Zeitung Heute : Babylonischer Anfang

Zu viele Parteien im Irak, zu viele Kandidaten zur Wahl. Und die sagen nicht einmal, worum es ihnen geht

Erwin Decker[Kirkuk]

Den Laden kennt jeder in Kirkuk. Es gibt zwar größere und schönere Schreibwarengeschäfte in der Stadt, aber die Preise sind niedrig, der Tee, den die Kunden bekommen, ist gut, und: Der Besitzer Adnan Othman, 47, ist besser informiert als jede Zeitung in Kirkuk. Die Polizeiverwaltung und die Büros der meisten politischen Parteien kaufen hier. Es wird viel diskutiert in dem drei mal zehn Meter großen Laden. Die verstaubten Regale quellen über von Schreibblocks, Aktenordnern und billigen Geschenkartikeln aus China. Auf dem Ladentisch muss man den Platz für die kleine Teetasse erst frei räumen. Das Reden und das Lachen hört man trotz Verkehrslärm schon von weitem.

Es regnet seit zwei Tagen und das Wasser steht knöchelhoch auf den Straßen. Weil es wieder keinen Strom gibt, läuft ein Generator direkt vor der Eingangstür. Adnan Othman muss mit seinen Kunden laut reden. Gleich am Eingang stehen zwei Stühle, auf denen sitzen Männer, die zwar nichts kaufen, dafür aber etwas zu erzählen haben.

Nein, die Araber haben keine Wahlplakate in Kirkuk aufgehängt. Höchstens in ihrem eigenen Viertel an der Ausfallstraße nach Bagdad. Aber da gehen anständige Leute ja nicht hin, sagt Salim, einer der Männer.

Adnan Othman ist Turkmene, eine Minderheit in Kirkuk. Kirkuk ist eine Kurdenstadt. Er schreibt eine Rechnung für ein paar Filzstifte, die an die Polizeiverwaltung gehen sollen, er blickt aus dem Fenster und sieht, wie ein Plakat der schiitischen Partei an die Wand des Nachbarhauses geklebt wird. Ein bärtiger Mullah ist darauf zu sehen. Die Turkmenen sind gemäßigte Muslime. Anders als die fundamentalistischen Schiiten. „Kennt ihr die Männer da draußen?“, fragt er in die Runde. Kopfschütteln allerseits.

In Kirkuk findet man fast keine Wahlwerbung. Othman hat in der Zeitung „Al Furat“ gelesen, dass 105 Parteien zur Wahl antreten, mit über 7200 Kandidaten. Die beiden Männer, die im hinteren Teil des Geschäftes stehen, schmunzeln nur. Es sind Funktionäre der PUK, der Patriotischen Union Kurdistans, einer der beiden mächtigen kurdischen Parteien. „Noch vor vier Wochen kamen die Leute von der PUK zu mir, wenn sie Fotokopien brauchten“, sagt Othman. „Weil aber für die Wahl alles geheim ist, damit die Kandidaten nicht Opfer eines Attentats werden, lassen sie bis zur Wahl im Ausland kopieren. Es macht aber nichts, denn sie brauchen für die Wahl Unmengen Büromaterial. Und nicht nur die PUK. Mein Umsatz geht steil nach oben.“

Die PUK-Funktionäre klären alle im Schreibwarenladen auf: „Lasst die Schiiten nur machen, sie werden mit der kurdischen Liste des Nordirak nach der Wahl zusammen gegen die Araber stimmen.“ Adnan addiert weiter. Das soll einer noch verstehen, wer mit wem gegen wen abstimmt. Wen soll man da wählen?

Es ist Mittagszeit und Othman wird von einem Freund in das Rashid Palace eingeladen. Die beiden Männer auf den Stühlen am Eingang gehen mit.

Sie fahren mit Adnan Othmans ganzem Stolz durch Kirkuk: ein Opel Vectra, von seinem Onkel, der in der Schweiz lebt. Othman lässt ihn nachts von einem Wachmann mit Kalaschnikow beschützen.

Das Restaurant Rashid Palace hat mit einem Palast nichts gemeinsam. Tische und Stühle sind aus Plastik, ein Fernseher hängt an der Wand. Die Straßenseite ist ein großes Schaufenster. Jeder kann sehen, wie das Lammfleisch zu Hack gedreht, um die Spieße gewickelt und dann gegrillt wird. Die Jacken der Angestellten waren vor langer Zeit einmal weiß.

