Zeitung Heute : Auslese

Lektoren, Verlagschefs, Agenten, Literaturkritiker: Die Profis im Gewerbe wissen irgendwann nicht mehr, wohin mit den vielen Büchern. Was sie tun? Antworten von Denis Scheck, Elke Heidenreich, Michael Krüger.

Eva Kalwa

Sie sind überall. Meterhoch stapeln sie sich in Ecken, auf dem Flur, sogar neben dem Klo. Sie blockieren Dachböden, Keller und den Weg zum eigenen Bett. Wohin mit den Büchern?

Michael Krüger, Schriftsteller und Verleger des Münchener Hanser-Verlags, hat erst einmal in seinem Leben ein Buch weggeworfen: Rilkes kurze Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, die Krüger, da sie einen tüchtigen Guss aus der Kaffeetasse abbekommen hatte und nicht mehr zu säubern war, seinem Hausmüll übergab. Am nächsten Morgen klingelt es, stand der Hausmeister mit dem befleckten Bändchen vor der Tür. Es könne doch nur ein Versehen sein, dass Herr Krüger ein Buch fortgeworfen habe, erklärte der Finder stolz. Schuldbewusst seinen Dank murmelnd nahm Krüger das Buch wieder an sich und stellte es zurück ins Regal. Der Vorfall ist 30 Jahre her. Seitdem hat der Verleger nie wieder versucht, ein Buch wegzuschmeißen. Heute verteilt er den Überschuss an junge Menschen im Verlag oder spendet ihn an Altersheime und Gefängnisse.

Alle, die gerne lesen, kennen das Problem: Wohin? Wohin mit den hunderten, tausenden von Schmökern, die sich im Laufe der Jahre ansammeln? Das Problem stellt sich jetzt ganz akut, wenn zur Buchmesse in Frankfurt wieder Tausende von Neuerscheinungen auf den Markt kommen, und viele davon spätestens zu Weihnachten auf den Gabentisch. Menschen, die professionell mit Literatur zu tun haben, sind von der wundersamen Buchvermehrung besonders betroffen. Das heißt auch, dass Verleger, Kritiker, Schriftsteller und Literaturagenten die größte Erfahrung im Entwickeln von Bewältigungsstrategien haben.

Fast allen fällt es schwer, Bücher zu entsorgen, empfinden es als Verrat an der Literatur, als frevelhaften Akt gegen die geistige Leistung eines anderen. Bei vielen schwingen auch Gedanken an die Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten mit.

Literaturkritiker Denis Scheck ist ein Verfechter der rigiden Auslese: „Für jedes neue Buch muss ein altes raus.“ Einmal im Jahr nimmt sich der Besitzer von rund 5000 Bänden mit seiner nicht weniger bibliophilen Lebensgefährtin ein Wochenende Zeit, um auszusortieren. 45 Einkaufstüten haben beide zusammen beim letzten Mal an das Europäische Übersetzer-Kolloquium in Straelen am Niederrhein gespendet. Doch Scheck ist nicht so hartgesotten, wie er gern sein möchte: Auch bei ihm zu Hause zeigten die Bücher eine heftige Tendenz zur Stapelbildung und Doppelreihigkeit, erzählt er und fragt angesichts der Büchermauern, die er zwischen sich und der Welt auftürmt: „Bin ich eine Kafka-Figur?“ Seine größte Angst sei es, einmal enden zu können „wie diese alten Katzendamen“: „Auf 60 Quadratmeter mit 80 Katzen und nichts zu essen im Haus!“ Nur dass es sich in seinem Fall eben nicht um Katzen, sondern um Bücher handeln würde. Zum Glück kann das schon deshalb nicht geschehen, weil der 43-Jährige sich nichts sehnlicher wünscht als einen Hund. Außerdem isst er zu gerne.

Für viele ist Spenden der einzige Weg, um der Massen Herr zu werden. Die Kritikerin Elke Heidenreich und die Literaturagentin Gudrun Hebel verschenken ihre aussortierten Exemplare an diverse Stadtbibliotheken, Kolumnistin und Autorin Fanny Müller gibt ihre an den kirchlichen Winterbasar in Hamburg. Barbara Wenner beschenkt in ihrer Berliner Literaturagentur ihren Computer-Fachmann, der eine lesewütige Verwandtschaft besitzt, auch ihre Briefträgerin kann sich des Öfteren über kostenlosen Lesenachschub freuen. Beim letzten Umzug hat Wenner 160 Bücherkartons hinauf in den vierten Stock transportieren lassen – noch ist Platz für ein paar Kisten mehr in der neuen Wohnung. Doch wie lange? „Bücher vermehren sich wie weiße Mäuse“, sagt die Agentin.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn mancher glaubt, aus dem heimischen Labyrinth keinen Ausweg mehr zu finden. Ganz aufgegeben hat Iris Radisch von der „Zeit“ den Kampf gegen die nicht abebbenden Fluten, zumindest im Augenblick: Sie habe einfach zu viele Bücher und verfüge weder über die Zeit, welche auszusortieren, noch wisse sie, wohin mit den wachsenden Stapeln zu Hause und im Büro. „Es ist katastrophal“, lautet die lakonische Bestandsaufnahme.

