Zeitung Heute : „Auslachen darf mich nur meine Frau“
19.03.2007 00:00 UhrAugust Diehl, 31, bekam für sein Filmdebüt in „23“ gleich den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. Schon als Student spielte er im MaximGorki-Theater, es folgten Rollen bei Peter Zadek in Hamburg und am Wiener Burgtheater. Diese Woche kommt Diehl mit „Die Fälscher“ in die Kinos.
Interview: Jeannette Krauth und Norbert Thomma Foto: Nadja Klier Herr Diehl, Sie leben mit Ihrer Frau im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Nirgendwo sonst ist die Kinderwagendichte so hoch, und Sie sind schon über 30 – spüren Sie den Drang zur Fortpflanzung?
Ich muss zugeben, dass ich schon darüber nachgedacht habe, ein Tonband ins Fenster zu legen, das Kindergeschrei abspult – damit ich nicht in Verruf komme, unfruchtbar zu sein! Das ist ein bisschen irre hier, letzten Sommer saß ich manchmal im Café und las in einer Zeitung vom Aussterben der Deutschen, und um mich rum nur quengelnde Babys.
Ich finde es schön, in so einem lebhaften Viertel zu leben, aber mein eigener Fortpflanzungsdrang ist jetzt noch nicht so akut.
Dabei haben Sie schon vor über sechs Jahren geheiratet. Sind Sie romantisch oder haben Sie auf Ihren Steuerberater gehört?
Ein romantischer Steuerberater! Nein, für mich war immer klar: wenn überhaupt heiraten, dann spontan. Dieses „wir sind jetzt vier Jahre zusammen und haben ein Kind, sollten wir nicht mal …“, das wollte ich nie. Also habe ich nach zwei Monaten einen Antrag gemacht – und plötzlich kam der knallharte Realismus: Geburtsurkunde rauskramen, aufs Amt gehen … Ende der Romantik.
Damals waren Sie gerade 24. Sie glauben an die ewige Treue.
Ich denke, dass Untreue übers Leben verteilt wohl immer wieder passiert. Aber wenn man offen miteinander umgeht, ist es weniger dramatisch. Ich würde es immer lieber wissen wollen, wenn mein Partner fremdgeht. Man ist ja nicht nur ein Liebespaar, sondern auch befreundet.
Sie kannten sich gerade zwei Monate. Woher wussten Sie, dass sie die Richtige ist?
Das weiß man nie, das ist ja gerade das Schöne.
Das klingt nach Risikofreude. Sind Sie eher der Immobilien- oder der Aktientyp?
Eher Immobilien. An Aktien würde ich mich nicht rantrauen. Ich habe zwar schon eine gewisse Zockermentalität, aber ich muss gut sein in einem Spiel, ich gewinne eben auch gerne. Deshalb spiele ich nichts, wo ich nicht den Überblick habe.
Sie wollen Zocken ohne Risiko?
So ungefähr. Wie beim Pokern: Da hat man zwar ein Verlustrisiko, aber wenn man lange genug spielt, dann kriegt man seinen Verlust aller Wahrscheinlichkeit nach auch wieder zurück.
Ihre Frau, Julia Malik, spielte eine Hauptrolle in der Sat 1-Telenovela „Verliebt in Berlin“. Sie hingegen spielen am Wiener Burgtheater und arbeiten mit Filmregisseuren wie Hans Christian Schmid und Volker Schlöndorff. Gibt es da keinen Neid?
Das glaube ich nicht. Es gibt meiner Meinung nach keine Konkurrenz zwischen den Geschlechtern in unserem Beruf. Julia und ich würden uns ja nie Rollen wegnehmen. Und der Zugang zur Schauspielerei ist bei Frauen sowieso anders. Letztens habe ich zum Beispiel ein Casting für die Buddenbrooks gesehen, eine Liebesszene mit einer jungen Schauspielerin. Sie war unglaublich gut und in diesem Moment richtig verliebt in den Mann. Dieses absolute Aufgeben des Ichs in einem Moment, das fällt Männern schwerer. Deshalb haben auch Schauspielerinnen wie Romy Schneider, Meryl Streep oder Julie Christie so eine Kraft: weil sie haarscharf an der Selbstaufgabe spielen.
Männer können so etwas gar nicht?
