Zeitung Heute : Aus heiterem Himmel

Im Januar 1966 stießen über Palomares zwei Flugzeuge zusammen – und vier Atombomben stürzten zur Erde. Bis heute ist die Bevölkerung gespalten: Manche fürchten radioaktive Strahlung, andere wollen Touristen anlocken.

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Von Armin Lehmann

Für Francisco Larios Losilla ist die Vergangenheit eine Last, und gern würde er sein Dorf von dieser Last befreien. Am liebsten durch Schweigen. Aber das Unglück ist nun mal geschehen, und wenn sich Larios, ein Mann von eher schwerfälliger Gestalt, entschließt, doch über die Geschichte zu reden, dann mit großer Geste und wenigen Worten. Beide Arme reckt er hoch, und seine kräftigen Zeigefinger zeichnen zwei Linien in die Luft. Zwei Linien, die sich berühren, so wie sich vor 40 Jahren irgendwo da oben die beiden Flugzeuge berührten. Larios erzählt, wie er den Knall hörte, hinter den elterlichen Bungalow rannte und dachte, der brennende Himmel würde einstürzen. Später fand er vier verkohlte Leichen.

Larios’ Eltern sind in Palomares, einem Flecken Erde an der Ostküste Andalusiens geboren. Vor 60 Jahren erblickte er selbst dort das Licht einer Welt, in der die meisten Menschen arm waren. Es folgten fünf Geschwister, später seine eigenen drei Kinder und bisher zwei Enkel. Eines der beiden Flugzeuge hatte vier Atombomben an Bord, Bomben, die alles hätten in Asche verwandeln können: Larios’ Familie, sein Dorf, ja sogar einen beträchtlichen Teil Spaniens. Der Super-GAU blieb aus, doch Plutonium hat eine lange Halbwertszeit.

Die Sonne schien über Palomares an jenem 17. Januar 1966, einem Montag. In 10 000 Metern Höhe näherten sich wie jeden Morgen zwischen zehn und elf Uhr die zwei weißen Streifen, die man gut vom Dorf aus sehen konnte. Der eine Streifen gehörte zu einer amerikanischen B-52, mit 56 Metern Spannweite fast so breit wie ein Jumbojet, beladen mit vier Wasserstoffbomben, von denen jede einzelne mehr Zerstörungskraft besaß, als alle jemals irgendwo abgeworfenen konventionellen Bomben zusammen. Der andere Streifen wurde gezogen von einer Art fliegender Tankstelle, einer KC-135, die zu nichts anderem diente, als die B-52 mit so viel Treibstoff zu versorgen, dass die nach ihrem 24-stündigen Einsatz ohne Not zurück zu ihrem Stützpunkt fliegen konnte, zur Seymour Johnson Air Force Base in Goldsboro, North Carolina.

Die Männer des 51. Bombengeschwaders des Strategischen Luftwaffenkommandos, Strategic Air Command (SAC), hatten ihren Einsatz hunderte Male hinter sich gebracht. Tag und Nacht waren seit 1961 mit Atomwaffen beladene US-Bomber auf vier Routen rund um den Globus unterwegs, um in jeder Sekunde auf den dritten Weltkrieg vorbereitet zu sein. Auch nach dem Unfall sah das State Department „die Notwendigkeit aufgrund der Weltlage, die Flüge weiterhin zu genehmigen“, um gegen die sowjetische Bedrohung durch Atomwaffen gerüstet zu sein.

Eine der vier Strecken des „Chrome Dome“, wie die Codebezeichnung der Luftbereitschaftsmissionen hieß, führte mit Einwilligung des Franco-Regimes über Spanien hinweg. An Bord des Bombers 256, der „Tea-16“, wie er intern hieß, waren sieben Mitglieder der Air Force, an Bord des Tankflugzeugs vier. Was an diesem Tag, um 10.22 Uhr geschah, hat die amerikanische Autorin Flora Lewis 1967 für ihr Buch „H-Bombe vermisst“ bis ins kleinste Detail nachrecherchiert.

