Zeitung Heute : Ausgrenzung und Scham

Besondere Probleme bei psychisch Kranken mit Migrationshintergrund.

Meryam Schouler-Ocak

Nach aktuellen Erhebungen leben mehr als 15,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Das sind etwa 19,6 Prozent der Bevölkerung. Hinter dieser großen „Bevölkerungsgruppe“ subsummieren sich Menschen aus unterschiedlichen Ursprungsländern, mit unterschiedlichen Bildungsniveaus, Akkulturationsstatus und sozioökonomischen Lebensbedingungen.

Im Migrationsprozess sind sie oft erheblichen Belastungsfaktoren wie abwertenden Vorurteilen ausgesetzt, die an ihrem Selbstbewusstsein nagen und sogar krank machen können. Untersuchungen zeigen, dass Diskriminierungserfahrungen, Stigmatisierung und Scham zu signifikant schlechterer Gesundheit führen können und gleichzeitig bei einigen Menschen die Ursachen für eine medizinische Unterversorgung sind. Dies gilt insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hinzu kommt, dass aufgrund vermeintlicher Diskriminierung oftmals Misstrauen gegenüber deutschen Hilfseinrichtungen besteht.

Bei einigen Betroffenen sind es auch frühere Erfahrungen von Gewalt, die zu erheblichem Stress mit seinen Folgen beitragen. Chronischer Stress kann zu Rückzug, Depressionen und Angst bis hin zum Suizid führen. Angesichts der Tatsache, dass jeder fünfte Bürger in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, ist es unverständlich, dass sich die medizinische Versorgung hier mit Insellösungen wie Spezialambulanzen und Spezialangeboten im stationären Bereich zufrieden gibt. Oftmals wird zudem die Behandlung an Mitarbeiter, die selbst einen Migrationshintergrund haben, delegiert, sicherlich aufgrund der Annahme, dass Migranten andere Migranten besser verstehen. Das ist vermutlich gut gemeint – klare strukturelle Rahmenbedingungen sehen allerdings anders aus.

Kultursensibilität und interkulturelle Kompetenz der Akteure sowie eine interkulturelle Öffnung der Einrichtungen stellen Grundpfeiler einer adäquaten Behandlung von Patienten mit Migrationshintergrund dar. Bisher sind wir davon noch weit entfernt. Auf einem Symposium mit dem Titel „Psychisch krank durch Migration? Perspektiven der Migrationspsychiatrie in Deutschland“ im September 2012 wurde aufgezeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund bis heute keinen gleichberechtigten Zugang zu unserem Sozial- und Gesundheitswesen haben. Zudem wurde festgestellt, dass im Gesundheitssektor ausgebildete Sprach- und Kulturvermittler kaum Einsatz finden. Denn im Gegensatz zu den Gerichten leistet sich die medizinische Versorgung eine unverantwortliche Lücke. Gerade Sprach- und Kulturbarrieren führen zu teuren Mehrfach- und Fehlbehandlungen und in der Folge zu hohen Arbeitsunfähigkeitszeiten sowie Frühberentungen, die wiederum zu einer großen gesundheitsökonomischen Last führen. Das kann nicht gewollt sein. Meryam Schouler-Ocak

Die Autorin ist Ltd. Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus

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