Zeitung Heute : B2C: Klick, Klick, Klick in die Schuldenfalle

Holger Schlösser

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Shop till you drop - Ein Einkaufsbummel im World Wide Web ist Kult und einfach wie nie. Kein Wunder, dass Deutschland bei den Online-Einkäufen laut Emnid auf Platz fünf liegt. "Ich glaube, ich bin kaufsüchtig. Am liebsten kaufe ich Klamotten, für unsere Tochter, meinen Mann oder mich, ganz egal. So kann es nicht weiter gehen, wir haben nicht das Geld dazu. Doch ich weiß nicht wie - ich kann nicht aufhören. Ich brauche Hilfe!!!!" schreibt Natascha im Forum von Lifeline.de

Wie Natascha ergeht es etwa fünf Prozent aller Erwachsenen in Deutschland, die ihr Konsumverhalten nicht mehr in den Griff bekommen. Genaue Zahlen kennt niemand. "Leider gibt es keine aktuellen, repräsentativen Studien zum Thema Kaufsucht", erklärt Lucia Reisch, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Uni Hohenheim, die zuletzt 1992 eine Untersuchung zum Thema durchführte. Für eine dringend benötigte Neuauflage der Studie fehlt schlicht das Geld. Immerhin, die Zahl dürfte momentan noch "relativ stabil sein", sagt sie, das belegen Untersuchungen aus anderen Ländern. Doch die Situation könnte sich durch die neuen Medien verschärfen. "Das Internet birgt ein großes Potenzial für Kaufabhängigkeit. Zum einen durch den hohen Abstraktionsgrad der virtuellen Kaufhandlungen und zum anderen durch die extrem einfache Bedienung der Shops. Ein bloßes Anklicken genügt, schon werden die Verbraucher zu spontanen Käufen verleitet", befürchtet Lucia Reisch.

Vorschnell und unüberlegt geht ein ganzes Monatsbudget in wenigen Sekunden über die virtuelle Ladentheke. Schlimmer noch: Je abstrakter das Geld, desto niedriger die Hemmschwelle es auszugeben. Wird mit Bargeld bezahlt, erklärt Lucia Reisch, so liegt die Grenze für Spontankäufe bei 80 Mark. Benutzt man die Kreditkarte liegt sie bei 200 Mark. Lucia Reisch: "Bei Kindern hat man gesehen, dass sie die sinnliche Wahrnehmung eines vollen Geldbeutels brauchen, um die Konsequenzen eines Kaufs abschätzen zu können. Sie müssen fühlen, ob er schwer oder leicht, voll oder leer ist. In neuen Medien sind wir alle wie Kinder. Uns fehlen einfach solche Erlebnisse."

Noch merkt man davon bei den offiziellen Beratungsstellen freilich nichts. Oder jedenfalls fast nichts. Klaus Hofmeister, Leiter der Schuldnerberatung der Stadt München, kann nicht bestätigen, dass gehäuft Schulden durch Online-Shopping aufgefallen seien. Es gebe zwar durchaus Einzelerscheinungen, aber noch sei das Medium zu jung. Wie auch immer: Für die kommenden Jahre glaubt auch er an einen massiven Anstieg der virtuellen Shopaholics. "Deutschlands Online-Shopper sind im internationalen Vergleich schon heute recht weit. Wenn die Politik Erfolg hat mit dem - sicherlich berechtigtem - Internet-Zugang für jedermann, dann wird das sicherlich zu einer Verschlechterung der Schuldenlage durch das Internet führen", so Hofmeister.

In welchem Umfang die Schulden explodieren könnten, lässt sich erahnen, wenn man die Entwicklung bei der "Einstiegsdroge in Überschuldungskarrieren", dem Handy, betrachtet. "Die Telefonschulden durch Handys sind bei denen, die in der Schuldnerberatung Hilfe suchen, in den letzten fünf Jahren um von 10 auf 26 Prozent angestiegen", sagt Dieter Korczak von der GP-Forschungsgruppe, die im Auftrag der Bundesregierung die Überschuldung privater Haushalte untersuchte. Vergleichbare Zahlen seien wohl auch für das Internet zu erwarten.

Schließlich seien die Ursachen für die Überschuldung hier wie dort die gleichen. Dabei ist dem Wissenschaftler der Begriff Kaufsucht eine zu "plakative Verkürzung" des Problems. Überschuldung werde Korczak zufolge viel zu leichtfertig in die Nähe von anderen Süchten wie Alkoholismus gebracht. "Damit ist die Gesellschaft aus ihrer Verantwortung heraus. Das Problem ist aber komplexer: Ein Kredit ist schließlich ein Marktregulativ, ohne dass es unmöglich wäre, Wertschöpfung zu erzeugen. Nur durch Verschuldung kann Wohlstand produziert werden", definiert Dieter Korczak und verweist auf gesellschaftlichen Ursachen der Kaufabhängigkeit.

Darüber hinaus spielten aber auch persönliche Ursachen eine Rolle, wie Frustration, zu wenig Liebe, zu wenig Anerkennung, geringes Selbstwertgefühl - Defizite, für die besonders die Adepten der New Economy anfällig seien. "Die durch die Medien geisternden Yetties, die young, entrepreneurial tech-based Internet-Eliten, die angeblich Tag und Nacht in der Firma hocken, keine Freizeit, keine Freundin, sondern nur sich, das Internet und den Teamgeist in der Firma haben, sind hochgradig gefährdet".

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