Doch, schon. Ich kann mir immer wieder die Szene aus dem Film „Taxi Driver“ angucken, in der der junge Robert de Niro seinem Taxifahrerkollegen erklärt, dass er nicht weitermachen kann. Er ist hilflos, stammelt. Dann erklärt ihm dieser Taxifahrer: „Pass auf, ich habe die Lösung für dich, geh in den Puff und nimm dir irgendeine, mach eine flotte Nummer, sterben tun wir doch sowieso alle.“ Wie Robert de Niro seinen Kollegen darauf anguckt! Er sagt: „Das ist mit Abstand das Dämlichste, was ich je gehört habe.“ Das ist ein Moment, wo alles ganz weich wird.
So weich, dass Ihnen die Tränen kommen.
Ja, das geht schnell bei mir, ich bin sehr sentimental. Zum Beispiel in „Mystic River“, wenn Sean Penn und Tim Robbins auf der Veranda sitzen und Sean Penn von seiner Tochter erzählt und anfängt zu weinen. Wir Zuschauer ahnen: Neben ihm sitzt doch der Mörder! Oh Gott, das ist wirklich Horror.
Sie schauen sich solche Szenen immer wieder an?
Ich weiß bei manchen Filmen sogar die Nummer auswendig, wann eine bestimmte Stelle auf der DVD kommt: Track zwei, Minute 27:25 oder so.
Wie ist das, wenn Sie selbst mitspielen? Können Sie sich das auch immer wieder angucken?
Nein, für mich ist die Arbeit mit der Premiere abgeschlossen. Dann führt der Film ein Eigenleben, da kann man nichts mehr machen.
Bei der Premiere müssen Sie ja zuschauen. Achten Sie da ganz genau auf die Reaktionen im Publikum?
Na klar. Manchmal stehen die Leute einfach auf und gehen raus, das ist ein wirklich dummes Gefühl. Am lustigsten war mal ein Journalist, der saß genau vor mir und Hans Christian Schmid …
… dem Regisseur von „23“, dem Film über einen Computerhacker, der Sie bekannt machte …
… und diesem Journalisten ist ständig der Kopf auf die Brust gesackt, er ist immer wieder eingenickt. Nach dem Film kam er zu uns und sagte: „Wunderbar, wunderbar! Vor allem das Ende – spannend!“
Sie lachen. Wie reagieren Sie auf schlechte Kritiken?
Im Kino habe ich mit den Rezensionen bisher eher Glück gehabt. Und die Theaterkritiken versuche ich bewusst nicht zu lesen. Da gab es auch schon ein paar schlechte, und das ist viel schmerzhafter als beim Film. Die Kritiken für einen Film kommen erst ein Jahr, nachdem ich gearbeitet habe, da ist man biografisch wieder ganz woanders. Es ärgert mich dann zwar – aber man kommt nicht wie beim Theater gerade verschwitzt von der Bühne und muss morgen diese Vorstellung noch einmal spielen. Das ist wirklich hart.
In „Die Fälscher“, Ihrem neuen Film, spielen Sie Adolf Burger, einen KZ-Häftling, der zum Geldfälschen gezwungen wird und der seine Ideale auch unter Lebensgefahr verteidigt.
Die Figur hat mich von Anfang an beeindruckt, Burger hat etwas, das mir fehlt: Klarheit. Ich betrachte Dinge immer von so vielen Seiten, dass mir eine Haltung schwerfällt. Er dagegen weiß, was er denkt, sagt es und handelt danach.
In Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag“ haben Sie einen Nazi gespielt – was reizt Sie mehr: der Böse oder der Gute?
Mich faszinieren ambivalente Charaktere, ich finde es interessant, auch das böse Potenzial im Guten zu zeigen oder zumindest etwas, das ihn aus der Bahn werfen kann. Burger beispielsweise ist auch nicht wirklich gut, er will denen, die ihm nahestehen, seine Ideale überstülpen und übersieht ihr Bedürfnis, einfach nur zu überleben. Das ist, glaube ich, bei allen politisch engagierten Menschen so: Sie haben eine Vision von der Menschheit, aber im kleinen sozialen Bereich sind sie unfähig.
Gibt es etwas, für das Sie so kämpfen würden wie Adolf Burger?
