Zeitung Heute : Aus einem fernen Film

Kann gut sein, dass der Inder Shah Rukh Khan der größte Kinostar aller Zeiten ist. Weil er für eine bessere, buntere, romantischere Welt steht. In seinem Cottbuser Fanclub jedenfalls sagen sie: Hier ist das Leben doch langweilig

G,a Bartels
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Warten aufs Idol. Der Bollywood Fanclub Cottbus in Berlin.

Mutti, was machst du da mit mir? Sprach der Sohn, der Rotz und Wasser heulte, in Cottbus ins Telefon. Es war mitten in der Nacht, und er hat gerade den Film zu Ende geguckt, den seine Mutter, die in Premnitz im Havelland wohnt, ihm empfohlen hatte. „Khabi Kushi Khabie Gham – In guten wie in schweren Tagen“, ein Familienmelodrama aus Indien. So geheult hat der Sohn lange nicht mehr. Eigentlich steht er auf Actionfilme.

Mutti, was machst du da mit mir? Und sie am anderen Ende von Brandenburg: „Ich? Nüscht. Shah Rukh Khan.“ Der war’s.

Shah Rukh Khan, 44, Inder, Mittelstandskind, Muslim, Ehemann, Vater zweier Kinder, seit 1992 Kinoheld, Unternehmer, Werbemarke und der größte Filmstar vom anderen Ende der Welt, jenseits von Hollywood: SRK oder King Khan, wie er genannt wird, der König von Bollywood, von Premnitz und Cottbus.

Die Mutter trug ihrem Sohn in jener Nacht noch etwas auf: Er solle sich gleich am nächsten Tag im Drogeriemarkt die Dreier-Filmkollektion von Khan kaufen. Sohn Marco, heute 36, Familienvater, Mitarbeiter im Sicherheitsgewerbe, tat wie ihm geheißen – und ist seit 2008 Chef des Bollywood Fanclubs Cottbus. Hier ist Khan der am meisten verehrte Star.

Marco war überwältigt worden wie Millionen weitere Zuschauer des Films „Khabi Kushi Khabie Gham“, überwältig von 210 Minuten prachtvoller Schauplätze und bonbonbunter Kostüme, von strahlenden Menschen, Massenchoreografien, Gesangsnummern, Sarizauber, Yuppieschick, Liebesschmelz, Familienleid und einem hemmungslos posierenden, blödelnden und weinenden Mann, überwältigt von Bollywood und Shah Rukh Khan.

Auch wenn Marco inzwischen in München arbeitet, ist er an diesem Freitag natürlich in Berlin, weil Shah Rukh Khan auch da ist. Auf der Berlinale präsentiert er seinen neuen Film. Schon mittags stehen 50 Fans vor dem Festivaltheater am Potsdamer Platz, Marco überragt sie um einen Kopf. Der Film läuft erst abends um halb zehn. Es ist kalt und schneit. Manche sind von weit her angereist, aus Polen, Italien, Wiesbaden und Brandenburg, denn seine Mutter und ihre Freundinnen aus Premnitz sind auch gekommen.

Erst am Dienstag hat sich der Fanclubvorstand noch mal getroffen. Im Premnitzer Stadtteil Dachsberg, in der Wohnung von Marcos Mutter Elfrun, die sich Anjaly nennt, seit sie Fan ist. Die längst weg wäre, „in Indien was Soziales machen“, wenn sie hier in Deutschland nicht noch Familie und Verpflichtungen hätte. Eine Welt hat sich ihr eröffnet durch die Filme von Shah Rukh Khan, durch Bollywood. Eine Ahnung davon, was es alles gibt jenseits von hier. Die quirlige Frau trägt ihr Haar lang und schwarz, opulenten Schmuck an den Ohren, und den Namen ihres Idols als Tattoo auf dem Oberarm: SRK.

