Zeitung Heute : Authentisch

BORIS KEHRMANN

Schostakowitsch und Tschaikowsky beim Berliner Sinfonie-OrchesterJewgenij Nesterenko, der die Baß-Partie in Schostakowitschs 14.Sinfonie mit dem Berliner Sinfonie-Orchester im Schauspielhaus übernahm, ist alles andere als eine "Notlösung".Der Moskauer basso profondo hat ein Jahrzehnt lang eng mit Schostakowitsch zusammengearbeitet und sich auch die Sinfonie aus dem Jahre 1969 in einer Weise zu eigen gemacht, die den Rahmen einer Interpretation weit hinter sich läßt, ohne Identifikation im einfachen Sinne zu sein.Es gibt paradoxe Vortragsbezeichnungen in Schostakowitschs Partitur, die schwer umzusetzen sind: jenes pianissimo ma maestoso im ersten Lied etwa, wo das Bild der blutgetränkten Straßen im Spanischen Bürgerkrieg heraufbeschworen wird.In Nesterenkos unspektakulärer Umsetzung offenbaren sie schlagartig ihren Sinn. Man ahnt, daß die leise Kunst des späten Schostakowitsch hier ihr Zentrum hat.In diesen Bereich vermag Françoise Pollet, trotz bewundernswerter russischer Diktion und einem an die Wischnewskaja erinnernden Timbre, nicht vorzudringen.In den tiefen Lagen stößt die französische Sopranistin an ihre Grenzen. Michael Sch<=;nwandt meidet die dynamischen Extreme, das emotionale Kidnapping, zugunsten einer scharfen Ausformulierung rhetorisch-musikalischer Details.Ein anregender Interpret, der seine zündenden Ideen mit seinem Orchester - das zur Zeit in bester Verfassung ist - vermitteln kann. Das erwies sich auch nach der Pause, als er die Rezeptionsgeschichte von Tschaikowskys vielfach mißbrauchtem Klavierkonzert gleich mitdirigierte: Brutal skandierendes Blech im ersten und zirkuskapellenhafte Rondo-Tutti im letzten Satz rückten die raffinierte Dramaturgie immer wieder in eine relativierende Perspektive.Zudem hatte Sch<=;nwandt mit dem 27jährigen Armenier Vardan Mamikonian einen Solisten, der den Klaviersatz graziös auflichtete, als handelte es sich um Rokoko-Variationen.Und so rückte der Binnensatz mit der zarten Schwermut seines Andantino-Themas in eben die Grétry- und Massenet-Sphäre, die später die Gräfin in der "Pique Dame" umgeben wird.BORIS KEHRMANN

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