Zeitung Heute : Baedekers vergessene Kinder

TOMAS NIEDERBERGHAUS

Natürlich gibt es an dem Algarve noch Bilderbuchbilder, doch die Heimlichkeiten liegen im HinterlandVON TOMAS NIEDERBERGHAUS

Die Nacht legte sich auf die Küste nieder.Grillen zirpten, das Meer rauschte, und der Mond stand im Blauschwarz des Himmels.In diesem Moment glichen die Felsen großen Dromedaren, die regungslos im Wasser standen, den Wellen trotzend.Es war der Moment, in dem dieser Ort auf einer eigenen, unabhängigen Existenz bestand.Was wäre, wenn sie nie dagewesen wären? "Der Algarve wäre ohne Mythos geblieben", sagte Pedro, der junge portugiesische Architekt.Er mochte Recht haben.3000 Sonnenstunden im Jahr, honiggelbe Strände und blaugrünes Meer gibt es auch anderswo, aber die bizarren, terrakottaroten Klippen mit ihren stillen Grotten zeichnen ihn aus: den "Al-Gharb", "den Westen" des einst maurischen Reiches. Natürlich sind das ergreifende Momente, in Cabo de São Vicente zu stehen.Am Ende Europas, wo Afrika nicht weit und Amerika fern ist, wo der Wind die Büsche zerzaust und der Atlantik die Küste stürmt.Die Felsen scheinen hier sehnsüchtig zum Horizont zu blicken.Hier spürt man Distanzen, fühlt sich von persönlichen Obsessionen befreit.Cabo de São Vicente zählt zu den Bilderbuchbildern des Algarve.Doch die Heimlichkeiten liegen im Hinterland.Dort ist vieles zurückgeblieben, selbst die Gedanken.Dort leben Baedekers vergessene Kinder, halten an alten Lebensweisheiten fest. In Silves beispielsweise.An diesem Sonntagabend schlug die Turmuhr der Stadt gerade zehn.Alte und Junge zogen zur Kathedrale.Schwarzgekleidete Frauen hielten Klappstühle in der Linken, Hunde in der Rechten.Männer schulterten ihre Kinder.Im Nu war das glatte Kopfsteinpflaster des Platzes gefüllt.Es öffnete sich die Kathedralentür.Drei Herren in Kutten traten vor, spielten Gitarre und sangen Fado, jene Lieder, in denen die portugiesische Seele Ausdruck findet."Ich will dich nicht, ich sage, ich will dich nicht, doch nachts träume ich von dir", hieß es einmal, woraufhin einige der Menschen in Silves in Tränen ausbrachen.Auch die Augen des alten Mannes, der sich in seinem braunen Anzug an ein Straßenschild gelehnt hatte, verschwammen in einem glänzenden Naß.Seine Hand zitterte um den Knauf des selbstgeschnitzten Stocks. Man sagt, der Algarve sei ein Stück Afrika, das die Mauren zurückgelassen hätten.Scherzhaft werden die Algarvios auch als "die letzten Mauren" bezeichnet, "die das Schiff nach Marokko verpaßten".Silves hatten sie einst zur Hauptstadt gemacht - mit prächtigen Palästen und geschäftigem Treiben in den Basaren.Die Reconquista, iberische Kriege, die Überfälle der Engländer und das Erdbeben 1755 hatten der Stadt - wie vielen Algarveorten - dann jenen Glanz genommen.Dennoch ließ er sich vom Dachgarten der kleinen Taverne gleich hinter der Kathedrale in Silves noch erahnen.Die Burg mit ihren vier Wehrtürmen etwa, die nachts angestrahlt wird, glutrot leuchtet."Wir nennen sie den Kreml, unser neuer Bürgermeister ist Kommunist", flunkerte der Kellner, strich sich dabei durch die schwarzen Locken.Pedro bestellte Vinho verde, während der Reisende die drei jungen Engländerinnen am Nachbartisch beobachtete.Eine stolperte mit ihren Blicken über die makellosen Gesichtszüge des Kellners.Das Gespräch der Damen entwickelte sich in einen euphorischen Austausch über multikulturelle Beziehungen.Pedro griff einen Gedanken auf."Getting to know each other means covering a lot of different ground", sagte er. Der Algarvetourist mag Erwartungen haben.Die Vielfalt dieses Landstrichs und die Offenheit der Algarvios aber bleiben ihm fremd, wenn er sicherstellt, das zu bekommen, was er sich vorgestellt hat: Praia da Rocha, den "Strand der Felsen" oder das noch immer mit dem Flair eines Fischerdorfes