Zeitung Heute : Bärbel Grygier: Die Chefin vom anderen Ufer

Barbara Nolte

Es ist Donnerstag, und Donnerstag ist bei Bärbel Grygier Kreuzberg-Tag. Das Autoradio laut aufgedreht, rast sie in ihrem silbernen Dienst-BMW die Yorckstraße runter. Wie jede Woche hat sie sich den ganzen Tag freigehalten, um die Kreuzberger Verwaltung abzuklappern: Sozialamt, Wohnungsamt, Bezirksmuseum. Vorstellungstermine bei den Westbeamten. Denn die sind sensibel, das weiß sie genau: "Die sagen: Jetzt sind die Kommunisten schon über die Spree gekommen, und nun kümmern sie sich nicht mal um uns."

Erste Station: Gesundheitsamt, Urbanstraße. Bald wird Bärbel Grygier hier ein Arbeitszimmer (West) haben. Gleich gegenüber einer Tür mit der Aufschrift "Kopflauskontrollen 7.30 Uhr bis 11.30 Uhr" wird es liegen. Ein paar Amtsärztinnen haben sich um sie herum gestellt. Sie sind höflich, ein bisschen distanziert. So ist das meistens. Also redet Bärbel Grygier, erstaunlich offen: Dass sie ihr 46. Geburtstag nervt, der bald ansteht. Oder dass sie es nicht mal bemerken würde, wenn sie in die Wechseljahre käme, vor lauter Arbeit. Sie wirkt nicht wie eine Chefin, eher, als wäre sie die neue Kollegin von der Kopflauskontrolle.

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Seit einem Monat führt Bärbel Grygier jetzt den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Damit regiert zum ersten Mal eine von der PDS nominierte Bürgermeisterin im Westen. Die Berliner Verwaltungsreform machte es möglich. Seit dem ersten Januar gibt es statt 23 Stadtvierteln nur noch 12, in Friedrichshain und Kreuzberg sind der alte Osten und der alte Westen zusammengelegt worden. Die PDS konnte ihre Mehrheit in Friedrichshain auf den gesamten Bezirk ausdehnen. So hat sich auf Berlins politischer Landkarte eine Grenze aufgelöst, die so unüberwindlich schien wie früher die Mauer. Im Westen der Stadt stellte bislang meist die CDU die Bürgermeister, im Osten die PDS.

Schon am ersten Arbeitstag bekam Grygier den alten Geist der Mauerstadt zu spüren: Die CDU erinnerte sich wohl an ihre Rote-Socken-Kampagne und schenkte ihr zum Amtsantritt ein Friedhofgesteck. "Heute wird in Kreuzberg / Friedrichshain die Demokratie zu Grabe getragen", stand auf der Schärpe. "Wir Kreuzberger haben so unter der Grenze gelitten", sagt der Bezirksverordnete Lars Meissner, "und jetzt werden wir von der Partei regiert, die für Mauer und Stacheldraht steht." Und in der Kantine des Kreuzberger Rathauses hört auch die Freundlichkeit von Grygiers Beamten auf. "Wir sind ein Westbezirk, der vom Osten eingenommen wird", sagt eine Sozialamts-Sachbearbeiterin. "Wo gibt es das schon?"

"Probleme in der Birne"

Bärbel Grygier bekommt von dem Kantinen-Smalltalk nichts mit. Sie hat keine Zeit zum Mittagessen. Heute ist sie mittags kurz in ihr Zimmer ins Rathaus Friedrichshain gefahren. Sie hat Akten vergessen. Jetzt sitzt sie auf der Kante ihres Schreibtischs und stopft sich ein paar Kekse rein. Sie arbeitet zurzeit 16 Stunden am Tag und schläft nur viereinhalb Stunden. "Morgens um halb sechs wache ich auf", sagt sie, "dann habe ich schon die ganzen Probleme in der Birne."

Bärbel Grygier muss zwei Verwaltungen mit zusammen 5000 Mitarbeitern verschmelzen, muss aus jeweils einer Friedrichshainer und einer Kreuzberger Abteilung eine gemeinsame machen. Das ist ein bisschen, als würden 5000 Leute Reise nach Jerusalem spielen. Man weiß noch nicht, wie viele von ihnen am Ende Platz auf einem Stuhl finden werden - aber sie werden weniger sein, denn es muss billiger werden, das ist ja der Sinn der Verwaltungsreform. Bärbel Grygier muss sechseinhalb Millionen Mark Personalkosten einsparen. "Jeder hat irgendein Problem und will mit mir reden", sagt sie. Also absolviert sie ein Personalgespräch nach dem anderen: Manche Beamte wissen nicht, wo sie im nächsten Monat arbeiten werden, andere nicht, was genau sie tun werden. Wieder andere müssen bangen, ob es überhaupt noch Arbeit für sie gibt. Eigentlich gilt für Verwaltungsangestellte eine Beschäftigungsgarantie bis 2004. "Sie haben trotzdem Angst", sagt sie.

