Zeitung Heute : Außen stark, innen schwach

Carsten Brönstrup

Die deutschen Exporte sollen auch in den kommenden Jahren um durchschnittlich fünf Prozent im Jahr wachsen. Welche Auswirkungen hat dies auf die Konjunktur?

Ohne den Exporterfolg ginge es der deutschen Wirtschaft noch schlechter als bereits heute. In den vergangenen Jahren haben die deutschen Unternehmen ihre Ausfuhr im Schnitt um mehr als sechs Prozent gesteigert. Das war die entscheidende Stütze für die Wirtschaftsentwicklung. Eine andere gibt es nicht, die Binnennachfrage stagniert seit Jahren. Das liegt an der Kaufzurückhaltung der Bürger, aber auch an den geringen Ausgaben des Staates und an der Skepsis der Unternehmen, die hier zu Lande trotz bester Geschäfte nur zögerlich investieren.

Der Lehrbuch-Theorie zufolge müsste eine starke Nachfrage nach Autos, Maschinen oder Elektrogütern aus deutscher Produktion dafür sorgen, dass schon bald die Binnenwirtschaft an Schwung gewinnt. Der Grund: Wenn die Unternehmen mehr Waren an das Ausland absetzen, erweitern sie ihre Fabriken und stellen neue Leute ein – das wiederum senkt die Arbeitslosigkeit und stärkt die Kaufkraft. All das geschieht in Deutschland aber nicht. Über die Gründe zerbrechen sich die Wirtschaftsexperten seit Monaten den Kopf. Einige, wie der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn, machen die Globalisierung für die Misere verantwortlich. Seiner Ansicht nach sind die Deutschen nur auf dem Papier Exportweltmeister. In den ausgeführten Waren steckten immer mehr im Ausland billig hergestellte Vorprodukte – die würden dann bei uns nur noch zusammengeschraubt. Ein deutsches Auto besteht etwa zu 38 Prozent aus Komponenten, die Arbeiter im Ausland hergestellt haben.

Dass die Firmen im Ausland einkaufen, hat natürlich auch mit den Problemen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu tun. Die Lohnstückkosten sind, trotz einiger Verbesserungen, immer noch höher als in vielen Nachbarländern. Um sie zu drücken, setzen die Firmenchefs Automaten statt menschlicher Arbeit ein. Damit lassen sich dann auch zusätzliche Aufträge aus dem Ausland abarbeiten, ohne neue Leute einstellen zu müssen. Gleichzeitig suchen viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften – im Heer der fast fünf Millionen Arbeitslosen finden sie nicht genügend gut ausgebildete Bewerber. Vermutlich würde selbst ein Exportwachstum von sieben oder acht Prozent also kaum dazu führen, dass die Binnenwirtschaft in Fahrt kommt – es sei denn, eine neue Regierung löste die Arbeitsmarktprobleme.

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