Kurz vor der Kapitulation steht manchmal auch Erhard Schütz, Professor für Literatur an der Humboldt-Universität. Der 62-Jährige spendet seinen bedruckten Überfluss an osteuropäische Universitäten oder pflegt ihn für Studenten vor seinem Dienstzimmer „auszusetzen“: „Das sind nur halbherzige Versuche und Tropfen auf den heißen Stein“, sagt der Besitzer von rund 14 000 Büchern. Eigentlich habe er seiner Frau versprochen, für jedes neue Exemplar, das er nach Hause bringe, ein anderes mit in sein Büro („ein antiquarisches Lager“) zu nehmen. Eigentlich. Denn: „Keine Ahnung, was passiert, wenn ich in drei Jahren pensioniert werde und das Büro nicht mehr habe“, sagt Schütz, halb amüsiert, halb ernsthaft besorgt.

Wer wie Pinar Kür über mehrere Wohnstätten verfügt, kann also von Glück sagen: Ihre tausende von Büchern kann die Schriftstellerin in Istanbul in zwei Häusern verteilen – auch wenn die freien Stellflächen zusehends schwinden. Vor allem die zahlreichen handsignierten Exemplare anderer Autoren nehmen viel Platz ein: „Aber ich vermag solche Geschenke nicht wegzugeben“, sagt die Autorin, die am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse aus ihrem neuen Roman „Mordsfakultät“ liest.

Manche Situationen erfordern die radikale Konzentration auf das Wesentliche. Daher ist die Lösung der Verlegerin des Berlin Verlags, Elisabeth Ruge: Nicht weggeben, sondern einlagern. Ruge hat vor dem Umzug in das Haus am Schlachtensee, in dem sie mit ihren Kindern wohne, etwa 50 Bücherkisten bei Bekannten gelagert und nur eine kleine, ausgewählte Bibliothek mitgenommen. Darin unter anderem Werke von Kafka, Robert Walser, Kleist, Gogol, Flaubert, Philip Roth und Pynchon. Nur das im geistigen Sinne Lebensnotwendigste findet unter den relativ niedrigen Decken und in dieser von ihr als Übergang empfundenen Phase – für die Tochter des vielgereisten TV-Journalisten Gerd Ruge ein im positiven Sinne „grundsätzliches Lebensgefühl“ – seinen Platz. Die selbstauferlegte Pflicht zur Beschränkung birgt für Ruge auch viel Vergnügen: „Ich genieße im Moment die Notwendigkeit, Entscheidungen treffen zu müssen.“

Das Leben mit Büchern am Rande des Chaos muss demnach nicht erdrückend sein, sondern kann anregen, kreative Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Das gilt auch für Kulturjournalist Gert Scobel („Kulturzeit“, „delta“, „scobel“). Sein altes System, die acht Stufen zu seinem Arbeitszimmer mit Stapeln aus hunderten von Büchern zu säumen, um das Abzuarbeitende nicht aus dem Blick zu verlieren, greift beim aktuellen Bestand von etwa 6000 Büchern nicht mehr. Daher will er sich etwas einfallen lassen: Bei seinem Heimatdorf in der Nähe von Frankfurt gibt es ein hübsches Schlösschen, und er überlegt, dort eine kleine öffentliche Bibliothek mit dem Gros seiner Bücher einzurichten. Die Bücherei hätte zwei Mal die Woche geöffnet, die Nutzer müssten einfach einen Zettel hinterlassen, bis wann sie ein Buch ausleihen. „Und ich kann immer herein, wenn ich etwas brauche“, das wäre Scobels einzige Bedingung.

Auch der 49-Jährige tut sich schwer mit dem Wegwerfen. Ganze fünf Exemplare seien es in seinem Leben gewesen. Eins davon, ein englischsprachiges Taschenbuch, hat er auf einer Reise gekauft und kurzerhand entsorgt, weil es „so schlecht geschrieben war“. Welches es war? Scobel überlegt kurz: Nein, die „Illuminati“ seien es nicht gewesen. Aber ein anderes Buch aus der selben Feder.

Einen der radikalsten Wege, um sich der papierenen Platzräuber zu entledigen, wählte Hermann Hesse. Der Schöpfer des „Siddhartha“ und des „Glasperlenspiels“ war ein eifriger Rezensent, an die 3000 Besprechungen hat er verfasst. Da er aber nur von ihm als gelungen empfundene Werke besprach, war die Anzahl der Rezensionsexemplare, deren Unterbringung er bewältigen musste, vermutlich um ein Vielfaches größer. Seine fantasievolle Lösung: Er vergrub zahllose Bücher im Garten seines Gaienhofener Hauses am Bodensee – und befestigte auf diese Weise die Fußwege durch die selbst angelegten Gemüse- und Blumenbeete.

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