Zeitung Heute : Auszeiten der Seele

„Den Patienten Sebastian Deisler gibt es nicht mehr“, sagte er Anfang des Jahres. Nun beginnt er eine erneute Therapie – was ist passiert?

Sven Goldmann,Michael Rosentritt

Neulich hat Sebastian Deisler erzählt, es gebe Tage, da möchte er am liebsten in den Urlaub fahren, einfach so, „mitten in der Saison“. Am vergangenen Montag, einen Tag vor dem Champions-League-Spiel seines FC Bayern bei Juventus Turin, war er dann plötzlich weg. Der 24 Jahre alte Fußballprofi hat das Mannschaftshotel verlassen und ist ins Flugzeug gestiegen. Über das, was ihn dazu getrieben hat, wird in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Für die einen ist es ein „Psycho-Rückfall“, Deislers behandelnder Arzt, Florian Holsboer, hingegen sagt, es handele sich nur um Symptome, die zu einem Rückfall führen könnten.

Sebastian Deisler fuhr an diesem Montag in seine Münchner Wohnung und nicht in das Max-Planck-Institut für Psychiatrie, wo er zwischen November 2003 und Januar 2004 52 Tage lang therapiert worden war. Damals litt Deisler unter einer schweren Depression. Mittlerweile hat es ein Gespräch gegeben zwischen Fußballer und Facharzt. Holsboer schlägt für die kommende Woche den Beginn einer Verhaltenstherapie vor.

Noch ist offen, wie stark die Symptome sind, wie lange die Auszeit dauern und wann er wieder Fußball spielen wird. Ebenfalls offen ist, wie seine Mitspieler reagieren werden, falls er Anfang der kommenden Woche wieder auf dem Trainingsplatz stehen sollte. Auch sie werden sich fragen, was da war.

Für Deisler ist die plötzliche Abreise aus Turin eine weitere Etappe seines Lebens als Fußballprofi. Noch heute ist er dabei, seinen Weg zu finden, sich dem Fußball, „meinem Spiel“, hinzugeben, ohne dabei unterzugehen. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum Sebastian Deisler damals mit seiner Krankheit in die Öffentlichkeit ging. „Depression ist ein hässliches Wort“, sagte er. „Ich möchte das nicht mehr verdrängen. Ich bin krank.“ Deisler sprach mit erstaunlicher Offenheit über die Krankheit, über die man eigentlich nicht spricht. „Deisler weckt mit seiner Offenheit Hoffnungen für Millionen“, sagte der Psychologe Holsboer. In Deutschland zählen Depressionen zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit. Etwa zehn Prozent der Patienten mit schwer depressiver Erkrankung nehmen sich das Leben. Diese Krankheit ist ein Tabuthema, erst recht in der Männerwelt Fußball. Dort zählen Stärke und Willen. Depressionen sind genau das Gegenteil.

Zu Beginn seiner Karriere als Profi redete Sebastian Deisler gern über Fußball. Er erzählte vom betörenden Geräusch, wenn der Ball an die Torlatte klatscht und schwärmte von Zinedine Zidane, dem französischen Fußballstar, „der kann den Ball hinter seinem Körper verstecken, einfach so“. Sebastian Deisler erzählte mit Händen und Füßen. Damals ging er gerne tanzen, wenn er sich mal unerkannt fühlte, „gute Fußballer sind gute Tänzer“. Und: „Wenn ich spiele, gebe ich etwas von meiner Seele preis.“

Mit 15 Jahren war er von Lörrach ins Internat nach Mönchengladbach gegangen. Damals war er gerade mal 1,58 Meter groß. „Da muss man sich einiges einfallen lassen, wenn man den Ball haben willst. Man muss höher springen, schneller sein, mehr Tricks draufhaben.“ In Gladbach sahen sie in ihm schon einen neuen Günter Netzer. 1998 verglich ihn der Bundestrainer Berti Vogts mit dem Engländer Michael Owen, der gerade eine überragende Weltmeisterschaft gespielt hatte. Sebastian Deisler hatte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ein Bundesligaspiel bestritten.

Aus vielen seiner Äußerungen in jener Zeit und seinem immer schüchterner werdenem Auftreten konnte man schließen, dass er immer nur der Fußballer sein wollte und nicht der Star, der in der Öffentlichkeit steht. Der Öffentlichkeit war das egal. Sie sah in ihm, was er nie war und auch nicht mehr werden wird – den Heilsbringer des deutschen Fußballs.

Die Akzente haben sich langsam verschoben im Leben des Sebastian Deisler. Im privaten Kreis erzählt er jetzt am liebsten vom vergangenen Sommer, „es war der schönste meines Lebens“. Ein Sommer ohne Fußball. Mit seiner Freundin und seinem Sohn war er auf den Malediven und machte Urlaub. Vier Wochen lang. Körper und Geist waren zur Ruhe gekommen, „ich hatte das erste Mal seit Jahren Zeit für mich“. Dass zur selben Zeit seine Kollegen in der Nationalelf bei der EM in Portugal spielten – na und? Deisler spielte am Strand. Niemand erkannte ihn, erwartete etwas von ihm. In diesen Stunden gehörte Sebastian Deisler sich selbst.

Diese Selbstbestimmung war spätestens seit seinem Wechsel nach Berlin verloren gegangen. In Berlin hatte er auf Anonymität gehofft – eine Illusion, denn sein Image war vor ihm da. Er versuchte sich für die Öffentlichkeit unkenntlich zu machen. Er wurde verschlossener, weil er feststellte, dass er verletzbarer war als andere Profis mit ihren sonnigen Gemütern. Er ließ sich die Haare so lang wachsen, bis sie ihm im Gesicht hingen. Er trug Schlapphüte, wie sie Rapper tragen. Ganz wenigen hat er sich damals anvertraut. Seine Sprache und Gestik verrieten, wie sehr ihn das alles körperlich und seelisch attackierte. Schon damals sah er müde aus, und lachen sah man ihn auch nur selten.

