Zeitung Heute : Bachelor und Master können die traditionellen Abschlüsse ergänzen, aber nicht ersetzen

Sigmar Wittig

Das so genannte "fall semester" wird in diesen Wochen in fast allen amerikanischen Universitäten abgeschlossen oder ist bereits beendet. Unsere im Herbst in alle Welt entsandten Studierenden bereiten sich auf das zweite Semester in der nicht mehr ganz so neuen Umgebung vor. Ihre Kartengrüße und die Benotungen der Kollegen belegen es: Mit dem in Karlsruhe, Aachen, Darmstadt und anderen Technischen Universitäten erworbenen Vordiplom als Rüstzeug sind unsere Studenten mühelos in der Lage, an eine ausländische Universität zu wechseln und dort Spitzenleistungen zu erbringen.

Gleiches gilt für den Diplomabschluss, der zum Beispiel nach wie vor in allen ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen der Universität Karlsruhe erworben werden kann. Dabei will ich mich hier zunächst auf die Kernfächer der Technischen Universitäten, das heißt die Ingenieur- und Naturwissenschaften unter Einbezug der Informatik und des Wirtschaftsingenieurwesens, beschränken.

Erfolgsgarant der Ausbildung an den Technischen Universitäten der Bundesrepublik ist das systematische Heranführen der Studierenden an das gewählte Fach über die Grundlagenfächer. Die Welt der Praxis lernt der Student in seinem Praktikum kennen, das zum Beispiel im Maschinenbau 26 Wochen umfasst. Gerade dieser Teil des Gesamtstudiums hat in jüngster Zeit internationale Aufmerksamkeit gefunden. Das Hauptstudium mit der stärkeren fachlichen Orientierung, der Einbindung in die Arbeitsgruppen der Institute und mit der abschließenden Diplomarbeit bietet Freiraum zur Selbstbestimmung und kreativen Gestaltung.

Setzt man den erreichten Kenntnisstand des Diplomingenieurs in etwa mit dem an international renommierten Universitäten erworbenen Masters Degree, also dem sogenannten Second Degree, gleich, so sind auch die hierfür erforderlichen Studienzeiten durchaus vergleichbar.

Es lässt sich somit feststellen, dass der Diplomabschluss der Technischen Universitäten der Bundesrepublik durchaus dem Master an renommierten ausländischen Universitäten entspricht, ja in seinem umfassenden Fächerkanon, der Nähe zu Forschungsgruppen und zur Industrie sowie in der Praxiserfahrung ihn noch übertrifft. Es gibt zudem auch Studiengänge, als Beispiel kann die Physik genannt werden, in denen das Diplom eine breitere und damit umfassendere wissenschaftliche Ausbildung als der Master bieten kann.

Nach diesen Vorbemerkungen ist die Frage berechtigt, warum wir Master- und Bachelorabschlüsse einführen. Die Antwort liegt in erster Linie in der Notwendigkeit, die Studiengänge in der Bundesrepublik Deutschland international kompatibel zu machen. Solange unsere Abschlüsse mit dem angelsächsischen Graduierungsmodell, dessen internationale Akzeptanz dominant ist, nicht kompatibel sind, werden wir uns mit der notwendigen Internationalisierung der deutschen Universitäten schwer tun.

Im Bewusstsein, dass die außerordentlich erfolgreichen Diplomstudiengänge als Markenzeichen der universitären Ingenieurausbildung erhalten bleiben müssen, dass wir uns aber dennoch den neuen Entwicklungen stellen wollen, haben wir daher vor geraumer Zeit in den ingenieurwissenschaftlichen Studienrichtungen wie zum Beispiel Maschinenbau und Elektrotechnik Bachelor- beziehungsweise Masterstudiengänge eingeführt. Dabei beobachten wir natürlich die internationale Entwicklung sehr genau, die mit dem Übergang zu einem fünfjährigen Studium und den Versuchen, das bei uns übliche Praktikum mit einzubinden, dem Vorbild unserer Diplomstudiengänge folgt.

Wie bereits angedeutet, ist das Ziel der Einführung von Bachelorabschlüssen in den Ingenieurwissenschaften vor allem, die Kompatibilität des Studiensystems an unserer Universität mit der Studienstruktur ausländischer Hochschulsysteme zu verbessern. Damit werden zwei Vorgaben erreicht. Zum einen ermöglicht die internationale Vergleichbarkeit der an der Universität Karlsruhe erworbenen Studienabschlüsse unseren Absolventen, ohne Schwierigkeiten an Universitäten zu wechseln, die nach dem angelsächsischen System strukturiert sind. Des weiteren sind vor allem unseren ausländischen Absolventen die Möglichkeit gegeben, in ihren Heimatländern die dem Abschluss entsprechende Position zu erhalten. Als typisches Beispiel kann hier Indonesien genannt werden. Es ist nicht einzusehen, warum derzeit unsere Diplomabschlüsse zunächst auf der Ebene S1 eingestuft und damit wie die der Bachelorabschlüsse bewertet werden, während inhaltlich wesentlich niedriger anzusetzende Mastersabschlüsse anderer Einrichtungen zur S2-Ebene führen.

Die Einrichtung eines Bachelorabschlusses bietet zudem für ausländische Studierende eine klare Orientierung, an welcher Stelle sie ihr im Ausland mit dem Bachelorgrad abgeschlossenes Studium in Karlsruhe fortsetzen können. Die Klarheit und Übersichtlichkeit unseres Studienangebotes wird damit gesteigert, was für die Attraktivität der Universität Karlsruhe für ausländische Studierende von großem Nutzen ist. An einer technischen Universität ist meines Erachtens also nicht der frühe Ausstieg das Hauptziel der Einführung der neuen Abschlüsse. Hierzu geben der derzeitige Bewerbermarkt und die Nachfrage der Industrie auch keinen Anlass. Im Vordergrund steht das Heranführen an internationale Graduierungssysteme. Ob die Einführung des Bachelor gewissermaßen als Nebenfolge den Studienberechtigten durch einen ersten Abschluss (first degree) weiterhilft, die mit falschen Erwartungen oder auch in Überschätzung ihrer Fähigkeiten in das Studium gegangen sind, bleibt abzuwarten. Der Bachelor nach dem Karlsruher Modell, der etwa ein bis eineinhalb Jahre nach dem Vorexamen sein Studium mit einer Abschlussarbeit beendet, hat gelernt, in begrenzter Zeit der jeweiligen Fachrichtung entsprechend nach wissenschaftlichen Methoden selbstständig zu arbeiten. Er erwirbt somit einen eigenständigen wissenschaftlichen Studienabschluss, der besondere Qualifikation für das spätere Berufsleben garantiert.

Welche Auswirkungen die Einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge auf die bisherigen Diplomstudiengänge haben wird, lässt sich momentan nicht vorhersagen. Theoretisch könnte das deutsche Diplom von den neuen Abschlüssen verdrängt werden. Die bewährten Inhalte und methodischen Ansätze sowie der Bildungs- und Ausbildungskanon müssen dabei aus meiner Sicht aber unbedingt erhalten bleiben.Der Autor ist seit 1994 Rektor der Universität Karlsruhe (TH) und leitet seit 1976 das Institut für Thermische Strömungsmaschinen der Fakultät für Maschinenbau. Zuvor arbeitete er rund zehn Jahre als Dozent und Entwicklungsingenieur in den USA.

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