Zeitung Heute : Bagan: Eine geheimnisvolle Atmosphäre

Rolf Brockschmidt

Sanft schaukelt der Pferdewagen, holpert über Löcher im Sandweg, die Achse knarrt, die Hufe knirschen dumpf auf dem Untergrund. Es ist stockfinster. Nach einer Weile tauchen aus dem Dunkel ein paar Häuser auf. Dann kommen Felder, dazwischen plötzlich diese riesigen, meist glockenförmigen Schatten, als wären sie gerade von einem anderen Stern kommend, hier gelandet. Sie überragen die geduckten Häuser, fremd und geheimnisvoll. Der Pferdewagen verlässt das Dorf, biegt über die Straße in die Felder, klick-klack, klick-klick, klappern nun die Hufe. Eine Reise in eine andere Zeit, hätte nicht der vordere Pferdewagen rote Rücklichter und unserer einen Scheinwerfer. Es ist 4 Uhr 45. Um 6 Uhr geht in Bagan in Myanmar die Sonne über den Shan-Bergen auf, dort, wo der Mount Popa liegt, der Berg der Nats, der burmesischen Geister.

Immer mehr Schatten tauchen aus dem Dunkel auf, scheinbar flache Körper, wie Scherenschnitte. Klick-klack, klick-klack, tönen die Hufe, ansonsten ist nichts zu hören. Ziel der beiden Pferdewagen ist die Mingalazedi-Pagode, die letzte der großen Pagoden Bagans. Die Legende sagt, dass bei Vollendung der Pagode das Reich zerfallen werde. Der König zögert und stoppt den Bau, was man ihm als Ängstlichkeit und Hybris auslegte. Er vollendet schließlich den Bau und zehn Jahre später, 1287, ist das Reich tatsächlich zerfallen.

Ein halb verwittertes Schild an einem Holztor macht den Besucher in Englisch und Burmesisch darauf aufmerksam, dass man bitte Schuhe und Socken ausziehen möge, bevor man den geweihten Boden betritt. Der rote Backsteinkoloss will über eine enorm steile Treppe mit kurzen Stufen erklommen werden. Die Aussicht belohnt die Mühsal des Aufstiegs. Eine weite Ebene spannt sich von den Ufern des Ayeyarwady-Flusses im Westen bis hin zu den Shan-Bergen im Osten. Unzählige Pagoden ragen aus der Ebene empor, große und kleine, immer noch im Schatten, die ihr Geheimnis, ihre Struktur nicht preisgeben. Eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre. Burmesische Musik klingt aus dem nahen Dorf. Ein Hund bellt. Vögel zwitschern. Der erste Bus fährt nach irgendwo. Das Dorf erwacht. 5 Uhr. Der Himmel färbt sich heller und allmählich nehmen die Pagoden im Morgendunst Gestalt an, legen das Grauschwarz der Nacht ab und zeigen ihr leuchtendes Backsteinrot. Kaum vorzustellen, wie es hier vor 800 Jahren einmal ausgesehen hat. Heute zählt die Unesco 2229 Pagoden und Tempel, die Regierung spricht von 3000. Viele sind seit dem Erdbeben von 1975 restauriert worden, weitere sollen folgen. Damit ist Bagan eine der größten buddhistischen Sehenswürdigkeiten. Die Namen Borobodur und Angkor Wat fallen nicht zufällig. Allerdings ist Bagan kein Heiligtum, sondern hier macht die große Zahl der Bauten das Besondere des Ortes aus. Wer Pagoden baut, sichert sich ein besseres Leben im nächsten Leben.

200 000 Menschen sollen im Mittelalter bis zum Mongolensturm 1287 hier einmal gelebt haben. Von den Häusern, Markplätzen und Holzbauten ist nichts mehr stehen geblieben. Kein Handel, kein Stimmengewirr, kein Verkehr. Nur die Kolosse der Pagoden stehen stumm zwischen den Sesam-Feldern und Phönix-Palmen, die im heller werdenden Morgenlicht einen interessanten Kontrast zu dem Rot der Ziegelbauten abgeben. Einst waren auch diese Bauwerke weiß gekalkt, Wind und Wetter haben die Farbe abgewaschen.

Jetzt steigt die Sonne über der Bergkette auf und taucht wie ein Scheinwerfer die Pagoden und die Landschaft in ein helles, goldenes Licht. Vom Fluss her zieht Nebel heran und aus dem Grün des Dorfes steigen die ersten Rauchschwaden auf, die Dorfgeräusche werden lauter und der Verkehr nimmt zu. Wäre Caspar David Friedrich jemals bis Burma gekommen, er hätte hier seine Motive gefunden.

Wer die reiche Pagodenlandschaft Bagans erkunden will, kann beim gemächlichen Pferdewagen bleiben oder sich ein Fahrrad leihen. So lässt sich am effektivsten das Ruinenareal erkunden. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber der Ananda-Tempel, eines der ersten Großbauwerke Bagans, gehört zu den Standards. Ebenso der Gubyaukgyi-Tempel bei Myinkaba aus dem 12. Jahrhundert, in dem die Unesco in sieben Jahren die wertvollen Fresco-Secco-Malereien restauriert hat. Zu sehen sind die Bilder nur mit Hilfe einer wackligen Stehlampe, die die Fremdenführerin an einem langen Kabel durch den Tempel schleppt. Immer wieder fällt der Strom aus. Hier werden auf 547 Bildern, den "Jataka", die Vorleben des Buddha gezeigt, zur Andacht und zur Belehrung, sozusagen ein Bilderbuch für die Gläubigen.

Was dem Besucher im Dunkeln vielleicht verborgen geblieben ist, enthüllt draußen im Tageslicht Maung Ba. Er hat die kleine Besucherschar aus dem Westen bemerkt und flugs ein Tuch auf dem Boden ausgebreitet, auf dem er seine Kunstwerke präsentiert. Kopien der Wandmalereien, exakt und perfekt ausgeführt auf grundierter Leinwand. Buddha-Figuren in allen Größen und Lebenslagen, aber auch die Geschichte vom Elefanten, der von Kröte und Krähe gemeinsam überlistet und getötet wurde. "Nur acht Dollar", preist Maung Ba seine Ware an. Mit einem Wortschwall über seine Fähigkeiten und die Schönheiten des Tempels argumentiert er gegen die Zeit der im Aufbruch befindlichen Gruppe. Sein Geschick steht dem eines marokkanischen Teppichhändlers in nichts nach. Und mit dem Fahrrad reist er später der Gruppe nach, bereit, an der nächsten Pagode sein Glück zu versuchen.

Mit einigem Respekt beobachtet eine Gruppe junger Mädchen das Verkaufsgespräch, denn auch sie wollen ihre Ware verkaufen: kleine schwarze Lackdöschen, die mit kunstvollen farbigen Ornamenten verziert sind. Perfekte Handarbeit. Aber die wahren Perlen findet man in einer der zahlreichen Lackwerkstätten, für die Neu-Bagan, wo die Menschen heute leben, über die Landesgrenzen hinaus berühmt ist.

Nach soviel Kommerz steht der Sinn nach neuen Kunstgenüssen, und so führt kein Weg vorbei an dem Besuch der vergoldeten Shwezigon-Pagode, die in reizvollem Kontrast zu dem Dunkelrot der Holzbauten steht. Dieses bedeutende Heiligtum Myanmars diente der berühmten Shwedagon-Pagode in Yangon als Vorbild, ohne allerdings jemals die schwindelerregende Höhe der hauptstädtischen Pagode zu erlangen. Dafür halten manche Reisende diese Pagode dennoch für die schönere, reizvollere, weil sie noch nicht mit so vielen Nebenbauten zugestellt ist.

Das Licht der untergehenden Sonne über dem Gebirgszug am Ayeyarwady-Fluss zieht die Touristen gegen 18 Uhr magisch zu den wenigen "Sonnenuntergangs-Pagoden", die für den Besuch freigegeben sind. Blutrot versinkt die Sonne hinter den Bergen, die Pagoden liegen wieder wie Schatten im Gegenlicht, schwimmen in einem Meer aus Dunst, ein unbeschreiblicher Eindruck, der sich vor allem nach Sonnenuntergang verstärkt, wenn die ersten eiligen Touristen das Terrain verlassen und nur noch die Stille der Ebene von Bagan mit ihren jahrhundertealten steinernen Zeugen den Besucher gefangen hält. Eine kleine Ochsenherde zieht eine Staubfahne hinter sich her, die sich in der Ferne mit dem Dunst der Ebene mischt.

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