Zurück im Laden warten schon Kunden, die von Othman wissen wollen, wie sicher die Straße nach Bagdad ist. Weil sein Fahrer mehrfach überfallen und die ganze Ware gestohlen wurde, hat er keine Geschäftsbeziehungen nach Bagdad mehr. Bagdad ist für Adnan Othman nicht nur schlecht fürs Geschäft, er sagt, dort wohnt der Feind. Ob er das große Wahlplakat am Busbahnhof gesehen hat, wird er noch gefragt. Nein, hat er nicht.

Bagdad ist also der Feind. Das merkt man auch anderswo in Kirkuk in diesen Vorwahltagen. In einer Halle etwa, 300 Menschen sitzen dort. Es ist Abend, eine Wahlkampfveranstaltung beginnt.

Alle sind vorher auf Sprengstoff untersucht worden. Das Tragen von Waffen ist in Kurdistan Tradition, die Männer haben ihre Pistolen und Gewehre am Eingang wie an einer Garderobe gegen Quittung abgegeben.

Nicht alle Kandidatennamen sind bis kurz vor der Wahl geheim geblieben. Manche waren mutig genug, vorher schon öffentlich aufzutreten. Wie jene Frau da vorn, die gerade ihre Rede hält. Sie liest viel von ihren Notizen ab dabei.

Solaw Abdullah heißt sie, 34 Jahre alt, nicht verheiratet, sie ist Rechtsanwältin in Kirkuk und Spitzenkandidatin der PUK für das Bagdader Parlament. Die Verfassung schreibt vor, dass auf mindestens einem von vier Parlamentsstühlen eine Frau zu sitzen hat.

Das freie Sprechen fällt Solaw Abdullah schwer. Es sind die Phrasen der Partei, die sie auswendig gelernt hat. „Wir brauchen mehr Geld von Bagdad, weil das Öl ja auch von Kirkuk kommt, und Kirkuk ist eine kurdische Stadt und keine arabische.“ Da klatschen die Männer, das ist populär. Ausnahmslos regionalpatriotische Sätze spricht die Kandidatin in das Mikrofon, Forderungen an die Zentralregierung in Bagdad. Unter den Zuhörern sind auch einige Frauen. Von ihnen klatscht keine. „Ich freue mich, dass auch Frauen in das Parlament kommen, aber ich gebe meine Stimme trotzdem einem Mann“, sagt eine von ihnen. „Der kann sich besser durchsetzen.“ Die Veranstaltung ist um halb acht zu Ende. Rechtzeitig, damit alle bis zur Ausgangssperre zu Hause sind. Vor der Wahl darf sich niemand von abends acht Uhr bis morgens sechs außerhalb seines Hauses aufhalten.

Am nächsten Tag sitzt Solaw Abdullah im Parteibüro und spricht über ihre Pläne, falls sie genug Stimmen bekommt, um nach Bagdad zu gehen. Ihr ist bewusst, dass es in der Hauptstadt sehr gefährlich ist für Politiker. Aber um die Sicherheit wird sich die PUK kümmern. Sie hofft auch, dass sich die Situation in der Hauptstadt nach der Wahl bessert. Plötzlich explodiert draußen irgendwas.

Die Fensterscheiben vibrieren. Es ist, als wolle der Terror Abdullahs Wunschdenken abstrafen, kaum dass es ausgesprochen ist.

Es war eine Autobombe vor einer Polizeiwache. Mindestens fünf Menschen sind tot, erfährt man später, viele verletzt. „Die Terroristen versuchen die Wähler einzuschüchtern“, sagt Abdullah, „damit sie zu Hause bleiben. Ich glaube aber, die meisten Menschen werden in Kirkuk zur Wahl kommen. Es steht für uns viel auf dem Spiel.“

Was ist ihr denn ein wirkliches Anliegen, wenn sie Abgeordnete werden sollte? Sie zögert eine Weile, bevor sie antwortet. Dann spricht sie, leiser als zuvor. „Ich möchte, dass im ganzen Irak die so genannten Ehrenmorde bestraft werden wie ein richtiger Mord. Dazu muss das Gesetz geändert werden.“ In Kurdistan ist das vor einigen Monaten schon passiert. Warum redet sie über so etwas nicht in der Wahlveranstaltung? „Es ist kein populäres Thema“, sagt sie.

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