AUSSTELLUNGMichael Schmidt „Lebensmittel“ : Ins Netz gegangen

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Er ist glaubwürdig, ein Dokumentarist, der die Welt zeigt, ohne zu dramatisieren. Der Kreuzberger Michael Schmidt, geboren 1945, einer der wichtigsten Fotografen Deutschlands, hat sich den Ruf des seriösen Beobachters erarbeitet, etwa mit der Berliner- Mauer-Serie „Waffenruhe“. Doch er selbst will gar nicht, dass man ihm vertraut. Bilder sind Bilder und nicht die Wahrheit. Oft nimmt Schmidt sich für seine Arbeiten viel Zeit. Auch für die Serie „Lebensmittel“ reiste er fünf Jahre lang quer durch Europa.

Wenn das Konvolut aus 134 Bildern nun nach Stationen im Museum Morsbroich in Leverkusen und im Taxispalais in Innsbruck im Martin-Gropius-Bau ankommt, wirkt das Thema etwas verspätet. Filme und Medienberichte haben in den letzten Jahren eingehend über Massentierhaltung, Monokultur und so manchen Etikettenschwindel informiert. Doch Schmidts „serielle Analytik“ macht sich vom Nachrichtendruck frei. Er, der Schwarz-Weiß-Spezialist, nutzt für die anonymen Dinge, die wir im Supermarktregal finden, erstmals auch Farbe: Eigelb, Teddywurst, Bratwürste in Plastikfolie. Die Betriebe der Lebensmittelindustrie, die Fischfarmen, Feldarbeiter, das an der Melkmaschine hängende Kuheuter zeigt er dagegen in Schmidt’schem Schwarz-Weiß. Drei Ferkelrücken gleichen abstrakten Zylindern oder, wenn man später die abgepackten Bratwürste sieht, auch diesen. Das ist Schmidts Dreh: Er abstrahiert, fragmentiert, anonymisiert und setzt die Bilder schließlich im Ausstellungsraum so in Beziehung, dass deutlich wird: Diese Essensobjekte sind am Ende aller Bearbeitungsstufen (eigentlich auch schon am Anfang) sich selbst und den Konsumenten fremd.Birgit Rieger

Martin-Gropius-Bau, Sa 12.1. bis Mo 1.4., Mi-Mo 10-19 Uhr, 6 €, erm. 4 €

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