Zeitung Heute : Ausmisten gehört zum Job

JULIANE VON ZEZSCHWITZ

Pferdewirt - ein Traumberuf, in der Realität jedoch ein hartes BrotVON JULIANE VON ZEZSCHWITZFür Annette ist es der Traumjob.Acht bis zwölf Stunden verbringt sie täglich in der Reitschule, gibt Unterricht, bewegt Privatpferde oder bildet jüngere Pferde aus.Vor zehn Jahren sattelte die gelernte Landwirtin von schweren Landmaschinen auf Pferde um und wurde Pferdewirtin.Heute ist sie fast an ihrem Ziel: nach der Fortbildung zum Reitwart (der sie befähigt, Reitunterricht zu geben) strebt sie nun die Meisterprüfung an.Als staatlich anerkannter Pferdewirtschaftsmeister darf sie dann einen Pferdebetrieb selbständig führen und Lehrlinge ausbilden. So schön es klingt, die Passion zum Beruf zu machen, so ernüchternd sieht aber die Wirklichkeit aus."Aus finanziellen Gründen entscheidet sich niemand für einen solchen Beruf," erklärt die 32jährige Mutter zweier Kinder."Meine Familie könnte ich mit dem, was ich hier verdiene, nicht ernähren." Auch die dreijährige Lehrzeit zum Pferdewirt ist für manchen Berufseinsteiger eine herbe Enttäuschung."Viele junge Leute kommen mit falschen Vorstellungen hierher", betont Reimer Kehr, ehemaliger Gestütswärter, der sich auf dem Reiterhof Schenkenhorst um die Auszubildenden kümmert."Sie denken, sie könnten den ganzen Tag Pferde streicheln und wundern sich über die vielen täglichen Arbeiten, die hier sonst noch verrichtet werden müssen." Schon während des zweiwöchigen Praktikums stellt sich für ihn heraus, wer das Zeug zum Pferdewirt hat."Wir sieben die Bewerber aus", erklärt er."Von den letzten 18 Praktikanten war bei 16 abzusehen, daß sie nicht mal die Probezeit durchhalten würden." Nicht die Noten der Schulzeugnisse zählen - im allgemeinen wird der Haupt- oder Realschulabschluß verlangt - sondern die charakterliche und geistige Eignung für die recht harte Arbeit. Claudia ist eine der sechs Auszubildenden, für die ein Job im Büro, wie ihn die Eltern lieber gesehen hätten, nie in Frage käme: "Da hätte ich mich total eingesperrt gefühlt.Ich wollte immer etwas mit Natur und Tieren machen," betont sie.Wie ihre größtenteils weiblichen Mitlehrlinge wohnt sie auf dem Reiterhof und bekommt - nach Lehrjahr gestaffelt - zwischen 550 und 750 Mark im Monat. Ihr Arbeitstag beginnt um 6 Uhr 30 mit dem morgendlichen Ausmisten der Ställe.Dreimal am Tag müssen die 110 Pferde in Schenkenhorst gefüttert werden.Manche werden auf die Koppel gebracht, andere - besonders die Ponies, die immer draußen bleiben - werden für den Schulbetrieb von der Weide zum Sattelplatz getrieben.Stallgasse, Sattelkammern und der Hof müssen blitzeblank gefegt und das weitläufige Gelände sowie Maschinen und Geräte in Ordnung gehalten werden.Dann fährt Claudia mit dem Trecker herum, kontrolliert oder repariert die Zäune und lädt Heuballen auf.Um 21 Uhr 30 wird ein letzter Stallrundgang gemacht und noch einmal nach den Pferden gesehen. Zweimal in der Woche bekommt sie Reitunterricht, was ihr natürlich am meisten Spaß macht.Je nach Art und Spezialisierung des Betriebs wird der Schwerpunkt der Ausbildung entweder auf Zucht und Haltung oder auf Reiten gelegt.Claudias Ausbildung bezieht sich auf den ersteren, was bedeutet, daß sie vor allem in der Pferdepflege und -versorgung, in Vererbungslehre, Rassen und Veterinärkunde, aber auch im Transportieren, Führen und Longieren von Pferden unterrichtet wird. Begleitet wird die Ausbildung im Betrieb von einer alle vierzehn Tage stattfindenden Berufsschulwoche.Nach dem ersten Jahr muß eine Zwischenprüfung, nach dem dritten die Abschlußprüfung vor einer von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung bestellten Kommission abgelegt werden.In überbetrieblichen Lehrgängen auf entsprechenden Landesreitschulen oder Gestüten werden die Auszubildenden darauf vorbereitet."Leider gibt es immer noch Reitschulen, die sich nicht an die Richtlinien halten und die Auszubildenden als billige Arbeitskräfte ausnutzen", kritisiert Claudia. Informationen bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e.V., Postfach 11 02 65, 48231 Warendorf, t 02581 / 6362-0; oder bei der Zentralen Fachvermittlungsstelle für Berufe des Reit- und Fahrwesens und der Pferdezucht, Arbeitsamt Verden, Münchmeyerstraße 6, 27283 Verden / Aller, t 04231 / 80 93 14.

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