Zeitung Heute : Autonome setzen Athens City in Brand

4000 Randalierer greifen auch Parlament an / Polizei verliert Kontrolle / Griechenland vor Staatsnotstand?

Gerd Höhler[Athen]

In Griechenland bahnt sich eine Staatskrise an. Das Zentrum der Hauptstadt Athen und angrenzende Stadtteile, wie das Einkaufs- und Wohnviertel Kolonaki, waren am späten Montagabend in der Hand von Randalierern, die mit Schlagwerkzeugen und Molotowcocktails durch die Straßen zogen. Die Regierung war offensichtlich nicht mehr Herr der Lage. Die neuerlichen Unruhen entwickelten sich im Anschluss an einen Demonstrationszug von etwa 10 000 Anhängern der kommunistischen Partei und anderer Linksgruppen, die gegen den Tod eines 15-Jährigen protestierten, der am vergangenen Samstag durch eine Polizeikugel getötet worden war. Der Tod des Jungen war Auslöser der schweren Krawalle, die nun bereits seit drei Tagen anhalten.

Auch aus anderen griechischen Städten wurden schwere Ausschreitungen gemeldet. In Chania auf Kreta steckten Autonome das Gebäude der Präfektur in Brand. In Thessaloniki brannte die Handelskammer. Auch im nordgriechischen Ioannina loderten die Flammen – ein Land im Bürgerkriegszustand.

Am Montagabend berief Ministerpräsident Kostas Karamanlis eine Krisensitzung des Inneren Kabinetts ein, die aber zunächst nicht beginnen konnte, weil die Minister offenbar wegen der Unruhen das Regierungsviertel nicht erreichten. Am Dienstagmorgen werde Karamanlis mit Staatspräsident Karolos Papoulias zusammentreffen, hieß es in einer Mitteilung der Regierung. Griechische Fernsehsender spekulierten, der Premier plane, den Notstand über das Land zu verhängen. Der Athener Regierungssprecher dementierte das jedoch.

Aber bereits am Montagabend entglitt der Regierung die Kontrolle zusehends. In Athen schien die Polizei vor den Autonomen zu kapitulieren und zog sich weitgehend aus dem Stadtzentrum zurück. Dort agierten die Chaoten völlig ungehindert. Tausende Vermummte zogen durch das Stadtzentrum, zertrümmerten Schaufenster, steckten mit Molotowcocktails Geschäfte sowie Bankfilialen in Brand. Verängstige Passanten, unter ihnen viele ausländische Touristen, ergriffen in panischer Angst die Flucht. Zahlreiche Gebäude am Omoniaplatz und am Syntagmaplatz sowie in den umliegenden Straßen standen in Flammen, darunter ein mehrstöckiges Kaufhaus. Auch Teile des Weihnachtsmarktes auf dem Syntagmaplatz und der dort aufgestellte große Weihnachtsbaum gingen in Flammen auf.

Die Autonomen verwüsteten auch die Lobbys mehrerer Luxushotels im Athener Zentrum. In der Halle des Hotels „Athens Plaza“ brach ein Feuer aus. Ob bei den Angriffen Hotelgäste verletzt wurden, war zunächst unklar. „Die Zerstörung ist total“, berichtete ein Reporter im Rundfunksender „Skai“ nach einem Rundgang durch das Stadtzentrum und das Viertel Kolonaki, in dem auch viele Politiker wohnen. Nach Berichten des Senders „Antenna“ brannte es am Abend auch im griechischen Außenministerium und im Wirtschaftsministerium am Syntagmaplatz. Die Polizei war machtlos gegen den Zerstörungsfeldzug der etwa 4000 Autonomen. Mehrere hundert Beamte versuchten lediglich, das Parlamentsgebäude vor Angriffen zu schützen.

In Berlin besetzten etwa 15 Demon stranten das griechische Generalkonsulat, die Aktion blieb aber friedlich.

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