Ausstellung : Auf dem Teppich

Erika Rabau fotografiert grundsätzlich nur normale Menschen, also einen wie Roman Polanski, wenn er mal vergisst, wer er ist. Seit 1972 ist sie die offizielle Fotografin der Berlinale. Ihr Alter kennen nicht einmal ihre Freunde Er, der Star, will ihre Leica. Es hilft nichts. Sie findet, er bietet zu viel Geld

Kerstin Decker

Ganz allein unter der hohen blauen Glaskuppel wirkt sie noch kleiner, noch durchsichtiger als sonst. Wirres graues Haar, das noch nie etwas so Konventionelles werden wollte wie eine Frisur. Dazu schwarze Lederjacke, schwarze Lederhose. Seit die Berlinale nicht mehr im Juni stattfindet, kommt für Erika Rabau nichts anderes in Frage. Seit einer mittleren Ewigkeit also. Sie zieht ihren Berlinale-Kaschmir-Schal fester um den Hals. „Der ist von Dieter“, sagt sie.

Dieter ist Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Im Beisein der gesamten Weltpresse hat er sie unter den Fotografen erspäht, ist mit Schal auf sie zugekommen und hat gesagt: „Erika, der ist für dich!“ Das war vor zwei Jahren. Sie kennt alle seine Vorgänger, aber: Keiner ist wie Dieter!

Ihr Blick geht über die Riesenrotunde, die nur eines will: die Verherrlichung dessen, der in ihrer Mitte steht. Und überall zwischen den über 100 Jahre alten Säulen hängen ihre Fotos, fast lebensgroß. Diese Ausstellung im Berliner „Museum für Kommunikation“ ist für sie allein. Sollte das ein Irrtum sein?

Sie ist doch nur eine Fotografin unter vielen. Auch andere haben die Stars dieser Welt fotografiert, von A wie Adorf, Mario bis Z – nein, bis W wie Welles, Orson. Aber vielleicht ist Erika Rabau doch die eine unter vielen. Und nicht nur, weil sie als offizielle Fotografin der Berlinale das Filmfest schon fast genau so lange porträtiert wie die Rolling Stones auf der Bühne stehen. Also auch seit einer mittleren Ewigkeit.

Sie weiß, was zu tun ist in Situationen, die ihr nicht ganz geheuer sind. Sie nimmt ihre „Leica“ und richtet sie auf die eigenen Bilder. Durch ein Objektiv betrachtet, sieht die Welt doch gleich viel glaubwürdiger aus. Objektiver eben. Es ist jene „Leica“, die James Stewart unbedingt haben wollte.

„Erika, please give me your Leica!“ Er saß ihr gegenüber bei einem dieser Berlinale-Empfänge und Erika dachte, das gibt ein paar schöne Porträtfotos. Auf den ersten sah der Hitchcock-Darsteller Stewart noch sehr zuversichtlich aus. „Er war immer sehr charmant, er hat mich immer umarmt“, sagt Erika Rabau, legt die Kamera auf ihren Stuhl in der Rotundenmitte und demonstriert eine James-Stewart-Umarmung: eine Hand, die langsam den Rücken hinaufkriecht, um sich dann sanft um die Schulter zu legen. Andere Fotografinnen hätten dafür gewiss ihre komplette Fotoausrüstung verschenkt. „Erika, I give you 2000 Dollars!“, sagte Stewart. Doch auf den letzten Fotos jenes denkwürdigen Empfangs steht eine gewisse Enttäuschung in seinem Blick.

Er bekam die „Leica“ nicht. Die wegzugeben, wäre das nicht so gewesen, als hätte James Stewart sein Gesicht verkauft? Doch nachher überwog noch ein zweiter Grund, ein typischer Erika-Rabau-Grund: „Ich versuchte ihm zu erklären, dass die nicht antik war, nur out. Er wollte zu viel zahlen.“ Zumal das Blitzlicht schon damals immer abfiel.

„Samson, schnell, das Blitzlicht…!“ Samson fängt im letzten Augenblick den fallsüchtigen Aufsatz. Samson ist Samson Vicent, 34 Jahre alt, Kurator und Ausführender dieser Ausstellung, Regisseur des Erika-Rabau-Filmporträts, das am Sonntag in der Panorama-Reihe der Berlinale Premiere hat. Er ist ihr Fototaschen- und Wasserflaschenträger, der Mann, der ihr ihren Lieblingsitaliener gezeigt hat. Vor allem aber ist er Sichter von fast einer Million Erika-Rabau-Negativen. Manchmal hat er pro Tag 1000 Fotos gescannt. Volker Schlöndorff hatte die Fotografin längst ermahnt: Erika, du musst dein Archiv sichern!