Das ehemalige Kinderzimmer der Tochter hat sie zum Bollywood-Zimmer gemacht. Mit Plakaten, einer Vitrine mit Khan-Nippes und einem Pappaufsteller von Shah Rukh, dem Elfrun-Anjaly morgens guten Morgen und abends eine gute Nacht wünscht. „Diese Augen“, seufzt sie, die Sekretärin gelernt hat, aber als Hausfrau lebt. Shah Rukh sei nun mal alles: doof, lieb, witzig, sexy.

Kann sein, dass Khans Fangemeinde eine Milliarde Menschen übersteigt. Bei vielen Fans erreicht die Zuneigung im Wortsinn galaktische Ausmaße: Sie schenken Shah Rukh Khan einen eigenen Stern im Sternbild Skorpion. Neulich hat die „International Lunar Geographic Society“ auf Fanbitten gar einen Mondkrater nach ihm benannt. Seine Villa Mannat in Mumbai ist Touristenattraktion. Und im September dieses Jahres werden an der Universität Wien Ethnologen aus mehreren Ländern über Shah Rukh Khan als Symbol eines postkolonialen und globalisierten Indien konferieren.

Das spektakelverliebte Hindikino aus Mumbai ist in der ganzen Welt populär, in fast allen asiatischen Ländern, aber auch in Kanada und Europa, überall, wo indische Auswanderer leben, auch in Afghanistan üben die Kinder von Kabul, Hindi zu sprechen, was sie sich von Bollywood-Filmen im Satellitenfernsehen abgucken. Hennapartys, Hochzeitsfeiern im indischen Stil – Bollywood ist gleichbedeutend mit Alltagsflucht. Ausdruck der Sehnsucht nach schwelgerischer Schönheit und süßlichster Romantik. Was auch heftige Ablehnung provoziert. Khan und Bollywood kann man lieben oder überhaupt nicht ausstehen.

Sogar Kinoprofis schwärmen von Shah Rukh Khan. „Er ist angstfrei“, sagt Dorothee Wenner, die Berlinale-Delegierte für Indien. Seit 15 Jahren reist sie in das Land und kennt den Star seit langem: „Ich bin totaler Fan“, sagt sie. Und mit ihr andere. 1998 lief der erste indische Film auf der Berlinale, diesmal sind es acht.

Der neueste Khan-Film bringt die größten Filmindustrien der Welt zusammen: Indien und die USA. An die 1000 Filme im Jahr werden in Indien produziert, rund ein Drittel in Hindi. Bollywood transformiere sich gerade, sagt Wenner. Realistischere Themen lösen die Familiendramen ab.

In „My Name is Khan“ geht es nicht, wie der Titel vermuten lassen würde, um ihn selbst, sondern um Terrorismus, den 11. September, Muslimhatz in den USA. In bollywoodscher Formelhaftigkeit: Katastrophen, Tränenströme, Liebesglück, alles in XXL. Die Hauptfigur Rizvhan Khan leidet am Asperger-Syndrom, einer sanfteren Form des Autismus, und tapst als heiliger Narr durch die USA, um dem Präsidenten eine Botschaft zu bringen: „My name is Khan and I’m not a terrorist.“ Am Wegesrand entlarvt er einen muslimischen Hassprediger, hilft beim Hurrikan Katrina Menschen retten und übersteht Verhaftung und Folter. Das ist schmonzettig, aber mutig. Auf der abendlichen Berlinale-Pressekonferenz betont der Star schlagfertig, witzig, in schwarz gekleidet und geradezu priesterlich diplomatisch, dass der Film keine politische Botschaft verkünden, sondern unterhalten will.

Am Dienstag, als in Premnitz die Brandenburger Fans Hindisätze für ihren Berlinale-Besuch übten, zerschlitzten in Mumbai rechte Hinduradikalisten Kinoleinwände und bedrohten Leute, die sich im Vorverkauf Karten für „My Name is Khan“ kaufen wollten. 1600 Randalierer wurden verhaftet. Einige Kinos wollen den Film aus Furcht vor weiteren Übergriffen nicht zeigen.

