Zeitung Heute : Back ’n’ Roll

Er wollte nur Brötchen kaufen – und traute seinen Ohren nicht: Ein Südafrikaner über Berlins lauteste Bäckerei.

Charles de Olim

Das Erste, was einem auffällt, wenn man an diesem harmlosen Gebäude in der hippen Gegend von Prenzlauer Berg vorbeiläuft, ist der köstliche Duft von frischem Brot. Auch der Gehörsinn wird gut bedient, denn das Zweite, was einem entgegenschallt, ist: Rockmusik – als ich dort vorbeikam, lief Audioslave. Betritt man schließlich das harmlose Gebäude, grüßt einen gleich über der Tür ein riesiges Porträt, das man für das Werbeplakat einer deutschen Coverband von ZZ Top halten könnte: Es zeigt zwei bärtige Männer und eine Frau in den besten Jahren, darunter steht: „Let there be rock.“

An den anderen Wänden hängen gerahmte Schwarzweiß-Fotografien großer Rock-Legenden: Iggy Pop, Eddie Vedder, Janis Joplin, Keith Richards, Neil Young, Ozzy Osbourne, Jimi Hendrix wird gebührend Ehre erwiesen. Hinter dem Tresen bedient eine leichenblasse Frau, in deren Zunge nicht eines, auch nicht zwei, sondern drei Piercings stecken. Ihr schwarzes Haar steht in einem auffälligen Kontrast zu dem blonden Fleck auf der rechten Seite ihres Kopfes, der möglicherweise von dem schwarzen PVC-Einteiler ablenken soll, den sie an diesem heißen Berliner Sommertag trägt.

Immer mehr Leute betreten das Lokal. Es ist jetzt viel zu tun, und ein dickbäuchiger Mann – der Gleiche wie auf dem Porträt – mit säuberlich rasiertem Kopf und einem Bart, der die krassesten Abenteurer stolz machen würde, kommt der Dominatrix hinter der Theke zur Hilfe und nimmt Bestellungen entgegen. Je länger man sich umschaut, desto mehr ganz in Schwarz gehüllte Frauen und Männer sieht man in dem Raum hinter der Theke arbeiten. Und obwohl dieser Ort alle Kriterien für eine Bar oder einen alternativen Nachtclub für Gothic-Mädchen oder Lederrocker erfüllen würde, die bis tief in die Nacht hier herumhängen, sieht man vor allem junge, aufstrebende Paare mit Kindern, die jeden Morgen in dieser einfach „Backstube“ genannten Bäckerei vorbeikommen. Alles, von Croissants über Gebäck, Sandwiches, Biobrot und Brötchen, wandert im Sekundentakt über die Theke.

Wie sich herausstellt, ist der gefährlich aussehende dicke Mann von dem Bild der Inhaber: Mike Remmert, 36, betreibt diese Bäckerei seit fünf Jahren zusammen mit seiner Mutter Gabi und seinem Vater Dieter. Das Bild über dem Eingang ist ihr Familienporträt.

In Berlin, wo eine Überzahl an Bäckereien – in jeder Straße gibt es mindestens eine – die Leute versorgt, die keine Zeit haben, zu Hause ordentlich zu frühstücken oder zu Mittag zu essen, ist die Konkurrenz groß. Um auf diesem halsabschneiderischen Markt zu bestehen, muss man Qualität bieten.

Mick, dessen Lieblingsband Social Distortion ist, ist fürs Backen zuständig und steht meist sieben Tage die Woche um zwei Uhr in der Früh auf, um sicherzustellen, dass seine Kunden jeden Morgen allerfrischestes Brot bekommen. „Ich gehe nicht mehr so oft aus, um Bands zu sehen, höchstens alle zwei Wochen mal, wenn ich am nächsten Tag frei habe“, sagt er.

Die Bäckerei ist bekannt für ihre Brötchen, Mikes Mutter Gabi hat außerdem ein großes Talent, ungewöhnliche Zutaten auf Sandwiches zu verteilen, die auch zur Popularität der „Backstube“ beigetragen haben.

Mike selbst ist eher ein wortkarger Typ, er wuselt lieber in seinem Laden herum, als dass er einem Fremden seine Rezepte preisgibt oder über sein Privatleben spricht. Presseleute mag er wahrscheinlich deshalb nicht, weil ein Artikel uncool wirken könnte in der „Keeping-itreal“-Welt des Rock’n’Roll. Dass er sich fotografieren lassen würde, ist vollkommen undenkbar. Der Fotograf vom „Star“ in Johannesburg nennt ihn deshalb „Mike, den renitenten Bäcker“. Doch Maya Telfiovic aus Belgrad, die in der Backstube jobbt, sagt: „Sie sind wirklich eine sehr nette Familie. Ich habe in Berlin sechs Monate keine Arbeit gefunden, weil mein Deutsch nicht gut ist. Sie waren die Ersten, die mir eine Chance gaben.“

Trotz ihres einschüchternden Aufzuges scheinen Mike und seine Eltern ein sehr enges Verhältnis zueinander zu haben. Sein Vater liebe es, Motorrad zu fahren, sagt Mike, weshalb der heute Morgen nicht in der Bäckerei helfen kann.

Und Mike? Ist er auch ein Biker? Er schüttelt den Kopf und lacht: „Wozu braucht man ein Motorrad, wenn man Rock’n’Roll hat. Das ist alles, was man braucht.“

„Backstube“, Stargarder Str. 19, 10437 Berlin, Montag–Freitag, 6–18.30 Uhr, Sa., So., 7–14 Uhr. – Der Autor ist Redakteur der Johannesburger Tageszeitung „The Star“, für die er diesen Text schrieb.

Aus dem Englischen von Stefanie Flamm.

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