Samson Vicent konnte das alles nicht ahnen, als er vor zwei Jahren, ein Zuschauer wie jeder andere, im Berlinale-Palast saß und auf den Anfang eines Films wartete. Noch war auf der großen Leinwand nichts zu sehen als der leere rote Teppich draußen. Livekamera. Für sämtliche Nicht-Stars ist der rote Teppich tabu, aber plötzlich sah Samson Vicent eine kleine Frau in Ganzkörperleder mit flatterndem grauen Haar und Fotoapparat darüber laufen. Fotografen gehen erst recht nie auf dem roten Teppich. Augenblicke später saß diese Frau neben ihm in der ersten Reihe. Nach dem Film, dessen Handlung beide komplett vergessen haben, wusste Samson Vicent, dass Erika Rabau auf der Berlinale stehen oder sitzen kann, wo sie will. Zur Beglaubigung hatte sie ihm ihre Akkreditierung gezeigt. Darauf war ein junges schönes blondes Mädchen zu sehen. Sollte diese Frau ihr Leben wirklich auf der Berlinale verbracht haben? Vicent fragte nichts mehr, nur: „Wollen wir etwas drehen?“ Denn den Menschen vom Film geht es im Grunde wie den Fotografen: Erst durch das Auge einer Kamera gesehen, wird das Leben zur Antwort. Erika Rabau fragte auch nichts und sagte nur „Ja“. So ist sie. Ein Mensch ohne Umwege.

Und schon am nächsten Tag lief Erika Rabau mit der „Leica“ voraus und Samson Vicent mit der Filmkamera hinterher. Das Unerhörte geschah: Alle Berlinale-Türen öffneten sich vor und schlossen sich hinter ihnen. Als wäre diese Frau der eigentliche Star der Berlinale. Nicht zu übersehen – kleiner als fast alle – , und nicht zu überhören, denn Erika Rabau spricht höher als fast alle und eigentlich immer.

Der normale Weg von Mensch zu Mensch führt über Umwege, und die haben viele Namen: Konvention, Sinn für Distanz, Etikette, Förmlichkeit. Erst recht auf der Berlinale. Aber Erika Rabau versteht davon nichts. Was hätte es für einen Sinn, sich, sagen wir, Robert de Niro gegenüber distanziert zu betragen?

Ich bin kein „Sie“, ich bin ein „Du“, erklärt sie. Sie erträgt keine Fremdheit. Lohnt es sich denn, mit jemandem zu reden, zu dem man nicht „du“ sagen kann? Erika ist Erika und Dustin ist Dustin. Hoffman. Das ist doch eine Basis. Er muss das genauso gesehen haben, sonst wäre er damals nicht auf sie zugekommen und hätte ihr sein Beileid ausgesprochen zum Tod ihres Mannes.

Die wir „Stars“ zu nennen uns angewöhnt haben, scheinen sich in Erika Rabaus Gegenwart wohl zu fühlen: Endlich mal ein normaler Mensch wie du und ich. Sie fotografiert grundsätzlich nur normale Menschen, also etwa Roman Polanski dann, wenn er längst vergessen hat, zu denken: Ich bin Roman Polanski, o Gott, ich muss mich zusammennehmen! Und Autogramme gibt, auf dem Rücken einer enorm unbekleideten Dame.

Es ist auffällig, wie gelöst die bekanntesten Gesichter dieser Welt auf ihren Fotos wirken. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen ist der Abend, nein eher: der Morgen dann auch oft schon etwas fortgeschritten. Erika Rabau nennt das Um-die-Häuser-Ziehen. Geraldine Chaplin hat sie einst in ihrem alten „Admiral“ mitgenommen, nachts durch die Straßen von Berlin. Unterwegs trafen sie dann noch Orson Welles und versuchten zu zweit, ihn in das Auto zu schieben. Vergeblich. Das Admiral-Volumen und das Welles-Volumen waren schlechthin inkompatibel.

Wie alt Erika Rabau ist, weiß niemand. Und sie sagt es auch keinem. Bekannt ist, dass sie zum ersten Mal 1963 auf der Berlinale arbeitete, damals noch nicht als offizielle Fotografin, sondern als Dolmetscherin für spanischsprechende Delegationen. Ohne ihr Spanisch wäre sie wohl nie zur Berlinale gekommen. Und ohne ihren fehlenden Sinn für Abstände aller Art hätte sie es bestimmt nicht so gut gelernt.

