Auswanderer : Zweite Heimat Strand

Wie leben Deutsche in der Fremde? Parallelwelten Teil zwei: die Rentner-Kolonien an der spanischen Mittelmeerküste

Torsten Hampel[Alicante]

Sie sind damals hergezogen, um nie wieder zum Arzt gehen zu müssen. Sie wären in Deutschland geblieben, wenn das Wetter dort anders wäre. Das Wetter war der einzige Grund. „Ich empfinde mich nicht als Einwanderer hier“, sagt er, „ich habe einfach meinen Wohnsitz verlegt, aus dem kalten Norden in den warmen Süden.“

Am Abend zuvor sind der Schatzmeister und seine Gefährtin zum Essen ausgegangen. Sie waren fertig und zahlten, dann standen sie auf, und draußen, wo es regnete seit drei Tagen, direkt vorm Restaurant, fiel sie hin. Das Wetter der ersten Heimat war zu Gast in der zweiten, und das spanische Gehwegpflaster ist dafür nicht gemacht. Es wird glatt vom Regen. Sie sind gleich in die Klinik gefahren, haben beim Arzt 300 Euro vorgestreckt, und der diagnostizierte einen Knöchelbruch. Gastronomie und Krankenhaus, das sind die beiden typischen Situationen, in denen Deutsche, die nach Spanien gezogen sind, mit Einheimischen zu tun haben. Dass beides am selben Abend stattfindet, ist selten.

Jetzt, am nächsten Nachmittag, sitzt Anke Drevenstedt im Wohnzimmer ihres Hauses vorm Fernseher, das linke Bein im Gipsverband, am Ledersessel lehnen zwei Krücken. Eine kleine Gasheizung steht daneben. Joachim Letz, der Schatzmeister, sagt: „Ich habe ihr nun erst einmal die Ledersohlenschuhe verboten.“

Sie kann nicht laufen wegen des Knöchels, auf den Krücken kann sie sich auch nicht abstützen, vor einiger Zeit ist sie an den Händen operiert worden, und Sitzen, das geht ebenfalls kaum, bei dem Sturz vor dem Restaurant wurde das Steißbein in Mitleidenschaft gezogen. Sie ist 60 Jahre alt, sie wird in der nächsten Zeit viel Hilfe brauchen. Joachim Letz sagt: „In unserem Alter kann man nicht mehr alleine leben.“ Er ist 72.

Das Haus, das Frau Drevenstedt und Herr Letz seit zehn Jahren gemeinsam bewohnen, steht in der Siedlung San Rafael in La Nucia, an der Costa Blanca, Mittelmeerküste, die nächste größere Stadt ist Alicante. Es ist ein kleines Haus auf einem bewachsenen Hügel, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad. Es gibt ein weiß gestrichenes, eisernes Tor zur Straße, das von einem Elektromotor geöffnet wird, wenn Besuch kommt, und eine steile Auffahrt mit Kies. Das Meer ist von oben nicht zu sehen.

Sie wollten nicht mehr krank sein. Joachim Letz sagt, er hatte früher dauernd Bandscheibenprobleme. „Und wenn ich die hier einmal kriege, lege ich mich in den heißen Sand“, sagt er, dann sind sie weg.

Er ist früher Lehrer gewesen, Mathematik, Geschichte und Informatik hat er unterrichtet. Er sitzt am Tisch auf der mit Glaswänden umbauten Veranda, ein Mann mit hellgrauem, dichtem Haar, um den Hals trägt er ein Seidentuch, überm Pullover eine braune Strickjacke. Es ist 14 Uhr, ein Tag unter der Woche, ein Glas Rotwein steht auf dem Tisch. Die Tischplatte ist gekachelt, der Fußboden auch. Letz könnte hinausblicken, über die Keramikhunde auf der Terrasse hinweg, auf die Pinienbäume im Garten und an die Sommernächte denken, in denen nichts anderes in der Luft ist als ihr Nadelduft. Aber Letz schaut auf den kleinen Holzofen, er überlegt, ob er heizen soll. Mit dem Regen kam die Kälte, die Veranda ist kühl. In einem der vorigen Winter hat er einmal ein paar von den Pinien umgehauen und sie verfeuert. Die Tür zum Wohnzimmer steht offen, Anke Drevenstedt, die Lebensgefährtin, ruft „Tür!“. Letz sagt „Beamtenwitwe“, es scheint etwas zu bedeuten.

