Zeitung Heute : Außer Kontrolle geraten

Folge des Maut-Desasters: Hunderte werden umgeschult

Torsten Hampel[Erkelenz]

Was er, aus allen möglichen Gründen, wollte, war dies: Er wollte immer mit Lastkraftwagen zu tun haben. Er war einmal ein Speditionskaufmann, dann ein Umschlagtransportoffizier bei der Bundeswehr. Und jetzt sollte er ein Mautkontrolleur sein.

Helmut Greiner ist ein Mann von Mitte 30. Sein Kollege Armin Hofmann ist älter als er. Als Greiner geboren wurde, hat Hofmann angefangen mit der Arbeit, die sie beide jetzt gemeinsam machen. Lastwagenkontrolleur im Außendienst, klassisch, sagen sie dazu. Sie sitzen in einem Mercedes-Transporter, 120 PS, Greiner auf dem Beifahrersitz, auf der Autobahn 46 zwischen Erkelenz und Jüchen, westlich von Düsseldorf. Der Himmel ist aus tropfendem Schiefer.

Helmut Greiner macht eine Umschulung zum Klassiker. Eine Kurzeinweisung hat er gemacht letzten Herbst, zwei, drei Tage Güterkraftverkehrsgesetz, zwei, drei Tage Kraftfahrzeugsteuergesetz, Lebensmittelrecht, Weinrecht, Abfallrecht. Seit November sitzt er in diesem Mercedes-Transporter. Eigentlich sollte er in einem anderen Auto sitzen.

Auch Mercedes, aber kleiner und moderner, mit zwei Computern, einem Drucker und einem Scanner; denn Greiner ist Mautkontrolleur. Er ist einer von 510 Menschen, die das Bundesamt für Güterverkehr seit vorletztem Jahr ausgebildet und eingestellt hat, damit sie überwachen, ob Lkw-Fahrer ihre Autobahnmaut bezahlen, ob sie die Geldabrechnungstechnik manipulieren zum Beispiel. Insgesamt sind 830 Neue in der Abteilung „Mautkontrolle und Mautverwaltung“ beschäftigt. Es hätte losgehen können. Das Bundesamt für Güterverkehr hat alles richtig gemacht.

Weil das Wetter an diesem Montag so schlecht ist, winken Greiner und Hofmann die Laster nicht an einer Raststättenausfahrt raus. Zu gefährlich, die Fahrer würden die beiden zu spät sehen. Deshalb fischen sie heute. Im Mercedes-Transporter, Blick im Rückspiegel, da kommt einer, den nehmen wir.

Die Wagen vor ihnen ziehen Gischtwolken hinter sich her, die Tropfen prasseln wie harte Erbsen auf die Frontscheibe. Es summt jetzt auch. Immer wenn hinten auf dem Dach das „Bitte folgen“-Schild eingeschaltet ist, summt es.

Hofmann liest die Daten auf der Tachoscheibe und sagt rauf zum Lasterfahrer: „Hier, ihr habt ja gar keinen Kilometerstand drauf heute morgen.“ Der Lasterfahrer oben in seinem Führerhaus sagt: „Ja, das wundert mich jetzt auch.“ Macht 15 Euro. Greiner hat den Kopf zwischen den Schultern und nickt. Er trägt eine Fellmütze, die Wintermütze. Hofmann hat die weiße Sommer-Schirmmütze auf dem Kopf. Greiner friert.

Danach sitzen sie wieder am Autobahnrand und schauen in den Rückspiegel. „Begeistert ist natürlich keiner“, sagt Greiner, „aber so haben wir Mautleute die Chance, viel kennen zu lernen.“ Er ist bedacht auf das, was er sagt, vielleicht will er Hofmann nicht beleidigen, der das hier schon so lange macht. „Es ist wie bei einem Schnitzel“, sagt Greiner. „Wäre ich jetzt ein Mautkontrolleur, dann würde ich gewissermaßen jeden Tag ein Schnitzel essen. So habe ich aber auch noch einen Salat dazu und Pommes frites.“ Güterkraftverkehrsgesetz, Kraftfahrzeugsteuergesetz, Abfallrecht.

Greiners Ausbildung zum Mautkontrolleur hat noch die Bundeswehr bezahlt, bei allen Neuen hat die Ausbildung die alte Behörde bezahlt. Die meisten kommen von der Post und von der Telekom, von der Bahn und der Bundeswehr. Sie waren dort Personalüberhang. Begeistert ist natürlich keiner.

Helmut Greiner vielleicht doch. Er sagt es nicht, aber er ist bei seinen Lastkraftwagen, das könnte darauf schließen lassen. Und vorhin hat er auch gesagt, bei der Bundeswehr sei ihm die Bürohockerei auf die Nerven gegangen, er habe unbedingt in den Außendienst gewollt.

Dann sagt Greiner doch noch etwas. Das Schlimmste, was er in den letzten Wochen hier erlebt hat? „Ich habe mal einen schweren Verkehrsunfall gesehen“, sagt er, und gleich danach: „Dass die Maut nicht gekommen ist“. Vielleicht kann man diesen Satz mit 830 multiplizieren, wer weiß.

2002 hat das Bundesamt für Güterverkehr noch 370 Millionen Euro an das Finanzministerium überwiesen, 2003 waren es wohl noch 300 Millionen. Das waren die Einnahmen aus der Lkw-Vignette. Die ist seit August 2003 abgeschafft. Am Ende dieses Jahres wird es anders sein. Die Behörde wird Geld aus Berlin fordern. Vielleicht 100 Millionen Euro. Die Neuen wollen bezahlt sein.

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