Zeitung Heute : Austern vom Grill

Von Martin Kilian

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Erholung tat not. Weshalb ich in den amerikanischen Süden zu schriller Musik und bodenständigem Essen brauste. In Memphis, Tennessee, lockte nach dem traditionellen Besuch bei Elvis das beste Barbecue-Restaurant weit und breit: „Jim Neely’s Interstate Barbecue“ am Highway 61.

Nach einer gedärmsprengenden Völlerei (Schweinerippen, gebackene Bohnen, mehr Schweinerippen, mehr gebackene Bohnen) ereignete sich sodann eine Konfrontation mit Brillat-Savarin. „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, schrie der Guru der Gourmets. Worauf ich eingestehen musste, dass ich ein Schwein bin. Jim Neelys Barbecue-Soße, ein höllisches Produkt, das nach einem Geheimrezept hergestellt wird, klebte an meinen Händen, tropfte von meinem Bart, floss auf meine Textilien, bekleckerte meine Brille.

Dabei ist dieser Brillat-Savarin nur ein typischer Vertreter von Donald Rumsfelds „altem Europa“: Ein hochnäsiger Franzose, der allen Ernstes verlangte, ein Feinschmecker müsse wissen, auf welchem Bein das soeben verspeiste Rebhuhn zu schlafen pflegte.

Amerika lehnt eine derart überhöhte Betrachtung von Viktualien als bourgeoise Entartung ab. Und deshalb lümmle ich am Golf von Mexiko in einer schmierigen Kneipe und esse Austern nicht roh, sondern überbacken mit Käse und Tomaten. Getreu dem amerikanischen Über-Motto: „Mehr ist mehr!“ Die letzten Amerikaner, die Austern roh und unterlegt von einer Flasche edlen Meursaults verzehrten, waren Thomas Jefferson und Benjamin Franklin 1784 in Paris. Seitdem wird hier zu Lande nach Art des Vielschmeckers dröhnend geaustert.

Der Mollusk wurde neu erfunden: Austern-Pfannkuchen, gratinierte Austern, gebratene Austern. Gedünstete. Mit Meerrettich. Leberwurst. Löwenzahn. Meursault? Sauvignon Blanc? Da lacht das amerikanische Weichtier! In New Orleans trank ich zu Austern vom Holzkohlengrill ein eiskaltes „Papst Blue Ribbon“, Jahrgang 2006, künstlich aufschäumend dank solider Lebensmittelchemie.

Ja nun, so etwas kann gewagt werden, wenn ein Dutzend Austern weniger kostet als hundert Gramm grobe Blutwurst. Sofern für einen einzigen Mollusk hingegen zwei Euro und mehr hingeblättert werden müssen, herrscht kulinarische Eintönigkeit. Meursault und roh! Da eine Auster in Europa teurer als ein Kleinwagen ist, kann sich nur Dagobert Duck mehr als ein Dutzend leisten. In New Orleans wurden mir zwölf der Schleimer für sieben Dollar offeriert – kostenlos bestreut mit Parmesan!

Nach Tagen und Nächten köstlicher Verausterung flitze ich entlang der Küste in Floridas Norden, ganz auf Crassostrea virginica, Auster auf Deutsch, Oyster auf Englisch, gestimmt. Motivgetreu kreischt aus neun Autolautsprechern Heavy Metal von „Blue Oyster Cult“. „Mein Herz ist schwarz/und meine Lippen sind kalt/Städte entflammt mit Rock’n’Roll.“ Welche Poesie! Welch lyrische Meeresfrucht!

Womöglich sind amerikanische Austern so billig, weil sie so tödlich sind. Überall in den Verköstigungsbaracken entlang des Golfs wird auf Schildern und Speisekarten gewarnt, der Verzehr roher Mollusken könne zum Tode führen. Wird die amerikanische Oyster jedoch kräftig gegrillt und anschließend im Mikrowellenherd radioaktiv bestrahlt, sagen alle Bakterien Bye-bye.

Nun schlemme ich im berühmten Austernstädtchen Apalachicola und jage dem billigsten Dutzend hinterher. Vier Dollar und 99 Cents, schreit es vom Fenster einer kleinen Klitsche. Selbstverständlich nicht roh, da man schließlich nicht tot sein möchte. Vier Dutzend „Oysters Rockefeller“, begleitet von einem Budweiser und Hendrix. Casanova glaubte, die Auster sei der Manneskraft dienlich, was den primitiven Aberglauben europäischer Fucker widerspiegelt. In Wahrheit droht nach 72 Austern ein Protein-Schock. Exitus statt Orgasmus. Es ist eine Schande, nicht wahr.

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