12300 Menschen leben in La Nucia, 6400 davon sind Einwanderer, 1500 davon Deutsche. Fast alle Einwanderer leben in Einfamilienhaussiedlungen, die seit Mitte der 70er Jahre, seit die Deutschen und die Holländer und die Briten herziehen, gebaut werden. San Rafael ist eine von Dutzenden, jede hat einen Namen. Sie heißen zum Beispiel Bello Horizonte I und II, Panorama, Nucia Hills, Las Vegas, Los Olivos und Hibiscus.

1500 Deutsche in einem Ort, die können gut unter sich bleiben. Mit der Satellitenschüssel empfangen sie das deutsche Fernsehen. Es gibt eine deutsche Zeitung, die „Costa Blanca Nachrichten“. In der stehen Kleinanzeigen von deutschen Klempnern und Maurern und Swimmingpoolbauern und große von Supermärkten, in denen Deutsch gesprochen wird. In einem Nachbarort gibt es einen deutschen Karnevalsklub. Es gibt auch ein deutsches Altersheim.

In vielen Orten an der Costa Blanca sieht es so aus wie in La Nucia, vier Kilometer südlich liegt L’Alfàs del Pi, Torrevieja weiter im Westen und im Osten Denia. Auch dort sind über die Hälfte der Bewohner aus dem Ausland, auch dort sind die meisten Ausländer Deutsche, auch dort die meisten Rentner. Aber nur in La Nucia haben sie eine Partei gegründet. Deshalb Schatzmeister, Joachim Letz hat bei der Partei diesen Posten inne. „Es ist ein bisschen lächerlich“, sagt er. „Ich habe bis jetzt noch gar nichts gemacht.“ Die Parteikasse steht bei der Chefin. Die Chefin heißt Marina Lucas, es ist die Frau, die unten am weißen Eisentor steht und gerade klingelt.

Unabhängige Liste der europäischen Einwanderer von La Nucia, so heißt die Partei. Es dauert eine Weile, bis Marina Lucas oben im Haus angekommen ist, vielleicht liegt es am Eisentor, das sich vorhin schon nicht richtig öffnen ließ. Es regnet immer noch, das Wasser spült ständig Steinchen und Erde davor, das Tor bleibt manchmal daran hängen. Als sie eintritt, holt sie gleich ein paar Blätter Papier aus ihrer Tasche, darauf sind die Tagesordnung für die diesjährige Generalversammlung und die Kostenabrechnung für das Jahr 2004 gedruckt.

Bei der letzten Gemeinderatswahl von La Nucia sind sie zum ersten Mal angetreten, sie haben sie nicht geschafft, die Fünf-Prozent-Hürde, 31 Stimmen fehlten. Sie fordern: Gleichstellung des Ortskerns und der Einwanderersiedlungen bei Subventionen; Erhaltung, Pflege und Schaffung von Grünflächen auch in den Siedlungen; weniger Bautätigkeit.

Es wird viel gebaut in La Nucia. Das ist störend, es macht Lärm und Dreck, und es gibt Umleitungen. Und viele, die sich einst ein Haus mit Aussicht gekauft haben, für die endet heute der Blick am Nachbargrundstück. Es ist vorgekommen, dass Leute morgens aufgestanden sind und das Auto nicht mehr aus der Garage bekommen haben, weil davor eine Grube für ein neues Haus ausgehoben worden war. Es passiert willkürlich, niemand wird vorher gefragt.

Spanier gehen dann zum Bürgermeister und protestieren, die Deutschen trauen es sich üblicherweise nicht, sie glauben, sie nähmen sich damit zu viel heraus, schließlich sind sie ja nur Gäste. Außerdem sprechen die meisten nicht gut genug Spanisch.

Die Idee für die Parteigründung kam Marina Lucas zum ersten Mal vor vier Jahren, da schrieb sie an einer sozialwissenschaftlichen Doktorarbeit. Auf Seite neun hat sie damals in braunen Großbuchstaben vermerkt, worum es ihr ging: „Wir starten diese Untersuchungsarbeit, um feststellen zu können, wie zufrieden beziehungsweise unzufrieden unsere ausländischen Mitbewohner in La Nucia sind, die hier ein Eigentum haben und ihre Rentnerjahre bei uns verbringen. Es geht darum zu ergründen, wie sie sich fühlen.“

Lucas zieht die Augenbrauen hoch, aber nur über der Nase, so dass sie ein Dreieck bilden. Sie ist 56 Jahre alt, braun gebrannt, in die Stirn fällt eine graue Strähne, der Rest des Haars ist schwarz. Auch sie trägt einen dicken Pullover, mit Rollkragen. Sie ist Spanierin, sie lebt mit einem Deutschen in La Nucia, Siedlung Panorama. „Ich habe festgestellt, dass sich viele schlecht behandelt fühlten von der Gemeinde“, sagt sie. „Die Verwaltung hat lange ein bisschen mit dem Rücken zu den Ausländern gelebt. Damals gab es in den Ämtern auch noch niemanden, der deren Sprache spricht.“ Sie sagt: „Ansonsten sind die Ausländer sehr zufrieden mit der Lebensqualität hier.“