verkaufte Albufeira.Es sind die Orte der architektonischen Verbrechen, ebenso wie das zubetonierte Quarteira oder das strapazierte Portimão.Schnellstraßen durchziehen diese anonymen Bettenburgsiedlungen.Manche wirken menschenleer.Hier und da läßt ein zum Trocknen ausgehängtes Badetuch auf Bewohner schließen.Eine plastische Chirurgie könnte diesen Orten guttun.Abreißen möchte man an dem Algarve aber nichts.Immerhin gibt es an der Küste offiziell über 80000 Touristenbetten, Insider sprechen von 350 000.Schon 1963 warnte der Stadtplaner Nuno Portas vor einem "Desaster der Algarveküste".Doch der Bauboom nimmt kein Ende, auch die Golfer haben den Algarve entdeckt; vierzehn Plätze gibt es bereits, selbst im Naturschutzgebiet beweisen Engländer und Deutsche die Platzreife.Seit einigen Jahren existiert ein Regionalplan, der eine genaue Bebauung der Küste vorschreibt, doch bei genauem Hinsehen scheint es sich wie mit der Berliner Vorschrift zur Beseitigung des Hundekots zu verhalten: Es gibt sie, und trotzdem säumen die Haufen den Straßenrand. In Albufeira bleiben Erinnerungen.Heute ziehen durch das einst mediterrane Idyll Horden nordeuropäischer Touristen, bepackt mit Kühltaschen und Luftmatratzen.Aus kurzen Herrenshorts spindeln sich dünne Beine, Hawaiihemden spannen sich über Bäuche.Das Ziel heißt Strand.Fischer findet man hier kaum noch; die Männer mit ihren sonnengegerbten Gesichtern sind ins Abseits gewichen.Die Algarvios haben ihre eigenen Plätze, liegen wie Eroberer im Sand der letzten einsamen Buchten, dort, wo der Reisende Pedro, Joad und Maria kennengelernt hatte.Diese entlegenen Plätze muß man suchen, aber es gibt sie. An einem Spätnachmittag luden die drei Portugiesen nebst Pedros Großmutter den Reisenden in ein winziges Restaurant ein.Es lag in dem gebirgigen Teil des Algarve, der Serra de Monchique, in der sich schmale Straßen bis auf eine Höhe von 900 Metern hochschlängeln.Doch zuvor wurden die Freunde der Großmutter anvisiert.Voller Stolz stellte Senhora den deutschen Besuch vor - soviel portugiesische Hände wird der Reisende nie wieder schütteln.Einmal bauten sich drei Generationen im Vorhof auf: Die Tochter in rotem Röckchen, eine Katze tragend, der Herr des Hauses in zerschlissener Holzfällerhose und dreieckigen Schatten unter den Augen, und die Alten, sie mit dunklem Schleier auf dem Kopf, er mit nur noch wenigen, zigarrenbraunen Zahnstummeln im Mund.Alle freundlich lachend. Irgendwann später rollte Pedros Kleinwagen durch dichte Obstwiesen mit Bananenstauden, Dattelpalmen und Zitrussträuchern."Im Frühsommer", sagte Pedros Großmutter, "zieht der Duft blühender Orangen durch diese Gegend.Und der Oleander leuchtet kräftig lila".Senhora saß auf dem Beifahrersitz, umklammerte den Haltegriff über der Tür.Sie nickte nach jedem Satz, den Pedro übersetzte.Draußen verzogen sich die knorrigen Korkeichen zu phantasievollen Figuren.Ihre Rinde ist für die Algarvios wichtiges Kapital und hat Portugal zum weltgrößten Rohstofflieferanten von Kork gemacht.Doch die Zeiten sind schlechter geworden.Plastik-Produkte machen dem Kork Konkurrenz.EU-Gelder fließen hier wenig - und die neuen Straßen haben bereits zahlreiche Bauern genutzt, um der Region den Rücken zu kehren.An verlassenen Bauten hängen Schilder mit Telefonnummern und der Aufschrift "Vende se". Ein Straßenschild zeigte Richtung Alte.Ein abseitiges Kleinod, in dem Frauen mit Sonnenschirmen promenierten, in dem Kreditkarten wertlos waren, und in dessen Laden mit Kunsthandwerk der Verkäufer schlafend hinter der Theke saß.Nur sein Schnarchen war zu hören.Alte gilt noch immer als Vorzeigegemeinde.In einem Wettbewerb um das "portugiesischste Dorf" soll es einst von Diktator Salazar mit dem zweiten Platz bedacht worden sein.Auch für seine Quellen ist Alte inzwischen nicht minder bekannt