Außerdem leidet der neue West-Ost-Bezirk unter einer Art Daimler-Chrysler-Syndrom, oder, wie ein Kreuzberger Beamter trotzig sagt: "Es wächst eben nicht zusammen, was nicht zusammengehört." Die Kreuzberger sind sauer, dass ihr Bezirk hinten im Doppelnamen steht. Die Friedrichshainer ärgern sich, dass sie in der Woche anderthalb Stunden mehr arbeiten müssen als die im Westen und doch mehr als ein Zehntel weniger verdienen mit ihrem Osttarif.

Bärbel Grygiers Vorgänger, der Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz und der Friedrichshainer Bürgermeister Helios Mendiburu, waren so zerstritten, dass sie sich nicht mal einigen konnten, wo das gemeinsame Rathaus hinkommt. Sie warfen eine Münze, Friedrichshain bekam den Zuschlag. Keine gute Lösung: Das neue gemeinsame Rathaus kostet sechs Millionen Mark Miete im Jahr. Das Kreuzberger dagegen, im Bezirkseigentum, wäre umsonst gewesen. Grygier muss jetzt alles wieder hinbiegen. "Ich mache eine Schweinearbeit", sagt sie. Ihre erste Amtshandlung: Wer sich für die Kreuzberger Verwaltung bewirbt, muss sich in Friedrichshain vorstellen und umgekehrt. "Da bekommen die Bewerber wenigstens mal eine Idee vom anderen Bezirksteil."

Sie selbst kennt sich längst gut aus. Schon vor Jahren ist sie nach Kreuzberg gezogen, in die Großbeerenstraße. Anfängerfehler, zum Beispiel versehentlich SO 35 zu sagen, können ihr nicht passieren. Natürlich weiß sie auch, dass der schnellste Weg in den Westen über die Schillingbrücke in Mitte führt und nicht über die Oberbaumbrücke. Die Oberbaumbrücke, die einzige Verbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, ist nur was für Fototermine. Da können die Journalisten dann drunterschreiben: "Bärbel Grygier schlägt die Brücke zwischen Ost und West." Heute überquert sie schon zum dritten Mal die Spree. Sie muss zur Bezirksverordneten-Versammlung. Die ist diesmal in ein Altersheim in der Nähe des Kreuzberger Moritzplatzes ausgelagert, denn im Plenarsaal im Kreuzberger Rathaus fehlen noch Stühle und Tische für die Neuen. Die Abgeordneten konnten sich nicht einigen, ob sie Klapptische oder feste Tische wollten.

Weit weg von allen Parteien

Grygiers Fahrer zirkelt den BMW durch die engen Straßen von 36: Durch die Waldemarstraße, in der in den 80er Jahren fast jedes zweite Haus besetzt war, am Kottbusser Tor vorbei, wo sich Autonome und Polizei am 1. Mai ihre Schlachten lieferten. Hier liegt der Mythos Kreuzberg begründet. Doch damit kann Bärbel Grygier kaum mehr anfangen als Angela Merkel mit den 68ern. Sie wohnte damals nur einen Kilometer entfernt, in Friedrichshain, sie lebte auch in einer links-alternativen Nische - und doch in einer anderen Welt. Sie arbeitete in der Frauenforschung, nebenher moderierte sie im Radio die Aufklärungssendung "Sex nach Sieben". Weil Grygier einige Parteibeschlüsse nicht mittrug, wurde sie 1988 aus der SED ausgeschlossen: "Ich hasse es, wenn selbstverständlich erwartet wird, dass Parteimitglieder Stimmvieh sind." Seitdem ist sie nie wieder in eine Partei eingetreten.

Diese Distanz zur SED macht Grygier heute so wertvoll für die PDS. Nach der Wende saß sie für die Sozialisten im Bundestag, später war sie Bürgermeisterin in Hohenschönhausen. Jetzt ist sie ihr Joker. Sie soll schaffen, was noch keinem gelang: Die PDS im Westen zu etablieren. Die Sozialisten wollen bei der nächsten Bundestagswahl im Ost-West-Bezirk unbedingt ein Direktmandat erringen. Denn auch um die Bundestagswahlkreise sind neue Grenzen gezogen worden. Nun hat die PDS nur noch zwei Hochburgen im Osten, nicht mehr drei. Doch für den Einzug in den Bundestag braucht die Partei einen dritten Direktkandidaten, sollte sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

Bärbel Grygier hängt tief in ihrem Stuhl. Seit einer Stunde läuft die Bezirksverordneten-Versammlung. Ihre Augen, die normalerweise immer irgendwem zuzwinkern oder irgendwas mustern, starren auf einen Plastikbecher Kaffee. Sie kämpft gegen die Müdigkeit. Mal zwirbelt sie eine Strähne ihres blonden Pagenkopfes um den Finger, mal flicht sie die Haare zu einem Zopf. Doch einmal muss sie heute Abend noch ran: "Wir hatten immer so eine schöne Tradition, dass unser Bürgermeister auf den Dienstwagen verzichtete", mahnt eine Kreuzberger Grüne. Entnervt fragt Grygier zurück: "Wie soll ich mein Pensum denn schaffen? Mit dem Fahrrad, einen Packen Akten unterm Arm?"

Immerhin ist die Rote-Socken-Kampagne vorerst eingestellt. "Frau Grygier ist schon umgänglich", lobt sie sogar der CDU-Bezirksverordnete Lars Meissner. "Und mir scheint, dass die Fusion wirklich vorangetrieben wird."

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