Zeitung Heute : Auto-Schrauber sucht Traumjob

Von den ersten vagen Berufswünschen bis zur Unterzeichnung eines Ausbildungsvertrages ist es ein langer Weg. Jugendliche sollten ihn Schritt für Schritt gehen – und können sich dabei viel Unterstützung holen.

Ganz nah dran. Eine Auszubildende zur Fertigungsmechanikerin erklärt Schülerinnen beim Rundgang durch das BMW-Werk Leipzig den Aufbau einer Karosserie. Anlass ist der Girls’ Day – immer wieder eine prima Gelegenheit, um in Berufe hineinzuschnuppern. Foto: picture-alliance/dpa
Ganz nah dran. Eine Auszubildende zur Fertigungsmechanikerin erklärt Schülerinnen beim Rundgang durch das BMW-Werk Leipzig den...Foto: picture alliance / dpa

Endlich hält Benjamin sein Abschlusszeugnis in der Hand. Mit einer glatten Drei hat er die Mittlere Reife geschafft. Vor allem die Fächer Englisch und Deutsch haben ihm in den vergangenen Jahren das Schulleben schwer gemacht. Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Der 19-Jährige ist zufrieden und will im Job durchstarten. Benjamin ist ein Autofreak, einer der auf schnelles Fahren steht und gerne am Wagen seines Vaters bastelt. Am liebsten würde er sein Hobby zum Beruf machen. Was er dazu braucht, ist die passende Lehrstelle.

Was will ich werden? –

von der Idee zum Berufsprofil

Über 350 duale Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland. Jedes Jahr kommen neue dazu, manche sterben aus. Wer auf der Suche nach dem richtigen Beruf ist, kann schnell verzweifeln. „Viele wissen gar nicht, was sie werden wollen oder haben nur eine vage Ahnung, in welche Richtung es gehen soll“, sagt Ines Pauli, Teamleiterin des Berufsinformationszentrums (BIZ) der Agentur für Arbeit in Berlin. Per Fragenkatalog klopft sie die Wünsche und Fähigkeiten der zukünftigen Azubis ab. Arbeitest du gerne im Freien? Lieber im Team oder allein? Hast du im Job gerne Kontakt zu Menschen?

Pauli schlägt den Bewerbern Berufe vor, die sich mit den Antworten decken. Immer wieder macht sie die Jugendlichen auf Ausbildungsmöglichkeiten aufmerksam, die gar nicht auf deren Wunschliste stehen. „Wer mit Menschen arbeiten will, muss nicht im Einzelhandel landen“, sagt Pauli. „Auch in der Hotelbranche oder im Gesundheitsbereich gibt es Berufe, die passen.“

In der achten Klasse hat auch Benjamins Lehrer die Schüler ins BIZ gebracht und mit ihnen den Test gemacht. Natürlich sollten in Benjamins zukünftigem Beruf Autos eine wichtige Rolle spielen. Doch der Test hat auch gezeigt, dass er gerne an kniffligen Problemen tüftelt und Autos lieber repariert als verkauft. Benjamin will sich nun eine Lehrstelle als Kraftfahrzeugmechatroniker suchen.

Wie ist das wirklich? –

der zukünftige Job im Praxistest

Dass er mit Schraubenschlüssel und Hammer umgehen kann, hat Benjamin in mehreren Praktika zur Berufsorientierung bewiesen. Er hat in einer Fahrradwerkstatt Räder geflickt und bei einem Autohändler die Mechaniker unterstützt. Das Praktikum ist fester Bestandteil im Lehrplan. Ein bis zwei Wochen lang bekommen die Schüler unterrichtsfrei, um einen Einblick in den Arbeitsalltag zu bekommen. Meist haben die Lehrer eine Liste von Betrieben, die Schülerpraktikanten aufnehmen.

Wer eine spezielle Firma im Blick hat, für den lohnt sich die Suche über Internetportale, zum Beispiel schulpraktikum.de oder mein-praktikum.de. Dort gibt es nicht nur Adressen, sondern ehemalige Praktikanten erzählen von ihren Erfahrungen und bewerten die Betriebe. Die meisten Unternehmen haben großes Interesse an Praktikanten, denn der Bedarf an Fachkräften ist hoch.

Für Benjamin ist zwar kein Ausbildungsplatz herausgesprungen, aber seine kurzzeitigen Chefs haben versprochen, ein gutes Wort für ihn einzulegen, wenn er sich bei anderen Betrieben bewirbt.

