Ausstellung : Aus dem Bauch heraus

Mario Testino fotografiert Mode, Nackte und Promis. Das macht er meist ganz impulsiv. Zur Fashion Week eröffnete er seine Ausstellung „In Your Face!“.

Manuel Almeida Vergara
Fünf Männer umarmen einander oberkörperfrei. Sie tragen nietenbesetzte schwarze Lederhosen und bunte Tattoos.
Halbnackt, bunt und provokativ. Ganz nach Testinos Geschmack.Mario Testino

Es ist nur schwer vorstellbar, wie Mario Testino (Link zur Homepage) mit dem Fahrrad durch Berlin fährt. Doch der Fotograf beharrt darauf, dass er hier am liebsten in den Sattel steigt, um Galerien abzuklappern. Die Stadt kennt er vor allem durch die Kunst, die er seit rund zwanzig Jahren sammelt.

Bis zum 26. Juli macht die Ausstellung „Mario Testino: In Your Face“ halt im Berliner Kulturforum (Link zur Homepage). Auch die deutsche Hauptstadt ist hier Thema, wenngleich nur im Detail: Drei Bilder sind in Berlin entstanden, etwa eine Modefotografie in einem Charlottenburger U-Bahnhof. „Ich habe schon viele Male in Berlin produziert. Ich mag die Stadt, sie ist sehr undefiniert. Hier findet man viel mehr unterschiedliche Aspekte. Berlin ist sehr zeitgemäß und trotzdem historisch“, sagt Testino. Nach Stationen in Buenos Aires, São Paulo und Boston ist Berlin die erste europäische Stadt, in der „In Your Face“ gezeigt wird. „Dafür war die Ausstellung eigentlich gar nicht vorgesehen, sie war nur für Nord- und Südamerika bestimmt. Es freut mich, dass ich damit jetzt doch in Europa gelandet bin, für mich persönlich ist das eine meiner besten Ausstellungen bisher.“

Die Ausstellungsbesucher erwartet viel Farbe und Dynamik. Großformatige Modefotografien und exzentrische Aufnahmen unterschiedlichster Berühmtheiten sind in abwechslungsreicher Hängung arrangiert. Eine Courtney Love mit verschmiertem Make-up, US-Rapper P. Diddy räkelt sich halbnackt zusammen mit Naomi Campbell, Madonna im Evita-Look. Und jede Menge Topmodels in Fotoproduktionen für Magazine wie die „Vogue“, „Vanity Fair“ oder das „V Magazine“. Die 125 Fotografien der Ausstellung sollen vor allem eines symbolisieren: die starken Kontraste, deren sich Testino in seiner Arbeit bedient.

Der dunkelhaarige Josh Harnett posiert im weißen Anzug und mit knallrotem Lippenstift, den er großzügig auf seinem Mund verteilt
Eine dicke Lippe vor Testinos Linse risikiert Josh HarnettMario Testino

Für ihn sei die Präsentation wie ein Lied, dessen unterschiedliche Rhythmen und Klänge eine gemeinsame Melodie ergeben: „Ich mache Porträts, fotografiere Berühmtheiten, Mode, Gruppen, Nacktheit, Eleganz. Ich suche immer nach dem Extrem dieser Themenfelder, nach der Fotografie, die dieses Extrem am besten verkörpert.“ Erlauben kann sich Testino diese Narrenfreiheit durch enge Kontakte zu Mode und Medien. Da schmiert sich Josh Hartnett gern mal roten Lippenstift quer übers Gesicht oder die Feindinnen Jennifer Lopez und Mariah Carey lassen sich zusammen fotografieren.

Die verschiedenen Charakteristiken seines Œuvres spiegelt die Schau nicht nur inhaltlich, sondern auch konzeptionell wider. Einige Bilder sind aufgehängt, andere lehnen auf einer kleinen Leiste stehend an der Wand. Schwarz-weiße Momentaufnahmen sind mit einem weißen Passepartout versehen, farbige Großformate bunt gerahmt. Jeder Themenbereich soll so als kleine eigene Kunstform innerhalb des Gesamtbildes funktionieren, erklärt Testino. „Es wirkt, als würde man eine Sammelausstellung vieler Fotografen besuchen. Ich glaube, dass die Menschen viel zu sehr danach streben, eine bestimmte Person zu sein – dabei vereint doch jeder viele unterschiedliche Dinge in sich.“

Das kuratierte Durcheinander macht Spaß, ist aber nichts für schwache Nerven. Ein paar Zentimeter mehr Platz zwischen den Arbeiten hätten noch besser gewirkt. Geschuldet ist die etwas gedrängte Anordnung wahrscheinlich den Gegebenheiten in den Hallen am Kulturforum. Die Auswahl der Exponate wurde für Berlin nicht eingeschränkt, das erste Mal aber erstreckt sich „In Your Face“ über zwei Ebenen. Testino gefällt die Intimität, die so entsteht.

Ebenso willkürlich wie die Ausstrahlung des Arrangements ist auch Mario Testinos Arbeitsweise. Er fotografiert quasi „aus dem Bauch heraus“. Häufig entsteht dann etwas ganz anderes als erwartet. „Ich nehme heute ein Bild auf und habe es morgen quasi wieder vergessen. Dann versuche ich mich zu erinnern, warum mir die Fotografie und die Situation überhaupt gefallen haben. Ich bin sehr impulsiv.“ Diese Spontanität kommt gut an. Neben bedeutenden Magazinen fotografierte Mario Testino Kampagnen für Marken wie Versace oder Gucci. Die Provokation bleibt Hauptbestandteil seiner Bilder, daher auch der Titel „In Your Face“.

Berlin kann sich noch bis 26. Juli von der Energie der Fotografien Mario Testinos überzeugen. Er selbst hat die Stadt einen Tag nach der Eröffnung verlassen, nach London, dann New York und schließlich zurück nach Südamerika. „Das ist für mich normal. Länger als drei, vier Tage bin ich nie an einem Ort. Ich liebe das, es ist wie eine Droge. Ich habe es mir ja schließlich selbst so geschaffen. Ich kann mich nicht beschweren, ich kann es nur genießen.“ So wird es wohl nicht lange dauern, bis Mario Testino auch Berlin wieder einen Besuch abstattet, für seine Arbeit oder auf der Suche nach aktueller Kunst. Wer die Augen offen hält, sieht ihn vielleicht durch Mitte radeln.

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