Zeitung Heute : Ausweitung der Knautschzone

Plötzlich ist er überall: Der Mops ist der Renner dieser Jahre. Dabei ist er ein sehr rätselhaftes Wesen. Ist er überhaupt ein Hund?

Kerstin Decker

Bis jetzt nichts Auffälliges. Abgesehen vom schmiedeeisernen Eichhörnchen an der Garagentür, aber in dieser Vorstadtstraße mit den Vorstadtreihenhäusern und den Vorstadtvorgärten irgendwo bei Bielefeld ist das völlig normal. Doch dann öffnet sich die Haustür, eine schwarze und eine beige Kugel fliegen los und prallen an mir ab. Dann entkugeln sie sich und verhalten sich nun doch eichhörnchenartig. Sie nehmen noch einmal Anlauf, springen und bleiben an meinen Strümpfen hängen, beide zur gleichen Zeit. Die schwarze Kugel links, die beige rechts. Das sind Zilly und Wilma. Zwei bayerische Weißwürste mit dem Temperament eines andalusischen Kampfstiers und unübersehbaren Rassemerkmalen eines Marzipanschweins. Diese bis jetzt wissenschaftlich und auch sonst präziseste Beschreibung des Mopses, einer der ungewöhnlichsten Lebensformen auf Erden, verdanken wir Katharina von der Leyen, Verfasserin des lesens- und ansehenswerten Buches „Der Mops“. Aber die Frau hinter Zilly und Wilma ist gar nicht Katharina von der Leyen, sondern Liesa Willms. Liesa Willms hat auch ein Buch geschrieben, es trägt den Titel „Der Mops im Wandel des MPRV“. MPRV heißt „Mops-Pekinesen-Rassehundeverband e.V.“. Und das Problem ist: Die Möpse in beiden Büchern sehen nicht ganz gleich aus. Es gibt den Mops mit Nase und den ohne Nase. Liesa Willms züchtet den Langnasenmops. Welcher aber ist der echte? Unser Mops!, sagen die Traditionszüchter. Unser Mops!, sagen Liesa Willms und der MPRV. Das ist das deutsche Mops-Schisma. Und das ausgerechnet jetzt, mitten im Mops-Boom. Denn der Mops ist die Hunde-Wiederentdeckung des neuen Jahrtausends. Insbesondere Prominente und Lifestyle-Magazine sind auffällig bemopst. Und Einrichtungskataloge.

Sie sind der Mopstyp!, sagt Liesa Willms, so benehmen sich Zilly und Wilma sonst nie. Oder ganz selten. Ich ahne gleich, was sie meint. Möpse reden nicht mit jedem. Möpse machen, was wir alle tun sollten: Sie kommunizieren nur mit wirklich sympathischen Menschen. Sie können sich das leisten. Denn Möpse sind keine Knechte, sie haben nie wirklich teilgenommen am Kampf ums Dasein, sie sind gewissermaßen auf dem Schoße der Kaiser von China geboren. Darum sind sie so ganz ohne Argwohn. Aus der Mopsperspektive gesehen, ist das so: Die Geschichte erfand die Kaiser von China als Ruhekissen für den Mops. Der Mops ist der typische Kaiserhund. Er besaß auch eigene Diener. Sein einziges Existenzrisiko bestand im Aussterben der chinesischen Kaiser. Als die dann wirklich ausstarben, besaßen die europäischen Monarchen längst Möpse. Queen Victoria von England zum Beispiel. Wer alte Fotos des britischen Königshauses und der dortigen Aristokratie betrachtet, wird bald eine Besonderheit bemerken. Die Möpse gucken genau wie ihre Besitzer. Besonders der von Queen Victoria .

Auch Zilly und Wilma besitzen ungefähr die Ausstrahlung von Liesa Willms. Drei Hochenergetiker voller Zuversicht. Zilly und Wilma springen im Wintergarten-Wohnzimmer auf Tischhöhe, um die großen Windbeutel obendrauf besser ins Auge fassen zu können. Liesa Willms sagt, dass die anderen Hunde im Hundezimmer seien, weil nicht jeder Gast sechs Springmöpse aushält. Noch immer erstaunt das eigene Unterbewusstsein über soviel Mops-Fitness. Möpse, waren das bis eben nicht herzkranke Asthmatiker mit final hängender Zunge, jeder Spaziergang ohne Asthmaspray schon ein Risiko?

