Zeitung Heute : Außergewöhnliche Stadtführungen in Hongkong zeigen die oft engen Wohnverhältnisse

Regina Kerner

Bei Familie Wang geht es eng zu. Sieben Personen - zwei Kleinkinder, Eltern, Onkel, Tante und Großmutter - leben auf 35 Quadratmetern im 23. Stock eines Hochhauses. Der Ching Estate ist eine Wohnsiedlung in Hongkong, und zwischen Dutzenden von identisch-grauen Blocks mit vergitterten Fenstern wachsen Palmen. Familie Wang ist stolz auf ihr Zuhause. In der früheren britischen Kronkolonie in Südchina ist Platzmangel eben alltäglich - drängeln sich doch auf einem Quadratkilometer bis zu 160 000 Einwohner.

Ab und an lassen die Wangs sogar neugierige Touristen in ihre Wohnung. Die Hong Kong Tourist Association bietet nämlich einmal pro Woche eine ungewöhnliche Stadtführung an: Die "Family Insight Tour" gewährt ausländischen Besuchern Einblicke in den Sozialwohnungs-Alltag des durchschnittlichen Hongkongers - abseits der glänzenden Bankfassaden, Shopping-Center und Sehenswürdigkeiten.

Nach der Fahrt in das 20 Minuten vom Zentrum enfernte Viertel müssen die Touristen schubweise mit dem Lift in den 23. Stock befördert werden, neugierig beäugt von den anderen Bewohnern des Hochhauses. Schließlich drängeln sich in der guten Stube der Wangs drei Japanerinnen neben einem Ehepaar aus Kanada, fünf Amerikanern und zwei Deutschen. Der bei Chinesen obligatorische Hausaltar für die Ahnen kann ebenso fotografiert werden wie das drei Quadratmeter große Küchenkabuff, das Miniklo und die Doppelstockbetten.

Während Großmutter Mei Lin Reis und Gemüse für das Mittagessen dämpft, wagen die Besucher nach anfänglicher Scheu den ungenierten Blick in Bad und Kleiderschrank und stellen Fragen zum Familienleben, die Tourguide Daniel Cheng übersetzt. Frau Wang, die als Sekretärin arbeitet und ein Business-Kostüm trägt, führt die meist zusammenklappbare Inneneinrichtung vor - etwa den Campingtisch, der nach den gemeinsamen Mahlzeiten der Großfamilie wieder unter dem Bett verschwindet.

Null individuelle Ansprüche

Die Hong Kong Tourist Association will mit der "Familiy Insight Tour" tieferes Verständnis für die Lebensweise der Hongkong-Chinesen wecken, vor allem aber die sozialen Errungenschaften der jetzt zur Volksrepublik gehörenden ehemaligen Kronkolonie heraustellen. Die Wohnblocks sind Ergebnis eines gigantischen staatlichen Investitionsprogramms, das 1953 gestartet wurde, als 53 000 Flüchtlinge aus Rot-China bei einem Großfeuer obdachlos wurden.

In den vergangenen 40 Jahren wurden mit öffentlichen Mitteln Hunderte Hochhäuser aus dem Boden gestampft, bis zu 30 Etagen hoch. Hongkongs Regierung konnte sich einer der größten "staatlichen Vermieter" der Welt nennen. Individuelle Ansprüche dürfen die Mieter aber nicht haben: Form, Materialien, sogar die Innenausstattung bis hin zur Toilettenschüssel sind genormt und identisch, wie die Touristen zum Abschluss der Rundfahrt im "Hong Kong Housing Authority Exhibition Centre" erfahren. Mittlerweile leben dennoch mehr als drei Millionen Menschen in den Sozialblocks - mehr als die Hälfte aller Einwohner.Informationen zur Familiy Insight Tour gibt die Hong Kong Tourist Association am Flughafen oder am Star Ferry Pier. Auskunft in Deutschland: HKTA, Humboldtstraße 94, 60318 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 959 12 90, Fax: 069 / 597 80 50.

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