Am Steuerknüppel der B-52 saß der 29-jährige Kommandant, Hauptmann Charles F. Wendorf, neben ihm Kopilot Oberleutnant Michael J. Rooney, 25. Beide Maschinen, der Bomber und sein Tankflugzeug, flogen mit rund 800 Stundenkilometern. Der Bomber musste sich auf gleiche Flughöhe hinter dem Tanker einpendeln, als die Entfernung noch 800 Meter betrug, schob der Tanker sein metallenes Teleskoprohr nach außen.

Irgendetwas ging schief, das Rohr verfehlte die Tanköffnung, schlug gegen den Rumpf des Bombers und zertrümmerte ihm gewissermaßen das Rückgrat. 150 000 Liter Düsentreibstoff explodierten in einer Feuerkugel, 250 Tonnen Flugzeugtrümmer wurden in sämtliche Windrichtungen geschleudert, aber kein einziger verletzte einen Menschen unten im Dorf. Die vier Besatzungsmitglieder des Tankers verbrannten, noch ehe die Teile ihrer Maschine auf die Erde schlugen. Von den sieben Besatzungsmitgliedern der B-52 überlebten vier, weil ihre Schleudersitze sie rechtzeitig ins Freie rissen.

Auch die vier Wasserstoffbomben fielen zu Boden. Sie hatten zusammen die 5000-fache Sprengkraft der Bombe von Hiroshima. Wären sie scharf gewesen und explodiert, so hat damals die französische Zeitung „Paris Jour“ geschrieben, wäre im Umkreis von 100 Kilometern alles zerstört worden, und die tödliche radioaktive Strahlung hätte im Radius von 300 Kilometern jedes Leben ausgelöscht. Bis zu einem Umkreis von 1000 Kilometern, bis nach Marseille, Lissabon oder Casablanca, hätte die Gefahr der Strahlenverseuchung bestanden.

In zwei Bomben explodierte der konventionelle Sprengsatz. Diese Ladung soll im Prinzip die Kettenreaktion einer Atomexplosion in Gang setzen. Ist die Bombe aber nicht scharf und die Explosion wird durch Feuer oder Aufschlag ausgelöst, pulverisieren die Hitze und der Druck der Explosion das radioaktive Plutonium. Es kommt nicht zur Kernspaltung, doch das Plutonium entweicht in Form von Millionen winzigen Staubkörnern. Das Ausmaß der Verseuchung durch diese hochgiftige Substanz hängt davon ab, wie der Wind steht und welche Mengen die Erde aufnimmt. Am gefährlichsten aber ist das Element, wenn es eingeatmet wird: Plutonium verursacht Krebs. Und niemand weiß, wie groß die Plutoniumwolke damals war.

Heute fährt man auf einer zweispurigen Autobahn in knapp drei Stunden von Alicante vorbei an Murcia nach Palomares. Das Dorf mit rund 1000 Einwohnern ist auf kaum einer Landkarte verzeichnet, es liegt eingebettet zwischen Bergen, auf denen kein Baum wächst, Salatfeldern, die bis zum Horizont reichen, Tomatensträuchern und Orangenhainen.

Larios hat genug von der Vergangenheit, jetzt will er sein Dorf zeigen, quetscht den massigen Körper in seinen blauen Peugeot. Im Ortskern sind die Straßen schmal, die Häuser sauber und gepflegt, sie tragen rote Ziegel und sind gelb oder weiß getüncht. Bis zur Kreuzung, die zur Küste hinunterführt, ist Palomares ein beschaulicher Ort. Doch eine Kurve später ist Schluss mit der Romantik. 15 riesige Baukräne stehen dort, Gebäudeskelette ragen in die Höhe, Lastwagen werden auf- und abgeladen. Vom Meer aus betrachtet ist das ganze Dorf, ja die ganze Küste, eine einzige Baustelle. Larios’ Augen leuchten, er fährt vorbei an den Rohbauten von Apartmentburgen und Bungalowanlagen. Die Costa Blanca, einige hundert Kilometer weiter nördlich, ist seit Jahrzehnten Urlaubsziel und Rentnerparadies für Deutsche und Engländer. Nun will die andalusische Provinz Almeria mit aller Macht aufholen. „Ich habe ein paar gute Objekte“, sagt Larios, der Bauer. Er zückt eine Visitenkarte, darauf steht „Bauarbeiten, Immobilien und Verkäufe“.

