Zeitung Heute : Ausrutscher werden nicht geahndet

Marlis Heinz

Bei den "Profis" sieht alles so einfach aus: Sie knien sich in einen tiefen Ausfallschritt, stoßen sich von einer Art Startblock ab, schlittern elegant ein paar Meter geradeaus, ehe sie den neben ihnen gleitenden Stein loslassen und dieser allein seine Bahn zieht. Andere Mannschaftsmitglieder schrubben gegebenenfalls mit dem Besen vor dem Stein. Dadurch schmilzt die Eisoberfläche zu einem Wasserfilm, der das flinke, runde Ding noch schneller und mit einem bestimmten Drall gleiten lässt.

Wer sich erstmals in Sachen Curling aufs Glatteis begibt, kann hundertprozentig mit Ausrutschern rechnen. Deshalb bekommt der Neueinsteiger erst einmal nur den Besen in beide Hände gedrückt. Den muss er dann quer wie einen überlangen Fahrrad-Lenker vor sich her über das Eis schieben. Erst wenn es mit Geschwindigkeit und Gleichgewicht einigermaßen klappt, geht das Üben mit den richtigen Steinen weiter. Trotzdem - das erste Spielchen in Familie kann man schon bald wagen. Das Mieten einer Curling-Bahn nebst Equipment geschieht in der Eishalle Geising so, als wolle man anderswo bowlen. Zwei Stunden am Wochenende kosten für Erwachsene zwei Euro fünfzig, Kinder zahlen gut die Hälfte.

Ermutigend: Selbst jene, die auf Geisings glattem Eis ein gutes Bild abgeben, sind vom Curling-Fieber auch erst seit rund drei Jahren befallen. Das vor fast 500 Jahren in Schottland entstandene Spiel hielt mit der Fertigstellung der neuen Eishalle Einzug im Osterzgebirge. Frank Gössel, Geisings Bürgermeister, ist oft an der Bande anzutreffen und natürlich absoluter Regel-Experte. "Ziel des Ganzen ist, dass die eigenen Steine - und nicht die der gegnerischen Mannschaft - im Haus, einem grünen Ring auf dem Eis, liegen bleiben. Ähnlich dem Billard stoßen sich die farblich gekennzeichneten Steine gegenseitig umher - und aus dem Rennen." Sein Tipp: "Touristen sollten sich anmelden, dann ist auch immer einer da, der es vielleicht besser kann und als Trainer fungiert."

Auch sein Altenberger Amtskollege Thomas Kirsten brennt für den Wintersport: "Manchmal brauche ich es, dann muss ich die Bahn runter." Die Rede ist von der Rennschlitten- und Bobbahn Altenberg. Aber auch wenn die Altenberger Bahn eine der modernsten und schwierigsten der Welt ist, Gäste-Rodler sind - außerhalb der Wettkämpfe freilich - dennoch willkommen und können ohne Furcht in die Bobs steigen. Denn mit ihnen sitzen zwei erfahrene Sportler in der rumpelnden Kiste, die lenken und bremsen - und nach einer Minute ist ohnehin alles vorbei. (58,80 Euro pro Person und Abfahrt).

Doch eigentlich will der Winterurlauber ja vor allem glitzernden Schnee. Wie steht es damit im Osterzgebirge, dessen "Gipfel" bei Altenberg so um die 900 Meter hoch liegen? "Bei uns scheint an 340 Tagen im Jahr die Sonne", verspricht Bürgermeister Kirsten hoch und heilig - wobei er vermutlich jedes Blinzeln mitrechnet. Und er kann auch damit aufwarten, dass die Loipe seines Ortes über 80 Tage im Jahr gespurt ist und die Piste durch die Beschneiungsanlage rund 90 Tage im Jahresdurchschnitt für Abfahrten taugt.

Auch die technische Ausstattung des Osterzgebirges kann sich sehen lassen: In sechs der 19 Tourismusgemeinden der Region läuft ein Skilift oder sogar mehrere. Die Pisten sind bis zu 900 (Hermsdorf) und 1500 Metern (Rehefeld) lang, wenngleich - verglichen mit den Hochgebirgen - nicht eben halsbrecherisch. Sechs Orte spuren Loipen oder präparieren Skiwanderwege. So gibt es etwa rund um Holzhau ein 50 Kilometer weites Netz von Loipen und um Altenberg und Geising etwa 30 Kilometer Skiwanderwege. Die Mehrzahl der Orte wirbt mit Rodelhängen, in Frauenstein gibt es den längsten mit immerhin 1500 Metern. Wer den Klamauk beim Snow-Tubing liebt, ist in Rehefeld oder Schellerhau richtig.

Man kann es jedoch drehen und wenden wie man will: Es gibt trotz Höhe und Schneesicherheits-Statistik auch die Tage ohne die weiße Pracht und noch schlimmer - die Tage, an denen grauer Matsch und grauer Himmel zu grauer Trübnis verschmelzen. Was dann? Wir schauten uns nach Gemütlichkeiten abseits von Piste und Loipe um - und wurden fündig: ein Wohlfühlbad, jede Menge Museen, Unter-Tage-Exkursionen, Schmalspurbahn ... Langeweile, dürfte also nicht aufkommen bei einem Winterurlaub im Osterzgebirge.

Allerdings: Für Freunde des ausgelassenen und vielfältigen Après-Ski hat die verträumte Gegend wenig zu bieten. Lifestyle ist hier gemütlicher Lebensstil. Mit alpinen Nobel-Skiorten werden die Erzgebirgsdörfer sicherlich auf absehbare Zeit auch nicht konkurrieren können - aber vielleicht sollten sie es auch nie versuchen.

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