AUSSTELLUNG„Macht zeigen – Kunst als Herrschaftsstrategie“ : Der Musenkuss der Politik

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Hinter Gerhard Schröders Kanzlerschreibtisch hing einst ein Adler in Öl, kopfüber in Georg-Baselitz-Manier. Richtig herum gedreht wäre das Federvieh bei seinen Besuchern wohl kaum gut angekommen. Denn seit 1945 zeigten sich deutsche Politiker nur selten mit dem Wappentier. Aus gutem Grund. Durch die Nationalsozialisten waren politische Symbole diskreditiert. Die freie Kunst bot Ersatz, vornehmlich die gestische Malerei, um Freiheit, Fantasie, Esprit zu signalisieren. Spätestens seit den Achtzigern und dem Siegeszug der zeitgenössischen Kunst ließen sich bundesrepublikanische Politiker und Unternehmer vorzugsweise vor Gemälden und Skulpturen fotografieren. Als Ausweis für Macht, Kennerschaft, Zukunftsorientiertheit.

Der Karlsruher Kunstwissenschaftler und Medientheoretiker Wolfgang Ullrich hat diesen Zusammenhang schon früh entdeckt. „Mit dem Rücken zur Kunst. Statussymbole der Macht“ lautete der Titel seines vor zehn Jahren erschienenen Buches. Nun richtet er für das Deutsche Historische Museum die dazugehörige Ausstellung ein: „Macht zeigen – Kunst als Herrschaftsstrategie“. Rund 440 Werke werden im Pei-Bau gezeigt: Fotografien, die Vertreter aus Wirtschaft und Politik zusammen mit Kunst zeigen, sowie Originale. Dabei wird offenbar, dass die Kunst, die einst kritische Distanz zu den Mächtigen hielt, wieder in die Rolle des Repräsentierens gerückt ist. So musste sich schon mancher Maler die Bezeichnung Hofkünstler gefallen lassen. Die Finanzkrise hat allerdings auch da für neue Verhältnisse gesorgt. Diverse Unternehmen mussten sich von ihren Sammlungen trennen. Die Kunst hatte ausgedient. Nicola Kuhn

Deutsches Historisches Museum, Fr. 19. 2. bis So. 13. 6., tgl. 10–18 Uhr, 5 €, bis 18 Jahre Eintritt frei

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