Zeitung Heute : Avantgarde von der Alm

Die Schweiz pflegt nicht nur ihre Landschaft, sondern auch ihre Designkultur

Nora Sobich
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Jörg Boners Sessel für Wogg. Foto: promo

Barocker Schnickschnack ist nicht Sache der Eidgenossen. In Helvetia genießen Purismus und Praktikabilität hohes Ansehen. Als die Schweizerische Post vor einigen Jahren den Designklassikern des Landes eine Briefmarkenserie widmete, feierte man dort als Motiv nicht nur den berühmten „Le Fauteuil Grand Confort“ von Le Corbusier, sondern ganz selbstverständlich auch den Reißverschluss „Riri“ und Alfred Newesczerzals legendären „Rex“-Kartoffelschäler (1948), der mit seinem konkav geformten Griff ergonomisch perfekt in der Hand liegt.

Berühmtester Gipfelstürmer der Praktikabilitätsverehrung ist das Multifunktionstaschenmesser von „Victorinox“. Das handliche rote „Swiss Army Knife“, das Karl Elsener im Jahr 1897 als „Offiziersmesser“ registrieren ließ, ist so etwas wie das Urgestein des Swiss-made-Kults, unverrückbar mit Helvetia verbunden, als wäre es beim Rütli-Schwur schon in der Hosentasche dabei gewesen. Wie ein vertrauenswürdiges Siegel sitzt dem Alltagsobjekt das Schweizer Staatswappen auf der Messerhülle und garantiert in seiner graphisch schlichten Gestalt die typisch schweizerischen Erfolgsklischees: solide Qualität, technisches Know-how, handwerklichen Perfektionismus und hohe Funktionalität.

Zu den stolz gepflegten Designklassikern des Landes gehört auch das wunderbar schlichte Industriedesign der Schweizer Bahnhofsuhr. „Stop-to-Go“ nennt sich der Trick, den 1944 der Ingenieur und Industriedesigner Hans Hilfiker erfand: eine bewusste Verzögerung des Sekundenzählers, die noch heute dafür sorgt, dass auf allen Bahnstationen der Schweiz die mechanisch tickenden Zeitanzeiger auf die Minute gleich gehen. Schweizer Ikone ist auch der mittlerweile tausendfach verkaufte „Landi Stuhl“. Hans Coray entwarf den wie ein Schweizer-Käse durchlöcherten Aluminiumstuhl im Jahr 1939 für die Schweizer Landesausstellung („Landi“). Zur nationalen Designberühmtheit brachte es auch der organisch geschwungene Eternit-Schalenstuhl von Willy Guhl aus dem Jahr 1954, ein modernes Meisterwerk innovativer Materialverwendung. Das graue Schaukelstuhlmöbel nimmt sich neben traditionellem Schweizer Folklore-Mobiliar so futuristisch anders aus, als wäre es von städtischen Stahlbeton-Skyscrapern ins Land der grünen Almwiesen gefallen.

Berühmtester Sohn Schweizer Architektur und Gestaltung ist der gerade rundes Jubiläum feiernde Le Corbusier. Schweizerischer Herkunft waren aber auch Hannes Wettstein, Andreas Christen und Max Bill, der Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Er legte in den 50er Jahren einen nachkriegsmodernen Klassiker Schweizer Uhrendesigns vor: die schrill funktionale Küchenuhr mit integriertem Eierwecker, die er für Junghans entwarf. Obwohl die Ästhetik Schweizer Gestaltung manchmal didaktisch solide und belehrend bieder wie ein Schulmöbel daherkommt, strahlt sie immer auch neutrale Frische und zeitgemäße Modernität aus.

Die Schweiz ist vieles zur gleichen Zeit. Zwischen den hohen Bergen haben seit jeher nicht nur Kuckucksuhren und Enzian- Edelweiß-Kitsch ihr Zuhause, sondern auch die archaische Schlichtheit eines Peter Zumthors. Seine zeitlosen Bergbauten erscheinen genauso schweizerisch wie der postmoderne Aufbruch der Tessiner Moderne um Mario Botta. Das Land der Berge ist so wertkonservativ wie modern, so zurückgezogen wie weltoffen, so reduziert wie verspielt.

Verbindend gilt: Man hütet seine Traditionen und engagiert sich. Wanderausstellungen wie „Criss Cross: Design aus der Schweiz“ wurden in den vergangenen Jahren erfolgreich auf Reisen geschickt. Und führende europäische Designschulen sind in der Alpenrepublik ansässig. Zu ihnen gehören die renommierte „Ecole Cantonale d’Art de Lausanne“ (ECAL) und die „Zürcher Hochschule der Künste“. Internationales Ansehen genießt auch die Designschmiede Vitra mit dem „Vitra Design Museum“ in Weil am Rhein. Weitere innovative Designadressen sind die Leuchtenfirma Belux, die traditionsreiche Sitzmöbelfirma Embru und das Unternehmen USM, bekannt für seine edel funktionalen Möbelbausysteme „Haller“.

Der Begriff „Swiss Design“ ist mittlerweile so geläufig wie ein Branding, das sich beliebig reproduzieren lässt. Ansässig sind die Designkreativen vor allem in „Downtown Switzerland“ – in Zürich, der Stadt, die immer wieder zum Spitzenreiter unter den lebenswertesten Städten der Welt gekürt wird, und wo seit einigen Jahren die Kunst-, Design- und Architekturszene begeistert eine „neue Schweiz“ bejodelt. Dabei vermitteln die Schweizer Gestalter – wie überhaupt das gesamte Land – vor allem eines: dass der Blick von außen nicht nur geduldet wird, sondern als inspirierender Anstoß für neue Ideen regelrecht erwünscht ist. Die Internationalität ist eines der Hauptmerkmale schweizerischer Kreativität.

Alle Spielarten modernen Designs werden bedient. Man zeigt sich experimentell und poetisch, dabei gleichzeitig immer auch den praktisch funktionalen Traditionen verpflichtet. Zu den Stars der Szene gehört der inzwischen in San Francisco lebende Yves Béhar, der die Firma Fuseproject betreibt und für sein innovatives Industriedesign bekannt ist, zum Beispiel den Laptop „OLPC XO-1“. Ein kreativer Aufsteiger ist auch Jörg Boner, der freie Entwürfe schafft und für Firmen wie Niels Holger Moormann oder Classicon arbeitet. Für letztere entstand sein Schreibtisch „Ajax“, eine moderne, auf einem Drahtgestell ruhende Sekretärinterpretation. Boners jüngster Entwurf ist ein schlichter Stuhl für die Schweizer Firma Wogg, der sich wie eine Umziehpuppe in wechselnde, an japanische Kimonos erinnernde Gewänder hüllen lässt. Nora Sobich

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