Ende 2004 schrieb die Zeitung „El Pais“: „Die Regierung enteignet sieben Hektar in Palomares, um die Verstrahlung durch die Bomben zu säubern.“ Eine Darstellung, der Larios widerspricht. Unbestritten aber ist, dass nach dem spanischen Baurecht die Kommunen noch bis 2007 Anträge für neue Bebauungspläne stellen dürfen. Jetzt findet ein Wettrennen um das Land statt, und immer mehr Bauern betätigen sich im Immobiliengeschäft. Doch mit den Baggern könnte auch die verseuchte Erde wieder zum Vorschein kommen, fürchtet die Regierung.

Larios stoppt den Peugeot dort, wo damals eine der Plutoniumbomben aufgeplatzt ist. Der knochenharte Boden wirkt wie versiegelt. Von Weitem betrachtet sieht es aus, als stünden auf dem Feld drei silberne Marsmenschen mit rundem Hut, es sind die Messgeräte der spanischen Atomenergiebehörde. Dieses Feld, sagt Larios, habe die Behörde gekauft, es werde nicht bebaut.

Der Zusammenstoß über Palomares war einer der gefährlichsten und kostspieligsten Unfälle in der Militärgeschichte der USA. Drei Bomben wurden schnell gefunden, die vierte war ins Meer gestürzt und blieb erst einmal verschwunden. Den zunächst 16 amerikanischen Fachleuten für Nachrichtenwesen, Kernwaffen, Medizin, Strahlungskontrolle, Information und Sicherheit folgten nach und nach 3000 Angehörige der Luftwaffe und der Marine, die nicht nur nach der vierten Bombe suchen, sondern auch das Dorf säubern sollten.

Die ersten Vorsichtsmaßnahmen der Amerikaner bestanden darin, den Plutoniumstaub abzuwaschen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, ihre Kleidung zu verbrennen, zu duschen, Kühe und Schafe zu waschen und Urinproben abzugeben. Weitere Informationen wurden den Bewohnern vorenthalten, eine kritische Berichterstattung ließ das Regime des Diktators Franco, der Spanien von 1939 bis 1975 beherrschte, nicht zu.

Auch später erfuhren die Betroffenen wenig. Zwar wurden auf Veranlassung der spanischen Atomenergiebehörde offiziell 570 Personen bis Mitte der 80er Jahre regelmäßig untersucht, aber das Ergebnis war immer gleich: „Sie sind völlig in Ordnung.“ Die Zahl der Krebstoten würde dem Landesdurchschnitt entsprechen. 20 Jahre lang wurde den Einwohnern die Einsicht in die ärztlichen Protokolle verwehrt, und als ein Anwalt diese endlich erkämpfte, war die gesetzliche Entschädigungsfrist fast abgelaufen, war es zu spät, die Ergebnisse von unabhängigen Ärzten untersuchen zu lassen.

Heute spricht kein Offizieller in Palomares über ein mögliches Krebsrisiko. Selbst der Arzt Pedro Antonio Martinez Pinilla, der eine unabhängige Studie über den Zusammenhang von Sterberate und Krankheitsfällen in Palomares und Umgebung gemacht hat, will kein Interview geben. Das war vor acht Jahren anders. Damals befragte der Grünen-Aktivist José Javier Matamala den Arzt. Pinilla kritisierte, dass die Untersuchungen der spanischen Atomenergiebehörde unzureichend gewesen seien. Er selbst stellte für Palomares fest, dass die Sterblichkeit infolge von Krebserkrankungen dreimal so hoch sei wie im Nachbardorf. Und der Arzt warnte seinerzeit, die Verstrahlung könne über viele Jahre hinweg wieder zunehmen, vor allem dann, „wenn die Erde bewegt wird“.