Wenn es direkt mit meinem Beruf zu tun hat, dann kann ich kämpfen. Aber ich würde nie wie Burger mein Leben für ein Ideal aufs Spiel setzen.
Für irgendwas haben Sie sich doch sicher mal eingesetzt.
Na ja, nichts allzu Rühmliches. Ich habe mich mal darüber aufgeregt, dass ein Baum gefällt wurde. Der stand im Innenhof unserer früheren Wohnung. Er war sehr schön und hat die Sicht auf die Nachbarn verdeckt. Eines Tages wurde er einfach abgesägt, weil er Läusebefall hatte. Da bin ich runtergerannt und habe die Leute angebrüllt. Ich wollte eben meinen Baum behalten. Eigentlich war das sehr egoistisch.
Nach „Der neunte Tag“ ist „Die Fälscher“ Ihr zweiter Film über ein Konzentrationslager. In letzter Zeit kamen so viele Filme heraus, die sich mit der Nazi-Zeit beschäftigen, gerade erst „The Good German“ oder Dani Levys „Mein Führer“.
Es gibt nicht zu viele Filme über die Nazi-Zeit, es gibt nur zu viele ähnliche Filme. Selbst in Komödien verspürt der Regisseur oft unterbewusst noch einen Auftrag, er will neben seiner eigentlichen Geschichte seine Haltung zu der Zeit vermitteln. Und wir empfinden das dann zu Recht als eine politische Belehrung. Und wenn ein Film nach Schule riecht, dann ist er schlecht.
Was macht ihn zu einem guten Film?
Wenn man versucht, sich dem Menschen zu nähern. Es führt zu nichts, wenn man denkt: „Das waren Monster!“ Das wirklich unfassbar Schreckliche an der Zeit war, dass die Nazis Menschen waren.
In der Schauspielschule haben Sie mal einen Nazi-Lehrer so überzeugend gespielt, dass Ihre Mitschüler in Tränen ausgebrochen sind.
Das war im ersten Semester. Ich sollte zehn Mitschülern ein Gedicht beibringen, vier Strophen lang. Die Schüler sollten mich boykottieren. Mit allen Mitteln, die in einem autoritären System wie dem der Nazis möglich gewesen wären. Anfangs habe ich das überhaupt nicht hingekriegt. Dann habe ich einen Schüler aus einem älteren Jahrgang reingeholt und ihn gefragt, ob er für mich ein paar Minuten den Schulrektor spielt, und er hat dann in der Klasse alle fertiggemacht, mit Rausschmiss gedroht und so. Danach kippte die Situation ins Reale, alles schien echt, auch das Weinen. Es ging eben wirklich um Status und auch um die Gefühle, die jemand, der Macht hat, empfindet.
Das klingt, als ob Sie stolz waren, die Situation so gut gemeistert zu haben. Sie fühlten sich gut in der Machtposition.
Ich habe vor allem Einsamkeit gespürt. Und ich habe mich gefragt: Warum ich? Damals waren wir gerade mal zwei, drei Wochen an der Schule, und ausgerechnet ich musste den Nazi-Lehrer spielen, dabei war ich bis dahin immer der lustige Kaspar, der Komödienheini. Unsere Lehrerin wollte wohl, dass ich mal einen Harten spiele.
Ihre Frau sagt, es gibt zwei Menschen, über die sie richtig laut lachen kann: Karl Valentin und August Diehl. Sie müssen zu Hause ein komischer Typ sein.
Ich bin so ungeschickt. Und total vergesslich, auch, was Termine angeht. Und wenn ich dann meine Frau anrufe und frage, hast du eigentlich das Auto, ich muss wirklich ganz schnell weg, dann ist das immer großer Lachstoff für sie. Ich lass mich gerne von ihr auslachen – aber sie ist wirklich die Einzige, die das darf.
Wenn Sie so vergesslich sind, wie organisieren Sie dann Ihr Leben: Sind Sie der Typ mit dem elektronischen Kalender oder schreiben Sie kleine Zettelchen?
So einen Blackberry hätte ich schon gerne, ich mag elektronische Sachen. Aber dann schreibe ich doch immer alles auf zehn verschiedene Zettel, je nachdem, wo ich gerade mit dem Telefon stehe, und dann suche ich diese gelben Zettel und finde natürlich nichts mehr … ich bin einfach total chaotisch.
