Zeitung Heute : Ausweitung der Tabuzone

Gestern Mohammed, heute Iran und Fußball, und was geht morgen nicht mehr? Die Welt wird kleiner für Karikaturisten

Axel Vornbäumen

Achtung – Satire! Sie wird in der dritten Spalte folgen. Das ist wichtig zu wissen, denn die Nerven liegen blank, in diesen Tagen, und nicht jeder trifft den Ton, den er treffen sollte.

Es ist Dienstag, der 14. Februar 2006, Tag 5, nachdem der Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann eine Zeichnung veröffentlicht hat, mit der er nach eigener Aussage nur gegen den geplanten Einsatz der Bundeswehr bei der Fußball-WM protestieren wollte: Bewaffnete Soldaten im Stadion sind da zu sehen gewesen, die Augen geradeaus, etwas dümmlich dreinschauend vielleicht – auf der Zeichnung rechts. Links aber: Vier Männer im Trikot der iranischen Fußballnationalmannschaft, um ihren Bauch Sprengstoffgürtel geschnallt. Es ist ein Bild, das mittlerweile im Wortsinn um die Welt gegangen ist. Voller Empörung eingescannt und per E-Mail versendet, sekundenschnell und wirkungsmächtig. Epizentrum ist ein Internetforum für iranische Fußballfans, ein Blog (persianfootball.com), wobei man wissen muss, dass Iraner wegen der im Land stark eingeschränkten Meinungsfreiheit zu den blogfreudigsten Völkern der Welt gehören. In diesem Blog schreiben Freunde des iranischen Fußballs aus der ganzen Welt. Am Samstagmorgen um 8 Uhr 30 hatte der News Editor Saeed Noro die Karikatur von Stuttmann in den Blog gestellt. Die ersten Kommentare darauf sind noch relativ gemäßigt. „Hahahahaha, lasst euch von diesen Leuten nicht beleidigen, lacht nur drüber, wir werden dann schon sehen, wer bei der Weltmeisterschaft weiter kommt“, schreibt „Saam“. Erst um 10 Uhr 39 postet „Martin-Reza“ dann die E-Mail-Adresse von Stuttmann („hier ist die E-Mail des Idioten“) – die Welle wird losgetreten.

Es ist Dienstag, der 14. Februar 2006, Tag 3 nach dem Beginn der Protestwelle, in deren Mittelpunkt nun der Tagesspiegel steht. „Schamlos“ hat die iranische Sportzeitung „90“ die Karikatur genannt. Der Generalsekretär der iranischen Sportpressegemeinschaft spricht von einem „schmutzigen Witz“. „Ein taktloser Akt“ sei das, so hat es die Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin am Tag zuvor in einem Schreiben an den Tagesspiegel formuliert. Schriftlich, so fordert die diplomatische Vertretung die Zeitung auf, solle sie sich „entschuldigen und die notwendigen Schritte für die Wiedergutmachung dieses unmoralischen Akts“ unternehmen. Die Chefredaktion des Tagesspiegels gibt eine generelle Erklärung ab: „Wir bedauern die iranischen Reaktionen auf diese Karikatur und können sie uns nur mit mangelnder Vertrautheit mit der innenpolitischen Debatte in Deutschland erklären.“

Dienstag, 14. Februar: Und Klaus Stuttmann? Er wohnt nicht mehr in seiner Wohnung. Er ist ausgezogen und irritiert. Er hat Angst um sein Leben, er hat Morddrohungen erhalten, drei. Der Staatsschutz ist informiert. Eine Zeichnung, seine Zeichnung, zieht ungute Kreise.

Es ist Dienstag, der 14. Februar 2006 – und Tagesspiegel-Leser Hanno Zwicker schreibt eine E-Mail, Betreff: Der Mensch als Knochenbeutler ohne Rückgrat. „Ich komme nun in ein Alter, in dem ich mich täglich frage, ob ich verrückt werde oder diese Welt“, schreibt Zwicker. Dann macht er sich über seine Zeitung her: „Wenn der Tagesspiegel eine Zeichnung veröffentlicht und der Zeichner mit dem Tode bedroht wird, entschuldigt er sich dann in Zukunft immer?“ Und weiter: „Könnte nicht der Tagesspiegel sich grundsätzlich entschuldigen?“ Weiter, immer weiter schreibt Zwicker, schließlich: „Wäre es nicht viel sicherer, wenn der Tagesspiegel in Zukunft einfach überhaupt nicht gedruckt wird?“ Fragen eines lesenden Empörten.