Schon kurz nach dem Unfall machten sich Spanier und Amerikaner Gedanken darüber, wie man die Öffentlichkeit medienwirksam beruhigen könne. US-Botschafter Angier Biddle Duke und Spaniens Fremdenverkehrsminister Manuel Iribarne Fraga entschlossen sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Bad. In der Nähe der Stelle, wo die Experten die vierte Bombe vermuteten, sprangen beide ins Wasser, um zu demonstrieren, wie ungefährlich das Ganze sei.

Nach 80 Tagen Suche entdeckten amerikanische Experten die vierte Bombe nahezu unversehrt in knapp 1000 Metern Tiefe auf dem Grund des Mittelmeers. Als sie am 1. März geborgen wurde, zeigten die Amerikaner aus Angst, man könnte ihnen den Fund nicht glauben, erstmals eine Wasserstoffbombe öffentlich vor.

Die Säuberungsmaßnahmen waren aber längst noch nicht abgeschlossen. Insgesamt wurden 240 Hektar Land, rund zweieinhalb Quadratkilometer, abgetragen oder umgepflügt, wobei man die Erdkrume überall dort entfernte, wo die Messungen mehr als vierhundert Mikrogramm Plutonium pro Quadratmeter ergaben. Mit Pickeln, Schaufeln und Rechen wurde gegraben, bis die Strahlung unter die Grenze der Messbarkeit sank. Das Plutonium aber war noch vorhanden, nur gut verteilt. Um nichts zurücklassen zu müssen, bestellten die Amerikaner in Italien 210-Liter-Fässer aus blauem Metall. Sie füllten die Tonnen mit verseuchter Erde, 4879 Behälter gingen auf die Reise nach Amerika, wo man sie in der Wüste vergrub. Die verseuchten Flugzeugteile wurden im Atlantischen Ozean versenkt.

Den Bauern von Palomares wurde ein Zertifikat ausgehändigt, auf dem die Regierungen ihnen in blumigen Worten versicherten, dass ihre Äcker und Tiere völlig unverstrahlt seien. Da aber anfangs niemand mehr Produkte aus der Gegend kaufen wollte, gewährte man ihnen eine Entschädigung von 51 Millionen Peseten, heute rund 1,7 Millionen Euro. Insgesamt soll der Unfall von Palomares die Amerikaner 100 Millionen Euro gekostet haben.

40 Jahre später, Anfang Januar 2005, werden in Palomares Hunderte von Toilettenschüsseln geliefert, die Fertigstellung der neuen Touristen- und Ferienanlagen geht schnell voran. Die Zahl der Touristen in der Provinz Almeria stieg 2005 um 13 Prozent auf 2,3 Millionen Besucher, vor allem die Dörfer an der Küste erfreuten sich immer größerer Beliebtheit.

In einer der neuen Straßenschluchten von Palomares steht Dolores und wühlt mit einer Schubkarre im Schutt herum. Um sie herum wird gebaggert und gebaut, die 80-Jährige trägt ein blaues Basecap und einen langen Kittel, weinrot, der aussieht wie ein Morgenmantel, dazu schwarze Pantoffeln. Dolores lebt mit ihrem Mann ein paar Meter weiter, im einzigen Haus der Straße, das nicht neu ist. Neben den neuen Anlagen wirkt der Garten mit seinen vielen Sträuchern und Orangenbäumen wie aus einer anderen Zeit. Dolores sagt, sie werde niemals hier weggehen. Sie hat den Absturz der Flugzeuge miterlebt, jetzt erträgt sie täglich den Lärm der Baustelle, und sie weiß, warum die Menschen von Palomares nicht gerne reden. „Damals hatten sie Angst und heute auch.“

Ihr geht es gut, sagt sie. Aber ihr Bruder, der ist an Lungenkrebs gestorben. Mit 62.

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