Zeitung Heute : AUSLAND INLAND Im Kern des Kraftwerks

05.11.2011 22:23 Uhr
Keine Ruhe in Fukushima. Das Satellitenbild zeigt das Katastrophen-Akw im März. Nun soll es wieder massive Probleme im Reaktor geben. Foto: dpa Foto: picture alliance / dpa
Keine Ruhe in Fukushima. Das Satellitenbild zeigt das Katastrophen-Akw im März. Nun soll es wieder massive Probleme im Reaktor geben. Foto: dpa - Foto: picture alliance / dpa

Wissenschaftler warnt vor nuklearer Explosion nach unkontrollierter Kettenreaktion in Fukushima

ITALIEN

Massenproteste der Opposition

gegen Berlusconi

Rom - Italiens größte Oppositionspartei hat auf einer nationalen Kundgebung einmal mehr Front gegen Silvio Berlusconi gemacht - mit SPD-Chef Sigmar Gabriel als prominentem Redner. Während Slogans und Transparente auf der Piazza San Giovanni in Rom am Samstag den Rücktritt des politisch angeschlagenen Regierungschefs verlangten, ging Gabriel allerdings über die heikle italienische Innenpolitik hinweg: Er forderte auf der Kundgebung der wichtigsten Oppositionspartei PD (Demokratische Partei) den Kampf der sozialdemokratische Kräfte in Europa „für die Rückkehr der Demokratie und gegen die Herrschaft der Finanzmärkte“.

PD-Chef Pierluigi Bersani verlangte vor zehntausenden Teilnehmern einen Kurswechsel. „Wir versprechen, Italien wieder dorthin zu bringen, wo es hingehört“, rief er aus. dpa

KOLUMBIEN

Militärs töten

Chef der Farc-Rebellen

Bogota - Der Führer der linksgerichteten Guerilla „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) ist vom Militär getötet worden. „Alfonso Cano“, der mit bürgerlichem Namen Guillermo Sáenz hieß, sei am Freitag bei einem Bombenangriff in der Umgebung der Ortschaft Suárez getötet worden. Präsident Juan Manuel Santos sagte: „Es ist der härteste Schlag, den die Farc in ihrer Geschichte erlitten hat.“ Die Leiche des 63-jährigen Farc-Chefs wurde nach einem Bericht des Nachrichtensenders CMI von Soldaten neben der seiner Lebensgefährtin gefunden. Die Farc ist die größte und älteste Guerilla-Gruppe des Landes, seit 1964 kämpfen die Rebellen gegen den Staat. Nach Einschätzung von Kritikern ist dieser Kampf aber kaum noch politisch motiviert, sondern eng mit Drogenhandel, Mord und Lösegelderpressung verbunden. dpa

PAKISTAN

Anschlag auf Benazir Bhutto:

Justiz klagt sieben Männer an

Islamabad - Die pakistanische Justiz hat Anklage gegen sieben Männer wegen ihrer Rolle bei der Ermordung der Oppositionsführerin Benazir Bhutto vor knapp vier Jahren erhoben. Fünf mutmaßliche Taliban- Mitglieder und zwei Offiziere der Polizei seien angeklagt worden, sagte der Staatsanwalt Chaudhry Azhar. Den beiden Polizisten – einer war Polizeichef von Rawalpindi zur Zeit des Selbstmordanschlags am 27. Dezember 2007 – wird die Verletzung der Sicherheitsvorschriften und ihre Unfähigkeit vorgeworfen, die frühere Premierministerin und Oppositionsführerin zu schützen. Die fünf mutmaßlichen Taliban-Mitglieder müssen sich wegen einer „kriminellen Verschwörung“ verantworten. Sie sollen den Selbstmordattentäter in die Garnisonsstadt Rawalpindi gebracht haben. AFP