Ja, da gibt es einige. Barbara Schupfer zum Beispiel. „Liebe Redaktion“, formuliert sie, „ich bin ja ganz sicher, dass Sie sich für sehr meinungsfrei und hochmodern halten. Ich aber finde ihre Karikatur in der derzeitigen angeheizten Situation unerträglich und eine Provokation. Es wäre wünschenswert, wenn Sie den Unterschied zwischen angemessener Kritik und Aggressivität gegenüber dem Islam erkennen würden, schließlich tragen auch Sie eine große Mitverantwortung für den Weltfrieden.“ Barbara Schupfer schließt mit: „Eine empörte Christin“.

Die Wellen schlagen hoch, und sie gehen durcheinander. Das Meer der Meinenden ist aufgewühlt. Ein „liberales Naziblatt“ sei der Tagesspiegel, schimpft einer. Ein anderer nimmt Stuttmanns Zeichnung als Beweis dafür, dass der „Islam, respektive der Iran“ erkennen müsse, dass er kein Rechtsmonopol auf Ehre, Moral und Meinung hat – schon gar nicht gegenüber dem Westen. Der Standort ist es, der die Perspektive bestimmt, das gilt auch und gerade für die Betrachtung von Karikaturen.

Die Welt, wenn nicht verrückt geworden, dann doch in Aufruhr: Sebastian Bobach schreibt: „Ich bin entsetzt über Ihr fehlendes Feingefühl, in der jetzigen zugespitzten Lage, in der oftmals schon vom ,Kampf der Kulturen’ die Rede ist, eine solche Karikatur zu drucken. Selbst wenn man sie nicht direkt als irankritisch einstufen wollte, so ist eine solche Karikatur in der angeheizten Stimmung offensichtlich fähig, weiter Öl in die Flammen zu gießen.“ Es ist die Gretchenfrage, die der Leser da aufwirft. Auch in der Redaktion des Tagesspiegel ist sie engagiert diskutiert worden.

Und wer immer eine Antwort hat, der mag sich melden. Denn der Streit um die Karikatur Stuttmanns hat eine Kulisse, ob der Zeichner das nun wollte oder nicht (er wollte es nicht): Es sind die zwölf in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlichten Mohammed-Karikaturen, die, so gewaltig wie gewalttätig, in Teilen der islamischen Welt eine Welle der Empörung auslösten.

Klaus Stuttmann sagt, das habe er nicht gewollt. Kein Gedanke daran sei ihm beim Zeichnen gekommen. Er habe im Gegenteil den Karikaturen-Wettbewerb bei „Jyllands-Posten“ für eine „überflüssige Provokation“ gehalten. Es sind nachdenkliche Töne, die der Zeichner anschlägt. Nur – niemand hört das mehr.

Es ist Dienstag, der 14. Februar 2006. Die Gräben sind tiefer geworden. In einem Solidaritätsschreiben versammeln sich Deutschlands bekannteste Karikaturisten hinter Stuttmann. Die Zeichner stellen die Frage nach der Ausweitung der Tabuzobe: Gestern Mohammed, heute Iran und der Fußball – und morgen? Kritik, Polemik, Übertreibung, Ironie – das sind die Stilmittel der Karikaturisten. „Würden wir durch den Druck von außen oder auch durch die eigene ihm vorauseilende Selbstzensur ständig wachsende Zugeständnisse bei der Wahl der Themen oder der Mittel machen müssen, so wären wir, so wäre das Medium Karikatur am Ende.“

Was paradox ist: Niemand will das, in diesen Tagen – die nicht, die die Freiheit von Wort und Bild für ein hohes Gut halten. Und auch die nicht, die diese für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Es ist Dienstag, der 14. Februar. Aus Teheran kommen zwei Meldungen: Die iranische Zeitung „Hamschari“ hat die dänische Presse eingeladen, sich an ihrem Karikaturen-Wettbewerb zum Holocaust zu beteiligen. Und erstmals versammeln sich auch vor der deutschen Botschaft empörte Demonstranten.

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