Zeitung Heute : Auswärts waschen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

N. hat ein Problem. Eigentlich ist es auch mein Problem. Wir leben in derselben WG, und unsere Waschmaschine ist seltsam drauf. Sie sollte dringend eine Kur machen, Sport treiben, sich gesünder ernähren. Wenn wir unsere Sachen aus der Trommel fischen, duften sie nämlich nicht nach Alpenkräutern, sondern nach faulen Eiern.

A. hat bereits eine Flasche Teebaumöl hineingekippt, ohne Erfolg. Ich habe chemische Waschmaschinenmedizin erworben, und das Gerät zwangsbehandelt. Erfolglos.

Vielleicht könnte meine Mutter helfen: Die besucht in Basel gerade das Esoterik-Seminar „Mediation und Geistheilung“. Sie hält sich für sehr begabt, in diesem Bereich. Sollte ich sie nach Berlin einladen? Vor so radikalen Maßnahmen schreckt meine WG bisher zurück. Seit Monaten diskutieren wir stattdessen den Kauf einer neuen Waschmaschine. Wobei N. sich für ein gebrauchtes Gerät stark macht. „Dann können wir gleich die alte Maschine behalten!“, kontern O. und ich. Da A. sich der Stimme enthält und Basisdemokratie bei uns in Kreuzberg nicht nur ein Wort ist, bleibt vorerst alles wie es war.

Jetzt hat N. überraschend eingelenkt: 100 Euro will sie investieren. Die Koalition steht! Wir sind vier Leute und kommen auf 400 Euro. O., unser Experte für Wirtschaftsfragen, sagt, dafür bekomme man heutzutage ein fabrikneues Gerät. Toll! Es gibt allerdings auch die These, dass unsere Waschmaschine gar nicht das Problem sei, sondern ein Opfer. Schuld am Faule-Eier-Duft sei die marode Kanalisation. Manchmal, wenn die Maschine läuft, scheint unser Waschbecken Blähungen zu haben.

Inzwischen besuche ich den idyllischen Waschsalon „Schnell & Sauber“ an der Bergmannstraße. Da gibt es sogar eine gepflegte „Französische Weinhandlung“ im Hinterzimmer. Sie heißt „Montparnasse“. Ansonsten ist unsere Nachbarschaft – trotz der schlechten Kanalisation – eher maritim geprägt. Wir haben das „Kaffee am Meer“ und das „Atlantic“. Vielleicht eröffnet bald auch ein Frisör mit integrierter Fischhandlung.

Waschsalon „Schnell & Sauber“ / Weinhandlung „Montparnasse“, Bergmannstraße 109. Falls gerade geschlossen: einfach ins „Kaffee am Meer“, Bergmannstr. 95, frühstücken gehen.

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