Wo bewerbe ich mich? –

den passenden Betrieb finden

Der Kfz-Mechatroniker steht auf der Liste der beliebtesten Ausbildungsplätze ganz vorne. Die Anzahl der Bewerber ist hoch. Große Firmen werden mit Anfragen überschüttet. Angehende Lehrlinge müssen sich genau überlegen, wo sie in den Beruf starten wollen. Soll es ein großer Konzern sein oder eher der Familienbetrieb? Will ich in meiner Heimatstadt bleiben oder zieht es mich sogar ins Ausland? Wie stehen die Chancen, von meinem Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden?

Benjamin weiß, wen er sich als Traumarbeitgeber wünscht. Es soll der Branchenprimus sein. Selbstbewusst schickt er gleich eine Bewerbung los, doch die Absage kommt schon nach wenigen Tagen. Nun muss eine Alternative her. Doch wer bietet noch Ausbildungsplätze an?

Große Firmen informieren auf ihren Webseiten über ihren Bedarf. Bei kleineren und mittleren Betrieben ist ein wenig mehr Recherche gefragt. Die Agentur für Arbeit hält eine Datenbank mit Firmen bereit, die ausbilden. Gute Gelegenheiten bieten auch Ausbildungsmessen und Tage der offenen Tür bei Unternehmen. Der Lehrstellenradar der Handwerkskammer (hwk-berlin.de), eine App für Ausbildungsplätze, sagt, welcher Betrieb in der Region noch sucht. Die Stellenbörse der Industrie- und Handelskammer (ihk- lehrstellenboerse.de) informiert über Adressen und Ausschreibungen von Firmen in ganz Deutschland. Oft lohnt sich auch eine Anfrage beim Betrieb „um die Ecke“.

Wie bewerbe ich mich? –

“Ich bin der, den Sie suchen!“

Benjamin will in einer mittelständischen Firma in der Region unterkommen, die ihm Weiterbildungsmöglichkeiten bietet und beim Gehalt nicht knausert. 20 Adressen hat er gesammelt. Jetzt geht es an den schwierigsten Teil: Die Bewerbung. „Das Anschreiben muss individuell sein“, sagt Bewerbungscoach Christina Panhoff. „Die Firmenchefs wollen wissen, warum sich ausgerechnet dieser Bewerber als Lehrling eignet.“

Die meisten Anwärter sind zwischen 16 und 19 Jahre alt und haben kaum Joberfahrung. Im Anschreiben müssen sie mit ihren persönlichen Eindrücken, Hobbys oder Erlebnissen punkten, die ausschlaggebend für die Berufsentscheidung sind. Benjamin beschreibt sein Faible für Autos und lässt auch die Bastelei am Familienwagen nicht aus. Er will beweisen, dass er die richtige Einstellung für den Beruf mitbringt, hinzu kommen seine Erfahrungen aus den Praktika.

Ein Deckblatt, ein Anschreiben, ein Lebenslauf, Schulzeugnisse. „Aufbau und Optik müssen stimmen, nicht zu kreativ oder aufdringlich sein“, sagt Panhoff. Je klarer die Struktur, desto höher sind die Chancen, dass die Mappe berücksichtigt wird. Benjamin bereiten nur seine schlechten Noten in Deutsch und Englisch Sorgen. Doch die lassen sich nicht verheimlichen. Er bittet seinen Chef aus dem Praktikum um eine Referenz. „Ehrlichkeit und Transparenz sind ausschlaggebend“, sagt Panhoff. „Bewerber sollten Probleme auf keinen Fall verschleiern.“

Wie überzeuge ich im Gespräch? – den Chef rumkriegen

Für Benjamin hat sich der Einsatz gelohnt. Eine Firma lädt ihn sofort zum Vorstellungsgespräch ein. Er ist begeistert. Doch was soll er anziehen? Das Gespräch bereitet ihm weniger Sorgen als die Kleiderwahl. Grundsätzlich gilt: Lieber ein bisschen zu schick, als zu schäbig. Männer, die sich bei einer Bank bewerben, dürfen zum Gespräch in Anzug und Krawatte auftauchen, Frauen im Kostüm und dezent geschminkt. In Kreativberufen ist ein flippiger Stil eher angebracht. „Das Outfit muss zum Job passen“, sagt Bewerbungscoach Panhoff.

Benjamin tauscht ausgebleichte Baggy-Pants und T-Shirt gegen eine schwarze Jeans, ein Hemd und einen Pullovern. Im Gespräch beteuert er nochmal seine Begeisterung für Autos und Technik. Auch aus seinen schlechten Noten macht er keinen Hehl. Nach 15 Minuten ist alles vorbei. Der Werkstattchef ist einverstanden und drückt ihm gleich einen Ausbildungsvertrag in die Hand. Benjamins schriftliche Bewerbung hat ihn bereits überzeugt. Um den Vertrag genau zu verstehen, hilft das Portal azubi-azubine.de – oder ein Anruf bei den Kammern. Dann ist Benjamin seinem Traumberuf ein ganzes Stück näher.

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