als der Ort Monchique - das heilige Wasser, heißt es, heilt Gebrechen und verscheucht böse Geister.Portugiesen sind glaubensstark. Pedro bog langsam in einen Schotterweg ein.Die Kassetten hüpften auf dem Armaturenbrett hin und her.Eine Frau mit Strohhut ritt auf einem Maultier, an dessen Hals ein farbiges Kummet drapiert war.Die Serra de Monchique erinnerte den Reisenden an jene Gegend, die die portugiesische Schriftstellerin Sophia de Mello Breyner Andresen in der Kurzgeschichte "Die Reise" beschreibt: Eine Frau und ein Mann auf einer Fahrt zu einem "wundervollen" Ort, der nur von der Landkarte bekannt ist.Die beiden verlieren die Orientierung, kehren mehrmals zurück, um etwa den Bauer, der kurz zuvor auf dem Feld stand, nach dem Weg zu fragen, oder um saftige Äpfel als Wegzehrung von jenem Baum zu pflücken, an dem sie kurz zuvor vorbeigefahren waren.Doch der Bauer ist verschwunden, der Baum ohne Früchte und als sie zum Wagen zurückkehren ist auch dieser nicht mehr da.Einfach weg.Alles.Eine Bedrohung, bizarr.Irgendwann kommt die Dämmerung und mit ihr ein Abgrund.Etwas Furchtbares passiert... Pedro hatte sich zweimal im Weg geirrt.Senhora zeigte stoische Ruhe, als sei nichts gewesen.Vielleicht hatte sie auch gar nichts gemerkt.Und Joad lachte und sagte: "Das passiert ihm oft".Wenig später saßen die Portugiesen und der Reisende auf der Terrasse eines Restaurants.Umzingelt von Großfamilien aus der Region, die plauderten, viel Hähnchen piri-piri aßen und tüchtig tranken.Alle tranken, bis in die Morgenstunden.Als die Sonne hinter den Dächern Faros aufging, sah der Reisende durch das kleine Fenster des gerade abhebenden Flugzeugs.Die Stadt leuchtete in morbidem Charme.Doch umgehend wurde es dunkel, ein tiefer Traum: Im Licht des Mondes standen die Felsbrocken wie riesige Dromedare an der Küste, liefen dann Meter für Meter ins Wasser, bis sie unter der Oberfläche verschwanden.Plötzlich gab es einen Knall - die betonierten Bettenburgen fielen in sich zusammen.Am Strand standen Männer, spielten Gitarre und sangen Fado.TIPS FÜR DEN ALGARVE - Anreise: Lufthansa fliegt drei mal wöchentlich nach Faro (über Frankfurt).Der Preis liegt in der Hochsaison (Juni/Juli) bei 950 Mark.Die portugiesische Airline TAP fliegt vier mal wöchentlich von Berlin (montags und freitags über Hamburg und Lissabon, mittwochs und sonntags über Lissabon) nach Faro.Bis zum 31.5.liegt der Sondertarif bei 555 Mark (hin und zurück).Im Juni kostet der Flug 749 Mark, im Juli 819 Mark.Faro wird auch von zahlreichen Charterfluggesellschaften angeboten.Am Flughafen in Faro können Autos gemietet werden, das Mindestalter ist 21 Jahre.Zur Einreise benötigt man einen Personalausweis. - Veranstalter: Pauschalarrangements sind bei dem Spezialreiseveranstalter für Portugalreisen Olimar zu haben.Olimar hat große, aber auch klein, beschauliche Hotels und Unterkünfte im Programm.Buchungen in allen guten Reisebüros oder direkt bei Olimar Reisen GmbH, Unter Goldschmied 6, 50667 Köln, Telefon: 0221 / 20590 - 0, Fax: 0221 / 258 22 27. - Literatur: Verschieden Routen durch den Algarve finden sich im Polyglott.Neben Zahlen und Fakten über die Region gibt es auch kleine Features wie zum Beispiel über den Sklavenmarkt in Lagos oder die Erdbeerbäume der Region (Polyglott Algarve, München 1996, 96 Seiten, 12,80 Mark). Empfehlenswert ist der Portugal Reiseführer, erschienen in der Serie Anders reisen, Rowohlt Taschenbuchverlag, Hamburg 1995, 24,90 Mark. "Die Ballade vom Hundestrand" von José Cardoso Pires, Hanser Verlag, München. "Portugiesische Erzählungen", Curt Meyer-Clason (Hrsg.), Beck & Glückler Verlag, Freiburg. "Portugal - Ein Reise-Lesebuch", Ellert & Richter, Hamburg. - Auskünfte: Kleine und abgelegene Unterkünfte kann auch das

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