Zeitung Heute : Babylon im Betrieb

Nicht nur Fremdsprachen verwirren

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Eigenbrötler haben ausgedient. Ihre tiefschürfenden Überlegungen und beeindruckenden Gedankenblitze kommen heutzutage nicht mehr an. Nicht etwa, dass nicht jede Idee gebraucht würde. Im Gegenteil. Doch in einer Arbeitswelt, in der zeitsparend und kosteneffizient in interdisziplinären Teams und auftragsbezogenen Projektgruppen gearbeitet wird, sind stille Denker und Tüftler allenfalls noch für die Rolle des Rufers in der Wüste gut. Und solche Jobs sind nicht nur selten, sondern meistens auch schon besetzt.

Ein weiteres Problem: In welcher Sprache sollten Eigenbrötler ihre genialen Einfälle formulieren? Im Miteinander des Teams ist die Frage schnell geklärt. Über das babylonische Durcheinander hilft mal die Einigung auf eine Lingua franca, manchmal reicht auch schon Körpersprache, um ein Verständigungsproblem aus dem Weg zu räumen.

Vollends im Nachteil ist der Individualarbeiter im stillen Kämmerlein bei der Begriffswahl. Mit Logik allein ist da in der Regel wenig zu erreichen. Sie verlangt lediglich, dass das Geschriebene oder Gesagte unter den eigenen Prämissen in sich widerspruchsfrei ist. Was aber ist mit dem Kontext? Ein Fliesenleger verdient sein Geld damit, eine Fuge zu schließen. Ein Betonbauer dagegen versucht, genau das zu vermeiden. Für ihn ist die Fuge die Gewähr, dass es später nicht zu Rissen kommt. Und der Musiker schließlich verwendet den Begriff noch einmal ganz anders. Ihm kommt gewiss eher Johann Sebastian Bach in den Sinn als ein gefliestes Badezimmer oder eine architektonische Meisterleistung in Beton.

Kein Unternehmen kann es sich leisten, dass in seinem Betrieb aneinander vorbei geredet wird. Denn Produkte und Dienstleistungen müssen in mindestens einem Merkmal besser als die Wettbewerbsangebote sein müssen, um erfolgreich zu sein. Dafür müssen sich Ideengeber und natürlich auch Bedenkenträger - permanent miteinander austauschen. Eigenbrötler haben daher nur eine Chance. Sie müssen die Probezeit nutzen, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. rch

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