Liesa Willms verteilt die Windbeutel. Die Frage, ob man auch einen halben davon bekommen kann, verneint sie. Was man macht, soll man richtig machen. Bloß keine halben Sachen und nicht über die Folgen nachdenken, sagt Liesa Willms und beißt in die Süßware. Zilly und Wilma sehen das und nehmen jetzt den Walter-Matthau-Gesichtsausdruck an, den Mopsbesitzer so an ihnen lieben. So sorgenvoll-melancholisch. Was für eine Knautschzone!

Wilma und Zilly ziehen sich in ihr Mopskörbchen am Fenster zurück, sie liegen übereinander. Nur gewöhnliche Hunde schlafen nebeneinander, Möpse schlafen am liebsten übereinander, und je mehr sie sind, desto besser. Liesa Willms nennt das Stapelschlafen. Zilly und Wilma wissen, dass sie nicht vergessen sind. Jeden Tag kocht Liesa für sie. Und nicht selten isst die ganze Familie, sechs Hunde, zwei Erwachsene, das Gleiche, Bratwurst und Kartoffeln zum Beispiel. Liesa Willms’ Mann Ulrich ist der Erste Vorsitzende des MPRV. Zilly und Wilma beginnen leise zu schnarchen. Manche sagen, der Mops sei der ideale Single-Hund. Man hört immer, dass noch einer da ist.

Nein, Zilly und Wilma kann Alfred Brehm nicht gemeint haben. Vielleicht hatte der große Tierfreund und Mopsfeind Alfred Brehm den Hund von Königin Victoria vor Augen, als er die Art als dumm, faul und gefräßig beschrieb und ihr die Prognose stellte: „Die Welt wird nichts verlieren, wenn dieses abscheuliche Tier den Weg allen Fleisches geht.“ Liesa Willms Blick wird hart, sobald sie den Namen Brehm ausspricht. Ja, lange sah es so aus, als ob er recht behalten sollte. Am Ende des alten Jahrtausends sollen nicht einmal mehr 100 Möpse pro Jahr in Deutschland gezüchtet worden sein. Damals, 1998, kaufte Liesa Willms ihren ersten Mops, nicht als solidarische Maßnahme zum Überleben der Art, sentimental ist sie nicht. Vielleicht eher, weil der Mops sie an ihre Boxer erinnerte. Als Liesa Willms 20 war, hat sie Boxer gezüchtet, zum Schluss Pekinesen. Der Mops ist ein sehr vernünftiger Kompromiss zwischen Boxer und Pekinese. Der Mops, den sie von einem Züchter kaufte, war eine Dame und hieß Anna.

Natürlich gab es noch andere, die nie am Mops zweifelten, selbst dann nicht, als keiner mehr einen haben wollte. Möpse, das hatte Loriot immer gewusst, sind mit Hunden nicht zu vergleichen: „Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen. Möpse können, wie Menschen, im Alter etwas nachlassen, jedoch an Ausdruck gewinnen.“ Das war natürlich eine glatte Verharmlosung. Denn der Mops vor der Jahrtausendwende war gewissermaßen von Geburt an alt. Der traditionelle Mops ist der Gerontologie-Mops. Liesa Willms stellte das auch bald fest. Ihre Anna war nicht mopsfidel, sondern schon seit früher Jugend krank und litt an Atemnot. Liesa Willms ahnte bald, dass dieses Kranksein Methode hatte. Es lag in Annas Genen. War das Wort „mopsfidel“ nur ein unserem Sprachleib eingeschriebener Irrtum? War es einmal wahr gewesen?

