Bad Segeberg : Flattern im Zickzack

Es kommt Licht ins düstere Versteck: Bad Segeberg hat Europas einziges Fledermaus-Erlebniszentrum. Rund 15.000 Tiere übernachten in den Höhlen nebenan.

Franz Lerchenmüller

Graf Dracula ist sicher begeistert. Nosferatu wird sich erlöst im Grab umdrehen. Und auch Batmann hat wohl seine helle Freude: Dieses Erlebniszentrum ist eine Ehrenrettung, eine späte Wiedergutmachung an der verrufenen und verfolgten Verwandtschaft, eine Richtigstellung all der Verleumdungen und Verwünschungen, die im Lauf der Jahrhunderte auf sie niederprasselten.

Was mussten sie und ihresgleichen sich nicht alles nachsagen lassen: Als „Hexenvögel“ waren sie im Mittelalter verschrien, Boten des Bösen, deren Blut gerade gut genug war, teuflische Verträge zu unterzeichnen. Ihre zermahlenen Körper sollten Pferde bei Blähungen kurieren, ihre Asche Menschen gegen Schlafstörungen helfen, und verhedderte sich einer der ihren im Haar eines Tiroler Mädchens, war es der Unglückseligen gar verboten zu heiraten. Nur in China und in Bosnien-Herzegowina galten sie als Glücksbringer, und für die Maya waren sie freundliche Todesgöttinnen: Chiroptera. Hautflügler. Fledermäuse. Mit rund 1000 verschiedenen Arten, von zwei Gramm Gewicht bis 180 Zentimeter Flügelspannweite, sind sie auf der Erde zuhause.

In „Noctalis“, dem gerade eröffneten Fledermauszentrum in Bad Segeberg, werden die Märchen zwar auch erzählt, im Vordergrund aber steht die Wissenschaft. Auf 560 Quadratmeter Ausstellungs- und Erlebnisfläche lernen Besucherinnen und Besucher die „düstere, nächtige Schar“ (Brehms Tierleben) ganz neu kennen.

Da rückt ein Film den verknautschten alten Gesichtern im Winterquartier auf den Leib. Dicht an dicht, wie reifbesetzte Pelzhandschuhe hängt der Pulk von der Decke. Wie sich das wohl anfühlt? In der dunklen „Nachtwelt“ können Kinder es zwischen übergroßen Plüschfledermäusen selbst ausprobieren – Kuscheln ausdrücklich erwünscht.

Gleich daneben finden sich verborgene Insekten aus Gips zum Ertasten, durch den Fernstecher kommen Großes Mausohr und Braunes Langohr in 3-D zum Greifen nah, und auf dem schön vollgemüllten Dachboden gilt es, zehn in den Dachsparren versteckte Flatterer zu entdecken. Musterfledermaushäuser zeigen, was Privatmenschen zum Schutz der gefährdeten Tiere unternehmen können, an Computerterminals sind Spiele, aber auch eine Datenbank für Experten abrufbar, und immer wieder laden Stühle mit Kopfhörern ein, sich hinzusetzen und Geschichten und Gedichten zu lauschen. Ganz unten im Keller wird es „Winter in der Höhle“ und Zeit, sich ein wenig genauer mit der Biologie der ungewöhnlichen Säugetiere zu befassen: wie sie sich im Herbst aus Hunderten von Kilometern Entfernung im Winterquartier einfinden, mit schön viel Fett auf den zarten Knochen, sich sogleich ein bequemes Plätzchen an der Decke suchen, Herzschlag und Körpertemperatur herunterregeln und sanft entschlummern bis zum Frühling.

Das bedeutendeste dieser Winterlager liegt übrigens gleich nebenan. Rund 15 000 Wasser-, Fransen-, Bechstein-, Teich- und Bartfledermäuse übernachten von Oktober bis März in den Kalkberghöhlen. Im Schatten des 91 Meter hohen Kalkbergs, auf dem Winnetou jeden Sommer den Tomahawk schwingt, geht es hinunter in die feuchten Gänge. Die Spalten in der vielzackigen Decke, die tropfenden Hohlkehlen im teilweise wie Tuff geschäumten Gips – das sind die Appartements im „Grand Hotel der Flatterer“. Ihre Mieter sind schon ausgezogen, lediglich ein Spätaufsteher irrt noch durch das Licht. Doch nicht nur Fledermäuse leben hier unten, sondern auch 140 Spinnen- und Insektenarten und natürlich der Hase, der Löwe, das Kamel, Supermann, der Drache und Schneewittchen – in Stein, ganz so wie die Lampe der Führerin sie aus der Dunkelheit schält.

Im zweiten Stock des Erlebniszentrums haben die Biologen den Tag zur Nacht gemacht. Im hermetisch abgeschlossenen Glasrondell flattern rund 100 südamerikanische Blattnasen-Fledermäuse aus dem Frankfurter Zoo durchs Fastdunkel, schnelle Schatten, die auf unberechenbarem Zickzackkurs durchs Geäst huschen und immer wieder mal im Vorübergehen einen winzigen Bissen vom Apfel-Bananen-Brei naschen.

Die Fledermaus, zwar nicht zum Anfassen, aber doch zum Angewöhnen – das ist die Idee von Noctalis. Entsprechend werden im Shop auch keine Knoblauchzehen und kein Weihwasser verkauft, geschweige denn angespitzte Pfähle. Stattdessen gibt es Hörkassetten vom „Kleinen Vampir“ und Plüschfledermäuse von 3,99 bis 23,70 Euro. Aufklärung ist doch ein Fortschritt. Endlich Ruhe bei Vampirens, Seelenfrieden für Graf Dracula.

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