NIGERIA

Dutzende Tote

bei blutigen Anschlägen

Abuja - Bei einer Serie von blutigen Anschlägen in Nigeria sind Dutzende Menschen getötet worden. In verschiedenen Berichten war von mindestens 60 bis zu 150 Toten die Rede. Zu den Anschlägen bekannte sich ein Sprecher der islamistischen Sekte Boko Haram. Seit Jahren verübt diese immer wieder Anschläge auf Polizeistationen und christliche Kirchen. AFP/dpa

JEMEN

Vier mutmaßliche

Al-Qaida-Terroristen getötet

Kairo/Sanaa - In der südjemenitischen Hafenstadt Sindschibar haben Regierungstruppen offenbar vier mutmaßliche Mitglieder des Terrornetzwerkes Al Qaida getötet. Das jemenitische Nachrichtenportal „nabanews“ berichtete unter Berufung auf einen Militärvertreter, dass die Streitkräfte ein Versteck von Aufständischen unter Beschuss genommen hätten. dpa

Einigung im Tarifstreit

der Uni-Ärzte

Berlin - Die drohenden Streiks der Ärzte an deutschen Uni-Kliniken sind in letzter Minute abgewendet worden. Die Tarifparteien einigten sich am Samstag in Berlin auf eine lineare Erhöhung der Gehälter um 3,6 Prozent. Außerdem sei eine Einmalzahlung von 350 Euro vorgesehen, teilte der Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), mit. Der Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Rudolf Henke, sprach von einem „vertretbaren Kompromiss“. Als Laufzeit für den neuen Tarifvertrag, der sofort in Kraft tritt, wurden 20 Monate vereinbart. Betroffen sind etwa 20 000 Klinikärzte in mehreren Bundesländern. dpa

Verfassungsschutz: Kein neuer Linksterrorismus in Deutschland

Berlin - Trotz einer Serie von Brandanschlägen auf Berliner Bahn-Anlagen sieht der Verfassungsschutz keinen neuen Linksterrorismus in Deutschland. Terroristische Ansätze seien nicht zu erkennen, sagte Präsident Heinz Fromm. Die linke Szene verübe keine gezielten Angriffe auf Menschen. „Das wird erklärtermaßen zurzeit vermieden, weil man das zu Recht für nicht vermittelbar hält“, sagte er. Fromm widersprach damit einigen Unionspolitikern, die angesichts der Anschläge und Anschlagsversuche vor einem neuen Linksterrorismus gewarnt hatten. Der Präsident räumte aber ein, dass man die Entwicklung im Auge behalten müsse. Es gebe eine gestiegene Gewaltbereitschaft bei Auseinandersetzungen auf der Straße – insbesondere zwischen Links- und Rechtsextremisten. dpa



Warnung der Kanzlerin:

Schuldenkrise dauert zehn Jahre

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor der Erwartung gewarnt, die Schuldenkrise werde auf einen Schlag vorbei sein. Die Schulden seien über Jahrzehnte aufgehäuft worden, daher werde es „sicherlich eine Dekade dauern, bis wir wieder besser dastehen“, erklärte Merkel in ihrem am Samstag veröffentlichten wöchentlichen Video-Podcast. Sie beteuerte, es gebe keinen Anlass zum Pessimismus, was die Wirtschaftsentwicklung angehe. Zugleich betonte Merkel jedoch: „Wenn es Europa nicht gut geht, wird es auch Deutschland nicht gut gehen.“ Es gelte, alles daran zu setzen, in Europa die Dinge in Ordnung zu bringen. „Und da haben wir noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns, das muss ich sagen.“ In Europa müssten sich alle anstrengen und ihre Hausaufgaben machen. rtr

