Zeitung Heute : Axmatova

Achmatowa

Stefanie Flamm

Als sie Modigliani 1911 in Paris begegnete, war er noch ein unbekannter Künstler und sie die etwas neurasthenische Gattin des Dichters Nikolaj Gumiljow, die unter dem Pseudonym Achmatowa in St. Petersburg gerade erste Erfolge als Lyrikerin feierte. Vor allem verliebte Gymnasiastinnen identifizierten sich mit ihren Heldinnen, die so effektvoll darunter litten, dass ihr schöner Schmerz für andere doch nur einen ästhetischen Reiz darstellte. Ihr italienischer Verehrer verstand kein Wort ihrer gemeißelten Verse. Aber auch er war fasziniert von dieser, schon in jungen Jahren von einer unguten Vorahnung umwehten Russin. 16 Mal hat er sie gezeichnet, doch nur ein Bild sollte den Krieg und die Revolution überleben. Es blieb bis zu ihrem Tod der einzige ständige Begleiter in ihrem unbehausten Leben.

Anna Achmatowa hat oft geheiratet, sie hatte viele Liebhaber, aber sie besaß nie eine eigene Wohnung. Sie empfand sich als poetische Trümmerfrau, die aus dem Schutthaufen der russischen Klassik barg, was die sowjetische Moderne noch nicht zu Kleinholz gehauen hatte. In ihren Gedichten wurde nicht geraunt, niemals allegorisiert oder experimentiert. Sie hat, anders als die Futuristen, auch nie versucht, den Himmel zu stürmen. Ihr Forschungsgebiet war die Erde, und diese Erde war ein Jammertal. „Ich trinke auf das zerstörte Haus, / Ich trinke auf mein böses Leben.../ Auf die Augen, kühl wie der Tod / Und darauf, dass Gott mich nicht errettete.“ Die Sowjets hassten ihren Pessimismus, und sie fürchteten ihre Sprachgewalt. Bis Mitte der 50er-Jahre wurde sie wurde immer wieder verfemt und verfolgt; ihre wichtigsten Arbeiten konnten erst während der Perestrojka erscheinen. Als „Requiem", ein ihrem in den 30er-Jahren verhafteten Sohn Lew gewidmeter Zyklus, 1987 gedruckt wurde, war sie schon 21 Jahre tot. Sie starb am 5. März 1966 als tragische Heroine des 20. Jahrhunderts, die zu einer anderen Zeit vielleicht eine glückliche Frau geworden wäre.

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