Welches Anrecht hat die Öffentlichkeit auf einen Fußballspieler? Wie viel muss er für sein hohes Gehalt preisgeben von sich? Nichts, sagt Sebastian Deisler, „ich gehöre nur mir selbst“. Deislers Körper begann irgendwann zu streiken. Als 22-Jähriger hatte er schon mehr Operationen hinter sich als viele Profis in ihrer gesamten Karriere. Für ihn waren das auch Signale einer seelischen Beklemmung. „Mein Körper hat sich Auszeiten genommen.“ In Berlin verbrachte er mehr Zeit in Rehazentren als auf dem Trainingsplatz. Wer ihn traf, sah, wie er sich körperlich veränderte hatte. Unter seinem T-Shirt wölbte sich der Brustkorb eines Mannes. Seine Beine wurden kräftiger. Mittlerweile trug er die Haare raspelkurz, dafür hatte er sich einen Kinnbart zugelegt. Er wollte nicht mehr der „Basti Fantasti“ sein, zu dem ihn die Presse machte, „ich bin der Sebastian Deisler“. Er verkroch sich und verweigerte sich bald ganz. Das war im Herbst 2001, als die „Bild“-Zeitung das Faksimile eines Überweisungsscheins über 20 Millionen Mark auf der Titelseite druckte. So viel war dem FC Bayern allein Deislers Absichtserklärung für einen Wechsel nach München wert. Seinem alten Verein hatte er bereits im Sommer 2001 von seinen Wechselabsichten erzählt. Hertha BSC bat ihn, seine Pläne für sich zu behalten. Er ordnete sich dem Wunsch unter, „dafür habe ich mein Image riskiert“. Die Berliner Fans hofften, Deisler würde bleiben, er selbst dementierte nicht – und dann kam die Sache mit dem Scheck. Deisler galt als Betrüger, als er später noch einmal für Hertha im Olympiastadion spielte, pfiffen 50000 Zuschauer. „Ich hätte mich hinstellen und den Fans sagen können: Hey, ihr pfeift den Falschen aus.“ Er verließ Berlin, eine Stadt, „in der mich alle liebten und über Nacht plötzlich hassten“. Wenn heute unter Hertha-Fans die Rede auf Deisler kommt, nennen sie ihn „Spasti Scheißler“.

Nach dem Wechsel zum FC Bayern zog er in den Stadtteil Grünwald, doch die Villen mit den hohen Hecken, „das war nicht meine Welt“, sagte er und zog in die City. Deisler kapselte sich von seinen Kollegen ab, mied die Öffentlichkeit. Damit verärgerte er seinen Arbeitgeber. „Er meint, es reicht, wenn er trainiert und spielt. Aber bei Bayern München muss er auch außerhalb des Platzes eine Rolle spielen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Und Manager Uli Hoeneß forderte: „Die Schonzeit ist vorbei. Er muss sich ab sofort aufdrängen.“

Deisler drängte sich nicht auf, er stieg aus. Die Bekanntgabe seiner Krankheit wurde in der Öffentlichkeit wie eine Sensation behandelt, so, als hätte sich der erste Fußballprofi als Homosexueller geoutet. Zu diesem Zeitpunkt stand nicht einmal fest, ob Sebastian Deisler je wieder gesund, geschweige denn Fußball spielen würde. Während der Therapiephase gab er dem Tagesspiegel ein Interview. Sein Gesicht war aufgedunsen, „die Medikamente“, sagte er und erzählte über Symptome der Krankheit: Antriebslosigkeit, verloren gegangenes Interesse an gesellschaftlichen Kontakten, Ängste und Schuldgefühle. „Meine gesundheitliche Situation ist ja nicht zufällig entstanden.“ Er verlangte vom FC Bayern eine Entschuldigung, weil dieser Privatdetektive auf seinen Freundeskreis angesetzt hatte. Der Verein wähnte seinen teuersten Angestellten in einem sektenähnlichen Abhängigkeitsverhältnis. Deisler rebellierte: „Wer hat das Recht, mir nachzuspionieren? Meine Freunde haben mir die Kraft gegeben, die ich gebraucht habe. Das war das einzige Stückchen Privatsphäre, das ich noch hatte.“ Die Bayern gaben nach.

Ende Januar 2004, zwei Tage nach der Geburt seines Sohnes, wurde er aus der Klinik entlassen. Deisler wirkte gereifter, stabiler, offener. Er sagte, er habe die Krankheit hinter sich gelassen. Er nahm ab, trainierte wieder und spielte. Er sprach davon, dass jedes Spiel „ein echtes Geschenk“ sei. Er schoss Tore für die Bayern und gab im September in Berlin gegen Brasilien sein Comeback in der Nationalmannschaft. Er sagte: „Den Patienten Sebastian Deisler gibt es nicht mehr.“

Im Herbst 2003 war er in die Krankheit hineingefallen und fast zusammengebrochen. In Turin hat er auf sein Frühwarnsystem geachtet, wie er es in der Therapie gelernt hat. Nach der Landung in München ist er direkt nach Hause gefahren. Er hat seinem acht Monate alten Sohn die Windeln gewechselt und stolz erzählt, „dass ich das besser mache als meine Frau. Wenn ich dabei dem Kleinen in die Augen blicke, bin ich der glücklichste Mensch.“ Weit weg vom Fußballplatz.

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