Ihre Frau sagte in einem Interview, die Frauenzeitschriften stapeln sich in Ihrer Wohnung auf dem Boden.
Damit habe ich nichts zu tun – ich blättere sie höchstens mal durch. Aber ich habe Berge von CDs und DVDs. Gerade liegt eine Spanisch-CD auf, ich drehe demnächst in Kolumbien und muss für die Rolle Spanisch sprechen können. Beim Zuhören gehe ich in der Wohnung auf und ab, wie bei allen Dingen, die ich nicht gern mache. Vielleicht denke ich unterbewusst: Wenn ich eine Strecke laufe, dann bringe ich das schneller hinter mich. Telefonate etwa.
Auf welche DVDs würden wir in Ihren Bergen denn stoßen?
Ich kaufe mir alle meine Lieblingsserien auf DVD. „24“ hat mich eine Zeit lang richtig süchtig gemacht, wenn ich mal frei habe, dann kann ich mir die Folgen schon mal alle hintereinander anschauen, auch wenn das den ganzen Tag dauert.
Gibt es im deutschen Fernsehen etwas, das Sie annähernd so begeistert wie Kiefer Sutherlands „24“?
Dittsche ist ganz weit vorn, ich mag Olli Dittrichs Figur. Und Hape Kerkeling, wenn ich seinen Horst Schlämmer sehe, könnte ich mich totlachen. Er karikiert eine ganz bestimmte Art, die es nur in Deutschland gibt: einen typisch deutschen Spießer, der ein bisschen nach Alkohol riecht und ein notgeiler Hypochonder ist. Genial. Dittrich und Kerkeling gehen einfach voll in diesen Rollen auf, sie beherrschen sie und können sie deshalb immer spielen, egal, was passiert.
Sie sind in Frankreich aufgewachsen, in einem Haus auf dem Land. Haben Ihre Eltern dort richtige Landwirtschaft betrieben?
Unser Haus „La Blache“, das ist altfranzösisch für „La Blanche“, „Die Weiße“, war eher ein kleiner Bauernhof, wir hatten Schafe, Ziegen, Hühner. Und haben Käse gemacht. Ich habe übrigens bis heute ein Faible für Stinkekäse. Unser Auto mussten wir zwei Kilometer vom Hof entfernt abstellen, man kann da gar nicht hinfahren. Wir hatten keinen Strom, aber eine eigene Quelle.
Sie müssen als Kind sehr einsam gewesen sein.
Überhaupt nicht, es war fantastisch! Einsamkeit, das Gefühl entwickelt man doch erst in der Pubertät, als Kind kann man sich herrlich selbst beschäftigen! Gelangweilt haben mein Bruder und ich uns jedenfalls nie. Wir sind schwimmen gegangen und ganze Tage einfach draußen geblieben. Das Haus liegt in der Auvergne, dort ist wirkliche Wildnis. Das hat meine Vorstellung von Landleben geprägt. Ich weiß noch, als ich meine Mutter gefragt habe, wenn wir nach Deutschland gehen, ziehen wir dann aufs Land oder in die Stadt? Sie hat gesagt: wieder aufs Land. Und dann fuhren wir nach Bayern: Die Ränder der Wiesen geschnitten und alles geordnet in Wäldchen und Städtchen und Dörfchen. Wo ist denn hier Land?, habe ich mich gefragt.
Die ersten Schuljahre haben Sie in Frankreich verbracht. War da Ihr Vorname ein Problem?
In Frankreich nicht, ich war ja dort Ausländer, da war es nichts Besonderes, dass ich einen anders klingenden Namen hatte. Als ich neun war, zogen wir nach Deutschland, und dort fanden meine Mitschüler den Namen seltsam – ich musste mir „oh du lieber Augustin“ anhören … In der Pubertät fährt man mit diesem Namen nicht so gut.
Haben Sie Ihre Eltern dafür gehasst?
Eine Zeit lang habe ich mich schon gefragt, was sie sich bei dem Namen gedacht haben. August! Inzwischen bin ich eher stolz auf ihn. Er ist selten. Und irgendwann wurde er zum Freund. Man denkt sich: Mit dir, lieber Name, hatte ich schon echt zu knapsen. Aber du bist immer noch da.








