AUSSTELLUNGChandogin – Kriegsfotos aus Karelien und Leningrad : Leben ohne Alltag

Jakob Wais

Im Winter 1939 liefern sich Rote Armee und finnische Truppen erbitterte Kämpfe um die Karelische Landenge. Beide Seiten erleiden dabei hohe Verluste. Als Finnland im März 1940 kapituliert, hat der Krieg für die sowjetischen Truppen erst begonnen. Das Deutsch-Russische Museum Karlshorst erinnert nun mit Bildern von Nikolaj Chandogin an dieses weitgehend vergessene Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Der Fotokorrespondent porträtierte im Auftrag der Politverwaltung des Militärbezirks die „Helden“ im Winterkrieg. Darüber hinaus dokumentierte er den unwirklichen Kriegsalltag in Leningrad. Im Gegensatz zu den Fotografen der Wehrmacht durfte Chandogin sein gesamtes Material behalten. So blieb eine weitgehend unverfälschte Bildauswahl der Jahre 1939 bis 1945 erhalten.

Einige Aufnahmen das Fotoreporters erfüllen eindeutig einen propagandistischen Zweck, doch zeigen sie darüber hinaus den Überlebenskampf in einer belagerten Stadt. Nach einem Granatenbeschuss bergen Überlebende die Opfer und pflanzen Gemüse in den aufgeplatzten Straßen. Vor der Isaakskathedrale ragen unwirklich stählerne Kanonenrohre gen Himmel. Die Aufnahmen sind blaustichig, unscharf und körnig. Manchmal wirkt es als hätte sich ein Schleier über das Geschehen gelegt. Später porträtiert der Fotoreporter Sieger und Besiegte: Vom Krieg gezeichnet, blicken sie mit gleichermaßen hohlen Augen in die Kamera. Chandogins Talent wird deutlich, wenn er wie hier schonungslos dokumentiert. Dabei sind seine Bilder gerade in ihrer Einfachheit bedrückend ehrlich. Die Ausstellung zeigt Alltagsmomente an einem Ort, an dem es keinen Alltag geben kann. Jakob Wais

Deutsch-Russisches Museum Karlshorst,

bis So 6.2., Di-So 10-18 Uhr, Eintritt frei

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar