Bahn-Kompromiss : Mehdorn hat verloren

Carsten Brönstrup

Die Kanzlerin lag falsch. „Mit dem Kopf durch die Wand wird nicht gehen“, hatte Angela Merkel den Lokführern beschieden. „Da siegt zum Schluss immer die Wand.“ Tut sie nicht. Mit erstaunlicher Hartleibigkeit hat die Minigewerkschaft GDL der Bahn einer erhebliche Gehaltserhöhung abgetrotzt. Am Ende mit Hilfe von Merkels Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der Bahn- Chef Hartmut Mehdorn mehr oder weniger angewiesen hat, noch ein paar Prozent draufzulegen. Mehdorn soll getobt haben. Das würde passen zu einem Mann und einer Auseinandersetzung, die nicht immer fair und rational geführt und am Ende von der Politik gelöst wurde. Die Bahn muss dafür zahlen, Mehdorn hat verloren.

Mehr als 170 Stunden Streik, ausgefallene Züge und Millionen frustrierte Bahnkunden haben diesen einmaligen Arbeitskampf geprägt. Mit Klamauk und Kampf haben beide Parteien die Öffentlichkeit genervt, mit Geheimtreffen, gegenseitigen Beschimpfungen und Gerichtsverfahren. Gewerkschaftschef Manfred Schell erdreistete sich, auf dem Höhepunkt des Konflikts zur Kur zu verschwinden, während seine Unterhändler den nächsten Streik vorbereiteten. Ein so großes Maß an Unberechenbarkeit und Dilettantismus kannte man von Arbeitnehmervertretern bis dahin nicht.

Der Sieg der GDL war indes nur möglich, weil die Bahn sich schwer verrechnet hat. Mehdorn und seine Verhandlungsführerin Margret Suckale haben offenbar verkannt, dass ihr Unternehmen wie kaum ein anderes anfällig ist für Streiks. Trotzdem haben sie eine Alles- oder-Nichts-Taktik gefahren und lange jegliches Zugeständnis an die GDL abgeblockt. Auch in der am Ende trügerischen Hoffnung, irgendein Arbeitsgericht würde es verbieten, dass wenige Tausend Lokführer per Arbeitskampf ein paar Millionen Fahrgäste stehen lassen und die gesamte Konjunktur gefährden.

Verkannt hat der Vorstand auch die Vorzeichen der Tarifrunde. Der endlose Streit über die Privatisierung und die seit Jahren gepflegten Animositäten der drei Bahn-Gewerkschaften untereinander verursachten eine schwierige Gemengelage. Dass die GDL-Funktionäre so vehement auf ihren eigenständigen Tarifvertrag pochten, weil sie um die Zukunft ihrer Organisation bangten, hat die Bahn lange nicht verstanden – und damit den Konflikt unnötig in die Länge gezogen.

Zugutehalten muss man dem Unternehmen, dass es mit der neuen Tarifstruktur eine recht elegante Lösung des schwierigen Streits gefunden hat. Für Sonderinteressen, nicht nur der Lokführer, gibt es nun eine Menge Spielraum. Den Frieden muss sich der Konzern allerdings teuer erkaufen, auch Transnet und GDBA haben ja enorme Zuwächse ausgehandelt. Während in der Metallindustrie um jedes halbe Prozent erbittert gefeilscht wird, verteilt die Bahn Geld mit dem Füllhorn. Als Quasi-Monopolist kann sie es sich bei den Fahrgästen bequem wiederholen.

Der GDL ging es um Lohnprozente und um Macht. Beides haben die Lokführer erreicht. Schell wird jetzt in den Ruhestand gehen, den eigenständigen Tarifvertrag legt er in die Hände des Nachfolgers. Und Mehdorn? Die Politik ist ihm nicht an die Börse gefolgt und hat ihm nun auch noch einen sehr teuren Abschluss verordnet. Das ist bitter. Die hemdsärmelige Art des Bahnchefs hat Charme, Mehdorn ist alles andere als ein glatter Manager. Doch womöglich sind in einem so politischen Konzern wie der Bahn andere Qualitäten gefragt.

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