Wenn Liesa Willms ihre Anna im Profil ansah, merkte sie, was ihr fehlte: die Schnauze. Kein Zweifel, Anna und ihre Mit-Möpse hatten keine Schnauze. Ein Hund mit Schnauze ist zu gewöhnlich, müssen die Züchter irgendwann beschlossen haben. Der Rassestandard, dem auch der Deutsche Mopsclub verpflichtet ist, legt fest: Im Seitenprofil ist der Hund flach. Die dicke Nasenfalte verdeckt den Nasenschwamm vollständig.

Erst der Hund ohne Schnauze ist wirklich etwas Besonderes. Der völlig runde Hundekopf. Und Liesa Willms beschloss: Ich züchte Hunde mit Schnauzen. Mit erkennbarem Fang im Profil und freiliegendem Nasenschwamm. Ich züchte den Langnasenmops!

Queen Victorias Gesandte mussten einst bis nach Wiesbaden reisen, ehe sie einen Mops fanden, der ihnen passend schien für die Königin. Und was für eine Riesenschnauze dieser Mops hatte! Liesa und Ulrich Willms hatten es schwerer. Kein Mops mit Nase weit und breit. Sie fuhren bis nach Ungarn, um die ersten Möpse mit Nasen zu finden. Bis in die 60er Jahre hatten auch deutsche Möpse welche, davor sowieso, weshalb Liesa Willms auch gern sagt: Ich züchte den altdeutschen Mops!

Züchten heißt, nur die Tiere mit den besten Eigenschaften miteinander zu paaren. Die Züchtersprache kann sehr hart sein. Von Ausschuss und Schrott ist die Rede. Auch Liesa Willms benutzt das Altmetallwort, nur seitenverkehrt. Zilly und Wilma sind das, was entsteht, wenn lauter „Schrott“ – nach Maßstab des Deutschen Mopsclubs etwa – Kinder bekommt. Also genau jene Hunde mit Nasenansatz, die bisher als nicht vermehrungstauglich aussortiert wurden. Mit Befriedigung sah Liesa Willms, wie ihre Möpse bald kleine Nasen bekamen.

Und niemals kreuze ich Blutsverwandte, sagt sie.

Der berühmteste Mops dieses Landes ist ein Mops älteren Typs. Er heißt Rolex, Liesa Willms und ihr Mann kennen ihn gut, denn er ist öfter bei ihnen zu Besuch. Der Mops mit dem nicht ganz geschmackssicheren Namen gehört dem Popstar Lukas Hilbert. Der saß in der Jury, als die „No Angels“ entdeckt wurden, und Rolex, der Mops, war immer dabei. Das ging nicht anders, denn der Mops ist der typische Begleithund, es ist gemein, ihn allein zu lassen, darin sind sich alle Züchter einig. Aber wie kommt ein junger Mann wie Hilbert ausgerechnet auf den Hund Mops? Bevor Lukas Hilbert sang, wie er heute singt, klang er etwas anders, denn er war Udo Lindenbergs Begleitmusiker. Udo Lindenberg begleiten – das ist keine Lebensstellung, ich muss da raus, dachte Lukas Hilbert irgendwann und wusste: Das schaffe ich nur mit einem ganz starken Partner an meiner Seite. Und das wurde – Rolex. Mit ihm zusammen hielt er durch. Bis Rolex seinen ersten Erstickungsanfall bekam. Da war er drei Jahre alt. Denn es ist schwer, ein Hund ohne Schnauze zu sein und trotzdem Luft zu bekommen. Bald schlief Rolex, der berühmteste Mops Deutschlands, nur noch im Sitzen. Da kamen die Erstickungsanfälle eher selten. Du hast mir geholfen, ich helfe dir, dachte Lukas Hilbert. Er formuliert das nach Art seiner Lieder so: Rolex ist das Gold auf meiner Seele. Und irgendwann fand er Liesa Willms. Inzwischen hat Rolex zwei Operationen hinter sich, das Gaumensegel wurde entfernt, die Nasenlöcher wurden erweitert, aber mopsfidel wird er nicht mehr. Inzwischen hat Rolex eine Frau, Choko. Choko ist ein Liesa-Willms-Mops.

