Denn die 1962 geborene Schriftstellerin ist nach dem Psychologiestudium in Warschau in ihre schlesische Heimat zurückgekehrt und hat dort ein Haus gekauft - wie die Erzählerin von "Taghaus Nachthaus". Im nahe gelegenen Walbrzych werden ihre Bücher verlegt, und weil auch der Kollege Andrzej Stasiuk auf dem Land lebt und schreibt, spricht man in Polen schon von einer Renaissance der Ränder. Doch "Taghaus Nachthaus" ist weder ein autobiografischer noch ein Schlesienroman. Die Erzählerin bleibt ebenso unfassbar wie alle anderen Personen. Allenfalls das Dorf Ruda ist identifizierbar, einige Geschichten sind historisch verbürgt.

Olga Tokarczuk will die herkömmliche Wirklichkeit überschreiten und vervollständigen. Nicht nur eine Stimme im Ohr und eine christliche Märtyrerin, sondern auch ein Apokalyptiker und ein Werwolf erlangen bei ihr Existenzrecht. Dieser magische Realismus ist also keine poetische Variante der "histoire totale", mit der der französische Historiker Lucien Febvre Geschichte und Geographie verband. Für Tokarczuk sind die fantastischen Begebenheiten den historischen Ereignissen ebenbürtig. Alles ist gleich wahr und gleich faszinierend, ob entlassene KZ-Häftlinge oder das Pilzesammeln. Die Geschichten lassen sich nicht mehr hierarchisieren - es gibt keine Fakten, nur Legenden. Auf sie besitzt das Land, vermeintlich das Subjekt der Prosa, zudem keinen prägenden Einfluss. Hätte sich Tokarczuk im masurischen Sulejki ein Häuschen gekauft, sähen ihre Romane nicht anders aus. Unübersehbar erwehrt sich Olga Tokarczuk eines Schreckens. Sie reagiert auf die Heimatlosigkeit und Entwurzelung, die die nach Schlesien umgesiedelten Polen ebenso wie die von dort vertriebenen Deutschen erfuhren. Sie entmachtet den Menschen als handelndes Subjekt und etabliert das Land als Gefäß von Geschichten um der Sehnsucht nach Heimat willen: "Die Worte wachsen aus Dingen und sind erst dann in ihrem Sinn gereift und bereit ausgesprochen zu werden, wenn sie in einer Landschaft wachsen. Mit Menschen ist es wohl ähnlich, denn sie können nicht losgelöst von einem Ort leben. Menschen sind Worte. Erst dann werden sie real."

Wie einst die Romantiker im Buch der Natur liest Olga Tokarczuk im Buch der Landschaft. Voll christlicher Demut bietet sie sich den Worten, die ihr die Landschaft zuträgt, als eine Künderin an. Glücklicherweise sind solche etwas unbeholfen reflektierenden Stellen selten. Meist findet sie überzeugende Bilder für die durch das Geschichtenpatchwork angestrebte Totalität: Am Ende des Romans will R. sämtliche Fotografien des Himmels, die er täglich zur gleichen Tageszeit aufgenommen hat, übereinanderlegen: "Dann werden wir es wissen." Dieser Schleier bleibt natürlich ungehoben. Denn Olga Tokarczuks mythisierender Eskapismus braucht das Geheimnis. Allein dessen Raunen stört zuweilen ein wenig.

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