Zeitung Heute : Autogrammjäger ins Herz schließen

Von Elisabeth Binder

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Warum macht es nur so vielen Menschen Spaß, am roten Teppich zu stehen und auf Stars zu warten? TeenieSchwärmerei, Gafflust, Klatschsucht? Stunden schlagen sie sich um die Ohren, nur um ihre Helden aus der Nähe zu sehen. Je exzessiver die Schwärmer das zelebrieren, desto größer die Verlockung, sich über die seichten Abgründe der späten Spaßgesellschaft zu mokieren.

Vielleicht steckt aber doch noch mehr dahinter. Vor allem die echten, gewachsenen Superstars, die nicht vom Fernsehen nach Publikumswünschen maßgeschneidert wurden, pflegen in ihrem ganz persönlichen Leistungskatalog ja die Kunst, ständig das Letzte von sich zu geben. Und vielleicht noch ein bisschen mehr. Gilt für Popstars, aber besonders für Filmlegenden, wie sie dieser Tage so reichlich zu besichtigen waren. Stars, wenn sie echt sind, machen das allzu menschliche Streben nach Perfektion auf eine vergleichsweise leicht konsumierbare Weise sichtbar. Filmschauspieler zelebrieren stellvertretend Höhen und Tiefen des Lebens auf der Leinwand. Ein Mathematiker am Computer mag Großes vollbringen, aber es ist schwer, sich mit seiner Arbeit zu identifizieren. Nobelpreisträger bringen nicht unbedingt die Massen zum Jubeln. Denn so viel auch können – das haben sie nicht gelernt, ihre Gaben auch nach außen darzustellen. Was sie tun, ist für die meisten zu kompliziert.

Filmhelden dagegen sind in der Lage, etwas zu verkörpern, was jenseits ihrer eigenen Persönlichkeit liegt. Das kann die Rolle eines großen Wissenschaftlers ebenso sein wie die eines schönen Sterns aus einer besseren, erstrebenswerten Welt. So werden sie zum Fokus für die unbestimmte Sehnsucht danach, über sich selbst hinaus zu wachsen. Sind einerseits Projektionsflächen, andererseits Motivatoren.

Echte Sterne sind wahrscheinlich vor allem deshalb so schön, weil sie so weit weg sind. Und doch scheinen jene Schauspieler, die sich so weit entfernt von den Normalsterblichen inszenieren, dass niemand desillusioniert werden kann, langsam auszusterben. Was auch daran liegen mag, dass die Fans immer fordernder werden. Zur Rolle der Stars gehört es heutzutage, humorvoll zu sein, sich (mitunter hauchdünn bekleidet) in eisiger Kälte den Autogrammjägern zu stellen, auch die dümmsten Fragen intelligent und originell zu beantworten. Und all dies auch noch mit sichtbarer Lust zu tun. Stars müssen gerade bei ihren Live-Auftritten immer neue Vollendung zeigen. Nicht weit weg auf der Leinwand, sondern dort, wo kein Weichzeichner eine Aura manipulieren kann.

Heute ist Sonntag, der Tag der Einsicht. Nie mehr auf Autogrammjäger herabsehen, das wäre doch ein Vorsatz. Wer sich je die tobenden Teenager am Rande des roten Teppichs wirklich angeschaut hat, mag längst den Verdacht haben, dass sie sich in ihrer Raserei auch ein bisschen über sich selber lustig machen. Schlimmstenfalls. Bestenfalls nutzen sie den Adrenalin-Stoß einer Live-Begegnung mit dem angehimmelten Star, um sich selbst voranzutreiben in eine Richtung, wo es auf unbekanntem Terrain eigene Lorbeeren zu ernten gibt. Dann allerdings wäre es höchste Zeit, den Roten Teppich vom Schulschwänzer-Dorado zum Ziel für pädagogisch besonders wertvolle Wandertage zu befördern.

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