Das erste Mal, als Lukas Hilbert morgens seine sieben Kilometer joggen ging und Choko wollte mit, war er skeptisch. Sieben Kilometer laufen mit einem Mops? Inzwischen weiß er schon, wie das ausgeht. Wenn er es nach den sieben Kilometern gerade wieder bis vor seine Tür schafft, hat Choko Lust auf die nächsten sieben.

Unten im Garten spielen jetzt alle Willms-Möpse. Wahrscheinlich auch jene, die eben noch im Quelle-Wohnen-Katalog auf einem Sofa lagen, dicht an dicht. Das ist konsequent, den Möpse sind die Hauptnutzer eines jeden Sofas. Das Grundstück hat einen Außen- und einen Innenzaun, dazwischen eine Hecke, das ist besser so, denn jemand hat schon mal Rattengift in den Garten geworfen. Der fand die Willms-Zucht-Idee nicht gut. Auch Morddrohungen kennen sie, aber die lassen sich besser ignorieren als Gift. Einer der Möpse ist besonders klein. Das ist ein Waisenkind, sagt die Züchterin, die Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. Sie hat das Mopsbaby mit der Flasche großgekriegt, aber eben noch nicht zur vollen Mopsgröße. Das Kleine gibt sie nicht her, obwohl es gerade in ganz Deutschland keine langnasigen Welpen gibt und sie es teuer verkaufen könnte. MPRV-Möpse kosten grundsätzlich 1200 Euro, schließlich handelt es sich um Familienmitglieder. Im MPRV sind nur Familienzüchter, keine Hundegroßfarmer. 1200 Möpse haben sie in den letzten fünf Jahren gezüchtet. Und wenn Liesa Willms jetzt gerade Welpen hätte, würde sie ohnehin nicht hier sitzen, Windbeutel essen und mit Journalisten reden. Da würde sie gar nicht aus dem Haus gehen, und Ulrich müsste allein einkaufen. Welpen haben sei nämlich ein 24-Stunden-Job. Wir gehen hinüber ins Welpenzimmer. Es sieht fast aus wie ein Kinderzimmer, nur dass an den Wänden lauter Wimpel hängen und auf und in den Schränken Pokale stehen. In der letzten Zeit vor der Geburt schläft Liesa Willms bei der werdenden Mutter. Das ist das Mindeste, findet sie. Nachher sowieso.

In einem Haushalt wie diesem ist es natürlich schwer zu sagen, wer bei wem wohnt. Liesa Willms ist der Meinung, nicht die Möpse leben bei ihnen, sondern das Mopsrudel hat Ulrich und sie aufgenommen. Nur wer saubermacht, ist immer klar. Kleine Möpse sind absolut undicht, und wahrscheinlich haaren sie schon bald so wie die großen. Aber der Mops ist ja kein Hund, sagt Liesa Willms und lässt ihre Stimme fast um eine Oktave in geheimnisvolle Tiefen fallen. Dem Mops werde eine prophetische, ja eine heilende Gabe zugeschrieben. Liesa Willms nickt. Sie habe da Sachen gehört. Immerhin, andere Hunde nehmen den Mops nicht sofort als Artgenossen war. Ist das ein Indiz? Als Wachhund ist er eine völlige Fehlbesetzung, beißen kann er auch nicht. Aber auch jeder Ansatz eines Jagdtriebes fehlt ihm. Natürlich, der Mops musste noch nie jagen, es ging ihm schon immer wie den Kaisern von China: Nahrung, wusste er, ist das, was einem appetitanregend in kostbaren Schüsseln serviert wird. Oder sollte es stimmen, dass unter den Vorfahren des Mopses auch ein Affe war?

Menschen haben bestimmte Hunde, weil sie andere Menschen, die den gleichen Hund haben, sympathisch finden. Oder eben nicht. Wer einen Mops an der Leine führt, erklärt Liesa Willms mit großem Ernst, ist ein guter, charakterfester Mensch, da können Sie wetten. Wer einen Mops hat, dem können Sie bedenkenlos vertrauen.

Mopsbesitzer, ergänzt Ulrich Willms versonnen die Rede seiner Frau, sind ohnehin ganz andere Menschen.

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