Zeitung Heute : Ausdruck ambivalent

ECKART SCHWINGER

Ein Chorsinfonisches Konzert unter Etta Hilsberg in der Philharmonie Zwischen einer Haydn- und einer Mozart-Messe erklang auf stimulierende Weise das Orgelkonzert von Francis Poulenc.Beschert wurde uns diese nicht alltägliche Konstellation in einem chorsinfonischen Konzert mit der Camerata vocale Berlin und dem Ensemble Oriol unter Etta Hilsberg in der Philharmonie.Den stärksten Eindruck brachte in der Tat das hintersinnig ernste wie verschmitzte Orgelkonzert von Poulenc aus dem Jahr 1938, das man hierzulande selten einmal in solch feinnerviger Interpretation gehört haben dürfte. Da fehlte es weder an dem typischen französischen Fluidum noch an der dramatisch akzentuierten Impulsivität.Inga Hilsberg spielte das Orgelsolo mit delikater Farbigkeit und Bravour.Und unter der Dirigentin Etta Hilsberg, die mit Genauigkeit und Schwungkraft agierte, entfaltete das Ensemble Oriol nicht nur eine sprühende Expressivität, sondern auch einen einschmeichelnden klanglichen Charme, einen spritzigen, chansonartigen Gestus, der nun einmal zu diesem eigenartigen französischen Komponisten dazugehört.Da stehen spielerische Eleganz, das anmutsvolle Melos unmittelbar neben nachdenklich-elegischen Passagen.Der sich später während der faschistischen Okkupation aktiv am Widerstand beteiligende und für die Résistance komponierende Poulenc war eben nicht nur zu geistreichen Klangspäßen, sondern auch zu tiefernsten Meditationen fähig.Ein merklicher Schatten liegt auch schon über dem Orgelkonzert. Da gibt es Berührungspunkte mit Mozart, dessen unvollendete c-Moll-Messe (KV 427) im zweiten Konzertteil zur Aufführung gelangte.Über dem gewaltigen Torso liegt der düstere Schatten der Leidensgeschichte, aber auch die Transparenz der Heiterkeit... Gerade diese ambivalente Ausdruckshaltung bei Mozart wie bei Poulenc ließ nicht unberührt.Diese Eindrücke vermittelte bei Mozart nicht zuletzt auch das mit Silvia Weiss, Bettina Spreitz-Rundfeldt, Jan Kobow und Georg Zeppenfeld stilvoll besetzte Solistenensemble. Während bei der zu Beginn musizierten "Mariazeller Messe" von Joseph Haydn noch etwas die ganz klare Umrißlinie und rhetorische Intensität (die der Camerata vocale insgesamt doch noch mehr zuwachsen müßte) fehlten, erfreute bei dem von Etta Hilsberg zwar nicht allzu leuchtkräftig, aber trotzdem energievoll und großflächig aufgebauten Mozart die schöne musikalische Phrasierung, die weichgeschwungene Kantabilität des Chores.Daß dabei das Ensemble Oriol mit seinem scharfkantigen Klangstil, seiner brillanten Überredungskraft bisweilen den Ton angab, überraschte nicht.ECKART SCHWINGER

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