Die Gemeinde La Nucia ist reich. In diesem Jahr kann sie 42 Millionen Euro ausgeben. Das Geld stammt aus eigenen Steuereinnahmen und Zuschüssen aus der Gebietshauptstadt Valencia. Lucas lebte früher einmal in Freiburg im Breisgau, einer Stadt mit 200000 Einwohnern. Die Verwaltung dort hatte nicht so viel Geld zur Verfügung.

Die deutschen Ruheständler von La Nucia versteuern hier ihre Rente, es sei denn, sie sind weniger als sechs Monate im Jahr da. Dann zahlen sie aber immer noch Vermögensteuer. Die Erbschaftsteuer liegt bei 81 Prozent. Sie sind ordentlich krankenversichert, die meisten von ihnen bei einer privaten Kasse. Sie bezahlen bar beim Arzt, die Kasse überweist den Betrag an sie zurück. Sie fallen niemandem zur Last, keine Minute lang. Sie geben hier Geld aus.

„Integriert sind sie nicht“, sagt Marina Lucas. Es liegt vor allem an der Sprache, sagt sie. „Für den Gemüsemarkt und das Restaurant reicht es.“

Joachim Letz sagt: „Ich tue mich sehr schwer, ich habe viele Kurse belegt, schon als ich noch bei der Bundeswehr war, saß ich in der Volkshochschule. Ich bin nie zur Vollendung gekommen, und ich werde es auch nicht. Wir brauchen hier wenig Spanisch.“

Jeden Montag muss er herunter vom Hügel, er fährt dann zum Lidl-Markt, der ist fünf, sechs Kilometer entfernt. Montags hat Lidl immer irgendetwas Besonderes im Angebot. „Diese Angebote erscheinen immer wieder verlockend“, sagt Letz. Diese Woche war es ein kleines Radio mit einer Uhr dran für 10 Euro 99. Das Radio kann die Uhrzeit an eine Zimmerwand projizieren. Dienstags geht Letz nicht außer Haus. Mittwoch ist Stammtisch. Donnerstag Lidls nächstes Angebot. Freitag Markt im Nachbarort.

Ansonsten: Letz sagt, er ist „sehr, sehr interessiert an der geistigen Entwicklung Deutschlands, im Gegensatz zu meiner Lebensgefährtin“. Und an der ganzen Welt. Letz hat einen Bericht von „Focus-Online“ ausgedruckt. Er liegt auf dem gekachelten Tisch in der Veranda. Es geht um Sexualkundeunterricht in Amerika.

Und es liegt an den Lebensgewohnheiten, sagt Lucas, dass Spanier und Deutsche so wenig miteinander zu tun haben. Spanier essen zu Mittag gegen halb drei, Deutsche um zwölf. Beim Abendessen ist es dasselbe: Spanier nicht vor neun, Deutsche meist um sieben. Man begegnet sich nicht in den Restaurants, nur der Bedienung, und bei Einladungen ist es auch schwierig. „Wenn die Spanier anfangen zu feiern, sind die Deutschen längst müde.“ Kompromisse sind mühsam für beide Seiten, sagt Lucas, das macht man nicht so oft.

Die Deutschen geben hier Geld aus, sie brauchen keines. Sie haben keine Kinder dabei, die auf Schulen gehen müssen, sie benutzen kaum den öffentlichen Personennahverkehr, sie fahren fast alle Auto, der spanische Staat muss an keiner Stelle irgendetwas für sie zahlen. Die Deutschen in Spanien müssen ihre Anwesenheit nicht legitimieren.

Die Chancen, die sie verpassen, wenn sie kein gutes Spanisch sprechen, sind gering, es geht nicht um ihre Zukunft dabei. Der Ärger über die spanischen Behörden scheint sich in Grenzen zu halten, so lange die Interessenvertretung der Einwanderer bei einer Wahl noch nicht mal fünf Prozent bekommt.

Integration, das fordert niemand, und sie ist auch nicht nötig. Es geht auch so.

Irgendwann an diesem Regennachmittag ist Joachim Letz hinausgegangen in den Garten, 3500 Quadratmeter ist er groß. Er hat in Richtung Westen geschaut, auf die Baustelle hinter seinem Zaun. Er hat gesagt: „Endlich bekomme ich meinen ersten spanischen Nachbarn.“

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