Debatte über Mindestlöhne

gewinnt an Fahrt

Berlin - Der Streit über gesetzliche Lohnuntergrenzen geht weiter. Die Arbeitgeber und die FDP-Spitze sehen das Vorhaben nach wie vor skeptisch. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) lehnt einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen, wie ihn SPD, Grüne und Linkspartei fordern, ab. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will ein Mindestlohngesetz noch in dieser Wahlperiode durchsetzen. Der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis sagte der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“: „Ich halte den Vorschlag für vernünftig, keinen einheitlichen Mindestlohn mit einem Fixbetrag festzulegen, der in allen Branchen gilt.“ Es sei besser, die Tariffindung einer Kommission zu übertragen, wie die Union es wolle. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte: „Einheitliche gesetzliche Mindestlöhne nehmen den Schwächsten am Arbeitsmarkt ihre Chancen auf Einstieg in Arbeit.“ Die Beweise lieferten alle Länder mit einheitlichen Mindestlöhnen. „Sie haben eine dramatisch höhere Jugendarbeitslosigkeit als Deutschland“, sagte Hundt der „Welt“. FDP-Vize Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte: „Die FDP kann sich auf das Abenteuer eines gesetzlichen Mindestlohnes nicht einlassen.“ dapd

München - Angesichts der Berichte über eine unkontrollierte Kernspaltung im japanischen Unglücksreaktor Fukushima warnt der Münchner Strahlenexperte Edmund Lengfelder vor der Möglichkeit einer nuklearen Explosion. Es wäre „eine Art Atombombe im Minimaßstab“, sagte Lengfelder. „Die Wahrscheinlichkeit kann ich allerdings überhaupt nicht abschätzen.“ Denn niemand wisse, wie viel angereichertes Uran auf welche Weise in den havarierten Atomkraftwerksblöcken zusammengeflossen sei.

Lengfelder hatte nach dem Super-Gau von Tschernobyl vor 25 Jahren die Gesellschaft für Strahlenschutz und das Münchner Otto-Hug-Strahleninstitut gegründet. Er betreut bis heute Menschen mit Schilddrüsenkrebs in der ehemals sowjetischen Katastrophenregion.

Acht Monate nach dem Super-Gau in Fukushima seien dort nun die Radioisotope 133 und 135 des Gases Xenon gefunden worden, sagte Lengfelder. Da diese Isotope Produkte einer Kernspaltung sind und nur eine Halbwertzeit von etwa fünf Tagen beziehungsweise neun Stunden haben, könnten sie nicht aus der Zeit des Unfalls im März stammen. „Es gibt dort eine spontane Kernspaltung – da kann alles passieren, auch wenn man sagt, es ist nicht wahrscheinlich. Aber was von Aussagen über Wahrscheinlichkeiten zu halten ist, haben wir am 11. März gesehen.“ Damals hatten ein in dieser Stärke nicht erwartetes Erdbeben und ein Tsunami das Atomkraftwerk schwer beschädigt und den Super-Gau ausgelöst.

In einem funktionierenden Reaktor werde die Kettenreaktion durch Steuerstäbe unter Kontrolle gehalten. „Aber diese Steuerung gibt es in einer Kernschmelze ja nicht mehr“, sagte Lengfelder. Was die aktuelle Strahlenbelastung angehe, sei angesichts der Gesamtbelastung seit dem Unfall die neuerliche Kernspaltung nicht von großer Bedeutung. „Aber es bedeutet, dass (der Betreiber) Tepco noch weiter als bisher behauptet davon entfernt ist, die Dinge in den Griff zu bekommen.“ Wie lange eine solche Kernspaltung anhalte, sei nicht vorauszusehen. Je nach der Menge und der Lage des spaltbaren Urans könne sie auch über Jahre andauern – und die Menge in Fukushima sei sehr groß, es gehe um Tonnen.

In jedem Fall sei die partielle Sperrzone von 50 Kilometer viel zu gering. Sie müsse mindestens 100 Kilometer in die Hauptrichtung Nordwest betragen. Außerdem habe die japanische Regierung die Grenzwerte für Kinder auf 20 Millisievert pro Jahr heraufgesetzt. „Das ist in Deutschland die maximale Strahlenbelastung für einen Atomkraftwerksarbeiter – aber nichts für ein Kind“, kritisierte Lengfelder. Es sei zu erwarten, dass die Krebsrate bei den Kindern massiv steigen werde, auch Fehlbildungen bei Neugeborenen seien zu befürchten. dpa

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