Distanzen sind natürlich auch die zwischen Kontinenten, die vor allem. Nein!, sagten ihre Eltern, als sie mit 17 Jahren vor ihnen stand, einen Deutsch-Argentinier heiraten und nach Argentinien gehen wollte. Doch!, sagte Erika Rabau, heiratete und ging. Sie war doch nicht aus der Welt, es war doch dieselbe Erde.

Dieselbe Erde war es schon, aber nicht – dieselbe Sprache. Plötzlich kam es der jungen Frau, die so viel und so gern redete, vor, als ob sie stumm wäre. Ohne Sprache sein, heißt fremd sein. Erika konnte nur noch mit den Augen sprechen. Aber ihr Mann, groß, blond, fast doppelt so alt wie sie, duldete das nicht. Er ahnte nicht, dass sie seine erste Abwesenheit benutzen würde, um wegzulaufen, in eine Buchhandlung von Buenos Aires, wo sie dem Inhaber, einem Ungarn, auf deutsch erklärte, dass sie ab jetzt hier arbeiten würde. – Ja, sprechen Sie denn Spanisch?, fragte der Ungar erstaunt und auf deutsch zurück. Natürlich nicht, antwortete sie. Der Ungar verstand das sehr gut, denn als Ungar ist man gewissermaßen immer einsam, sollte man je aus Ungarn fortgehen. Er stellte Erika in die Abteilung mit den englischen und französischen Büchern. Englisch und Französisch konnte sie aus der Schule.

1972 sprach der erste Berlinale-Chef Alfred Bauer auf seinem Filmfestival mit einer jungen Frau in Minirock, mit Fotoapparat und Pippi-Langstrumpf-Zöpfchen. Das war die Dolmetscherin für die spanischsprechenden Delegationen mit Fotoerlaubnis. Bauer war beeindruckt. Von ihren Fotos, vom Minirock, aber vor allem von den fünf Fremdsprachen. Welche junge Frau der Zeit sprach schon fünfzüngig? Er ernannte Erika Rabau umgehend zur offiziellen Berlinale-Fotografin. Es war eine kluge Entscheidung. Niemand hätte wie sie Pier Paolo Pasolini am Tempelhofer Flughafen begrüßen können, als der Dolmetscher nicht kam und keiner im Empfangskomitee Italienisch sprach, einschließlich der Fotografin. Los, Erika, du machst das!, forderten die anderen. Und so sprach Erika Rabau zum ersten Mal in ihrem Leben Italienisch, und das gleich mit Pasolini. Sechs Fremdsprachen!

Erika Rabau verdankt Argentinien viel, auch das Fotografieren. Dort hat sie es gelernt, beim größten Theaterfotografen des Landes. Als sie, keine 20 Jahre alt, in das „Teatro Colon“ kam, war es, als wolle ihr das Leben ihren größten Wunsch erfüllen – nur ein wenig anders. „Ich wollte doch Schauspielerin werden“, sagt Erika Rabau bei ihrem Lieblingsitaliener, „seit ich als Kind in Berlin der Puck in Shakespeares ,Sommernachtstraum‘ war.” Sie wickelt ihre schwarzen Lieblingsnudeln mit den Krebsschwänzchen um die Gabel und lässt sie wieder sinken: Auf die Bühne hatte sie gewollt, nun stand sie davor. Vielleicht sind das die minimalen Korrekturen des Lebens an unseren Träumen. Andererseits, war der Platz vor Rainer Werner Fassbinders Kamera etwa keine Bühne? Und hätte sie Fanpost aus Japan bekommen, wenn nicht Wim Wenders einst auf einem Empfang gesagt hätte: Erika, du musst in meinen Film! – Es wurde der „Himmel über Berlin“, sie spielte eine Fotografin.

Aber der Puck ist sie geblieben. Der Puck von Berlin. Den Namen hat ihr Friedrich Hollaenders Frau Blandine Ebinger gegeben. Er ist unverlierbar.

Manchmal hört die ganze Weltpresse auf sie. Alle gehen mal einen Schritt zurück!, kommandiert ihre Waldgeisterstimme, und die Weltpresse macht das. Klappt aber nicht immer. Ab und zu ist die Weltpresse auch böse auf Erika, etwa wenn sie auf dem roten Teppich wieder im Bild steht. Kein Fotograf der Welt kann schließlich zu Hause sagen: Das sind die „Rolling Stones“, aber nur halb, Erika stand davor!

Ach ja, die Rolling Stones. Mick Jagger hat Erika Rabau bestimmt bemerkt. Sieht sie nicht fast aus wie Leni Riefenstahl, die Frau, von der er einst unbedingt fotografiert werden wollte? – Mick wer?, fragte Leni Riefenstahl zurück. Das wäre Erika Rabau nie passiert. Aber was soll sie sagen? He Mick, ich bin Erika! – ?

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