Die Fundamentalisten hassen den King of Bollywood, zu dessen Geschäftsimperium auch ein Kricketteam in Kalkutta zählt, weil er kürzlich den Trainer gerügt hat, der keine Spieler aus dem muslimischen Pakistan einkaufen wollte. Und sie hassen Khan, weil er Muslim ist, eine Hindu geheiratet hat und immer wieder in Filmen mitspielt oder Filme produziert, die für Frieden und Toleranz werben. Zwischen Religionen, Staaten, Menschen. Unterhaltungsfilme mit wenig subtilem, aber massenwirksamen Weltverbesserungsappeal. Und das bei Titeln wie „Devdas – Flamme unserer Liebe“, „Ich bin immer für dich da!“, „Bis dass das Glück uns scheidet“ oder „Om Shanti Om“ 2008. Und im Jahr davor „Chak de! India“, ein Sportfilm. Khan spielt darin den Hockeystar Kabir Khan, der geächtet wird, weil er angeblich ein Tor verschlagen hat, um den Erzrivalen Pakistan gewinnen zu lassen. Ausgerechnet als Trainer einer zuerst nur belächelten Frauenmannschaft, gewinnt Kabir Khan mit dem WM-Cup für Indien auch seine Ehre wieder.

Er sei traurig darüber, dass es in Indien seinetwegen Unruhen gäbe, sagt Shah Rukh Khan vor der Presse. Er sei doch nur ein Schauspieler. „Mein Job ist es, die Menschen zum Lächeln zu bringen, nicht sie zu verletzten.“ Er respektiere alle, rede gern mit jedem und wenn er aus Berlin zurückkehre, habe sich die Situation in Mumbai hoffentlich beruhigt. So redet ein Weltstar. Es klingt trotzdem wie ein philosophisches Rezept.

Beim Premnitzer Clubtreffen ging es auch um Indien. Die vier Fanfrauen wollen Ende Februar dorthin reisen. Treffen den indischen Fanclub von Shah Rukh Khan, besuchen sein Museum, Filmstudios in Mumbai, gehen zu den Villen der Stars, feiern, tanzen, kaufen einen Hochzeitssari für Clubmitglied Anne und bringen ihre gesammelten Spenden zu Straßenkindern, einem Kinderheim und in eine Bergschule. Indien sei so überwältigend farbig, vielfältig, emotional, weiblich, sagen sie. „Aber die Armut hat mich nachdenklich gemacht“, sagt Petra.

Shah Rukh Khan und das Bollywood-Kino haben ihr Leben verändert, sagen Elfrun und Petra. Es freier, froher, weiter, reicher, glücklicher gemacht. Nach der Berlinale 2008, zu der Shah Rukh Khan erstmals nach Berlin kam, sind die beiden nach Indien geflogen. Ganz allein, zum ersten Mal ohne ihre Männer. Wie im Rausch haben sie das fremde Land aufgesogen, nächtelang mit Reiseleitern über Kastenwesen, Armut, Kino, Religionen, Geschichte diskutiert und sich mit einem von ihnen so angefreundet, dass der 30-jährige Sikh mit Namen Raj sie vergangenen Mai in Premnitz besucht hat. Auch ihre diesjährige Reise organisiert Raj von Indien aus für sie.

Hier ist das Leben doch langweilig, sagt Petra. Sie ist aus Rathenow, ihr Clubname ist Rani, sie arbeitet in einer Spielothek. Ein toller Schauspieler sei Khan und so selbstironisch, sagt sie. Und: „Die ganze Welt soll so bunt sein wie Indien.“

Dass sie alle 2008 viel Geld verloren haben, weil sie Tickets kauften für eine Shah-Rukh-Khan-Tournee, die dann ohne Angabe von Gründen ausfiel, nehmen sie nicht krumm. Sie wollen nicht erbsenzählerisch sein. Sohn Marco sagt, Sha Rukh Khan habe ihn eine Weisheit gelehrt. Sie lautet: „Sei freundlich zu allen. Du kannst auch mal traurig sein, aber du bist nicht allein. Du hast Familie, du hast ein Leben und du hast Bollywood.“

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