Zeitung Heute : Aus Mut geboren

Ein Haus der Vergangenheit – vor allem jedoch auch ein Haus der Zukunft W. Michael Blumenthal – ein Glücksfall

Vielfalt unter einem Dach. Auf der Fläche von über 3000 Quadratmetern vermitteln die Ausstellungen detaillierte Einblicke. Foto: Mike Wolff
Vielfalt unter einem Dach. Auf der Fläche von über 3000 Quadratmetern vermitteln die Ausstellungen detaillierte Einblicke. Foto:...

Als die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder 1998 in das Bonner Kanzleramt einzog, lag die finanzielle Misere der Hauptstadt Berlin den Haushältern des Bundestags ebenso wenig am Herzen wie ihre über Jahrzehnte hinweg üppig aus Bundesgeldern finanzierten Museen, Opern und Theatern: Helmut Kohl hatte die Berlin-Zuwendungen ein Jahr nach der Wiedervereinigung radikal gekürzt.

Sie hatte dem defizitären Stadthaushalt zwei zusätzliche Opern, ein großartiges Sinfonie-Orchester, zahlreiche Theater, eine ehrwürdige Universität, eine zweite Kunsthochschule und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Ostberliner Museen beschert. Die Gebäude der Museumsinsel an der Spree erinnerten immer noch an die letzten Kriegstage im April und Mai 1945. Ein Sanierungsplan sah eine dreißigjährige Bauperiode vor – hinter einem gewaltigen Bretterzaun. Der neue Bundeskanzler stimmte einer Verkürzung dieser Renovierungsphase um 20 Jahre zu. Zusatzkosten – mehr als eine Milliarde Mark aus der Bundeskasse.

Zu einer Zeit, als das Bonner Füllhorn sich noch großzügig über Westberlin ergoss, war der mutige Libeskind-Bau des Jüdischen Museums beschlossen worden. Über die inhaltliche Konzeption des Hauses entbrannte ein endloser Streit, bis der damalige Kultursenator Peter Radunski den ehemaligen amerikanischen Finanzminister W. Michael Blumenthal als One-Dollar-Man gewinnen konnte. Der Berliner Schuljunge war in letzter Minute mit seiner Familie dem Dritten Reich Richtung Schanghai entkommen und hatte später, inzwischen Professor für Nationalökonomie, in den Vereinigten Staaten eine aufsehenerregende Karriere als Firmenchef und als Botschafter der Kennedy-Regierung gemacht, ehe er ins Kabinett von Jimmy Carter berufen wurde.

Als Michael Blumenthal in Berlin ankam, war das Museumsgebäude zwar fertig gestellt – allein, es fehlten Inhalt, Personal und vor allem mangelte es an finanzieller Ausstattung. Die Berliner Regierung war davon ausgegangen, dass täglich etwa 800 Besucher kommen würden. Entsprechend waren Klimaanlagen und sanitäre Räume vom Architekten ausgelegt worden. Das Jahresbudget lag mit rund neun Millionen Mark weit unter dem längst absehbaren Bedarf.

Der Bundestag hatte in jenen Jahren entdeckt, dass die kulturpolitischen Zuwendungen von insgesamt fast 800 Millionen Mark im Berliner Haushalt versickerten, ohne dass sie in gleicher Höhe ihre Adressaten erreichten: Die Kultur- und Budgethoheit des Landes entzog das Bundesgeld der parlamentarischen Kontrolle der Abgeordneten. Im neu gegründeten Kulturausschuss des Bundestags setzte sich die überparteiliche Überzeugung durch, dass der gefühlte Missbrauch von Bundesgeld so nicht weiter gehen könne. Die naheliegende Lösung, wesentliche Kulturinstitutionen der Hauptstadt unter Bundeshoheit zu stellen – von den Berliner Festspielen, der Berlinale über den Gropiusbau bis hin zum Jüdischen Museum – beflügelte die Diskussionen im Feuilleton des ganzen Landes und im Berliner Abgeordnetenhaus.

Doch der Berliner Kultursenator Christoph Stölzl und sein Partner in Schröders Kabinett einigten sich schnell: Hier ging es nicht um parteiliche Souveränitätsfragen, sondern um die Rettung zumal des Jüdischen Museums – ohne eine Verdreifachung seines Haushalts mit Bundesgeld wäre das Gebäude eine interessante, aber „unbespielbare“ Erinnerung an einen mutigen Entscheid der Berliner Regierung geblieben.

Unter Michael Blumenthals Direktion sollte sich das Museum zu einer enormen Attraktion der Hauptstadt entwickeln. Statt der 800 Besucher sind es täglich bis zu 3000, die seitdem erfahren und erleben können, dass die Geschichte des deutschen Judentums sich über fast 2000 Jahre erstreckt – und sie sehen, dass sein mörderisches Schicksal unter dem NS-Regime nicht sein Ende in Deutschland besiegelt hat. So ist das Museum nicht nur ein Haus der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft in einem anderen, besseren Deutschland geworden.

Michael Naumann war von 1998 bis Ende 2000 Staatsminister für Kultur und Medien in der Regierung Schröder. Er ist heute Chefredakteur des Magazins „Cicero“.

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