Australien trotzt der Krise : Meilensteine für die Zukunft

Die anhaltende Erfolgsgeschichte: Australiens Wirtschaft nach zwei goldenen Dekaden immer noch im Vormarsch – aber es lauern auch Gefahren.

Heribert Dieter
Heiß begehrt. Chinas Energiehunger verlangt nach australischer Kohle, schafft aber auch Abhängigkeiten.
Heiß begehrt. Chinas Energiehunger verlangt nach australischer Kohle, schafft aber auch Abhängigkeiten.Foto: dapd

Die Wirtschaft des fünften Kontinents hat in den vergangenen zwei Dekaden eine stürmische Wachstumsphase erlebt. Zu Beginn der 1990er Jahre war dies nur von wenigen Beobachtern erwartet worden. Australien kämpfte – ähnlich wie Europa heute – mit den Folgen eines Kreditbooms und schien vor einer ungewissen Zukunft zu stehen. Doch eine geschickte Wirtschafts- und Fiskalpolitik, der anhaltende Zustrom von ausländischem Kapital und das hohe Preisniveau für Australiens Rohstoffexporte haben dem Land einen Boom beschert, der auch durch die Krisen der letzten Jahre nicht unterbrochen worden ist.

Heute gehört Australiens Wirtschaft zu den Erfolgsgeschichten unter den entwickelten Volkswirtschaften. Exporte und privater Verbrauch sind hoch, und das Vertrauen vieler Australier auf eine Fortsetzung der positiven wirtschaftlichen Entwicklung ungebrochen. Dies überrascht nicht: Wirtschaftskrisen kennt die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen nur aus den Geschichtsbüchern oder den Auslandsnachrichten. Allenfalls beschäftigen diese Generation die Nebenwirkungen des Erfolgs, etwa die auch im internationalen Vergleich sehr hohen Preise für Wohnimmobilien.

Von 1999 bis 2012 wuchs die australische Wirtschaft im Schnitt um 3,1 Prozent im Jahr, während die gegenwärtig so erfolgreiche deutsche Volkswirtschaft im gleichen Zeitraum nur ein relativ mageres Wachstum von 1,3 Prozent pro Jahr aufwies. Im Krisenjahr 2009 schrumpfte die deutsche Wirtschaft um 5,1 Prozent, während die australische um 1,5 Prozent wuchs. In der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der OECD, wies 2009 nur Polen eine etwas positivere Entwicklung auf.

In den beiden Jahrzehnten seit der letzten Krise hat Australien von einer Kombination günstiger Entwicklungen auf den Weltmärkten, anhaltend hoher privater Nachfrage und nachhaltiger Fiskal- und Wirtschaftspolitik profitiert. Besonders beeindruckt – vor dem Hintergrund der Staatsschuldenkrisen in Europa, den USA und Japan – das überaus niedrige Niveau der australischen Staatsschulden. Im Jahr 2008 belief sich die gesamte australische Staatsverschuldung auf 13,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, minimal niedriger als die Neuverschuldung Irlands im Jahr 2009, die sich auf 13,9 Prozent belief.

Australien gehört zu den wenigen Volkswirtschaften in der OECD, die es geschafft haben, nachhaltiges Wachstum mit solider Fiskalpolitik zu verbinden. Das Beispiel Australien widerlegt die in Europa häufig geäußerte Behauptung, nur durch immer neue Staatsausgaben ließe sich Wirtschaftswachstum schaffen. Wachstum und solide Staatsfinanzen sind in Australien zwei Seiten der gleichen Medaille. Die zweite Säule des australischen Booms ist die Rohstoffindustrie. Der fünfte Kontinent verfügt über eine Vielzahl von agrarischen und mineralischen Rohstoffen, für die auf den Weltmärkten eine große Nachfrage zu verzeichnen war. Insbesondere der wirtschaftliche Aufstieg Chinas hat sich für die Rohstoffindustrie Australiens als Segen erwiesen.

Ob Steinkohle, Eisenerz, Bauxit, Nickel, Zink oder Uran: Australien verfügt über ergiebige und in der Regel leicht zu erschließende Lagerstätten. Allein die Exporte mineralischer Rohstoffe verschafften der australischen Volkswirtschaft im Rechnungsjahr 2011/12 Einnahmen von rund 200 Mrd. australischen Dollar, nach gegenwärtigem Wechselkurs rund 150 Mrd. Euro.

Die dritte Säule war und bleibt der Immobilienboom, vor allem in den Großstädten. In Sydney und Melbourne haben die Immobilienpreise inzwischen ein astronomisches Niveau erreicht. Neubauprojekte in keinesfalls exklusiven Stadtteilen von Sydney werden aktuell zu Quadratmeterpreisen von 11 000 Dollar, d.h. etwa 8500 Euro, angeboten. In Australien gehört es heute in allen Schichten zum guten Ton, bei privaten Einladungen vor allem über die neuesten Entwicklungen im Immobiliensektor zu sprechen. Dabei geht es zum einen um die Steigerung des Wertes der eigenen, selbst genutzten Immobilie, aber auch um die Anschaffung von Apartments zu Investitionszwecken.

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