Zeitung Heute : Bahnchef Hartmut Mehdorn: Nicht aus dem Gleis zu werfen

Josef-Otto Freudenreich

Ein Glück, dass die Tischplatte im "Metzer Eck" aus solider Eiche ist. Sonst hätte sie die Handkantenschläge des Bahnchefs womöglich nicht ausgehalten. Zack, zack muss es gehen in seinem Job, und deshalb gilt es, die Argumente mit größtmöglicher Schlagkraft zu untermauern. Hartmut Mehdorn haut an diesem Abend ziemlich oft auf den Tisch, was die Wirtin nicht weiter stört. In ihrer Kneipe in Prenzlauer Berg haben sich schon Manfred Krug, Dieter Hildebrandt und Otto Waalkes die Biere reingestürzt. Die waren auch nicht gerade leise.

Das Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln und Spiegelei kostet 13 Mark fünfzig, und Mehdorn, 58, bekennt, dass er eigentlich noch eine Portion verdrücken könnte, wenn ihm seine Frau Helene nicht auf die Finger klopfen würde. Sie findet, dass er zu schwer ist mit seinen 89 Kilo bei einer Körperlänge von einem Meter vierundsiebzig. Aber sprechen darf er hier, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, was zur Folge hat, dass im Verlauf des Abends häufig von "Idioten" die Rede ist.

Hartmut Mehdorn ist jetzt gut ein Jahr lang Herr der Züge. Vorher saß er im weichen Sessel der Heidelberger Druckmaschinen und hat Geld gedruckt, heute hockt er auf einem Berg von Schulden. Abgewöhnt hat er sich das Rauchen, ein Weihnachtsgeschenk für Helene, und das Ankündigen des Börsengangs. Angewöhnt hat er sich eine gewisse Diplomatie und den Glauben, dass die Hoffnung als Letztes stirbt. Nein, einen wie ihn wirft nichts aus dem Gleis, für ihn ist der neue Job weit davon entfernt, eine "mission impossible" zu sein. "Ich bin der Alte", beteuert er, "ich leide nicht." Das sagt er in der ersten Stunde, und das bleibt zunächst so stehen. Schließlich hat ihn Gerhard Schröder vorgewarnt: "Mehdorn, das ist der zweitverrückteste Job der Republik." Nach seinem, meint der Kanzler.

Die Zeitschrift "Capital" hat Hartmut Mehdorn auch zum zweitwichtigsten Manager gewählt. Noch vor Jürgen Schrempp, der ihn 1995 nicht zum Dasa-Chef machen wollte. Das tut gut. Und wer kann schon von sich behaupten, mit einer richtigen Eisenbahn spielen zu können? So fragt er gerne in die Runde, wenn wieder einer wissen will, wann er den Job hinschmeiße. "Sie haben vielleicht eine Märklin-Anlage zu Hause", antwortet er dann und setzt sein verwegenes Lächeln auf, als wäre er John Wayne, der seinen Loks den Weg freischießt.

Aber Mehdorn ist nicht Wayne, viel eher ist er Berti Vogts. Oder gibt es weitere Ämter im Land, über die jeder mit viel Sachverstand urteilen kann? Fast jeder hat mal gekickt oder ist wenigstens Fußball-Fan wie auch Mehdorn, der gerade als Nummer 2001 Mitglied von Hertha BSC wurde; nahezu jeder ist mal Zug gefahren, und jeder hat dazu etwas zu erzählen. Verspätete Züge, dreckige Waggons, muffige Schaffner, zu teure Tickets - und schuld ist immer der Chef, der so was auch gerne schriftlich kriegt. Die "Trottel-Bahn" schreibt beispielsweise "Bild", das Zentralorgan des Volkswillens. In der zweiten Stunde des Abends im "Metzer Eck" räumt Mehdorn ein, dass ihn das "traurig stimmt", dass er sich alles "nicht so schlimm" vorgestellt hat. Das erste Jahr sei "brutal" gewesen, weil es eigentlich zwei waren: eins zum Lernen und eins zum Arbeiten. Selbst bei ihm, der notorischen Frohnatur, ist die Grenze der Leidensfähigkeit dort erreicht, wo er sich zum Schuhabstreifer der Nation erniedrigt fühlt. Das kratzt am Ego eines Machers, der gewohnt war, für seine Erfolge gelobt zu werden.

Und dabei rennt er wie ein Wiesel durch die Gegend. In Dampflokomotiven schippt er die Kohlen in den Heizkessel, in den ICE-Cockpits beruhigt er frustrierte Zugführer, und wenn seine Manager mal wieder kündigen wollen, stimmt er sie mit einer Flasche Wein um. In "Basisdialogen" versucht er, die Mitarbeiter aufzumuntern, die in den vergangenen sieben Jahren 132 000 weniger geworden sind und dafür das Doppelte schaffen. Da soll wenigstens Zuspruch helfen. Oder die Erlaubnis, im Sommer kurzärmelige Hemden zu tragen, was die Bekleidungsordnung bisher verhindert hat. Nichts ist zu abseitig, als dass sich der Chef nicht persönlich darum kümmern würde. Die Zugbegleiterinnen steckt er demnächst in neue Uniformen, weil sie "schickere" Kleidung verdient haben, und dann schreibt die Sexpostille "Coupé", in jedem dritten Abteil werde geschlechtlich verkehrt. Willige Schaffnerinnen erkenne man an der aufgeknöpften Bluse.

Das ist so wenig lustig wie der Gang in die Vorstandssitzungen. Wie das abläuft, demonstriert Hartmut Mehdorn anhand der Speisekarte, die er vor sich hält, als säße er in seinem Hauptquartier. "Sie bekommen so ein Papier in die Hand", berichtet er mit grimmigem Gesicht, "Sie gucken rein und sehen viele Miese. Beim nächsten Mal kriegen Sie ein neues Papier mit noch mehr Miesen. Und dann rätseln Sie, wie viele es wirklich sind." Genau weiß das bis heute keiner, was auch daran liegt, dass es seine Vorgänger, die Herren Dürr und Ludewig, nie so genau wissen wollten. Aber soll er sie deshalb in Regress nehmen, ihnen eine Klage an den Hals hängen? Der Blick zurück bringe ihm nichts, wehrt Mehdorn ab. So darf man jetzt wählen: zwischen einer Deckungslücke von zehn Milliarden Mark für die nächsten fünf Jahre, die Bahn-Aufsichtsratschef Dieter Vogel veranschlagt, 20 Milliarden, die Mehdorns Finanzleute errechnet haben, und 30 Milliarden, mit denen die Unternehmensberatung McKinsey kalkuliert.

Wählen darf man auch, was andere Wahrheiten betrifft. Ex-Thyssen-Boss Vogel, so heißt es, lege die Latte deshalb so niedrig, weil er Mehdorn nicht leiden könne. So könne er dem Vorstandsvorsitzenden unterstellen, er wolle sich nur möglichst viel Geld vom Bund holen. Hier der hoch gewachsene Stratege, dort der kleine Kumpeltyp. Das reicht schon, um ein explosives Verhältnis zu diagnostizieren, eine Behauptung, die gern mit angeblichen Äußerungen von Vogel belegt wird. Der Herr Mehdorn, so zitiert die "Financial Times" den "Schatten-Bahnchef", brauche einen dicken Schlitten und ein Riesenbüro, weil das Leute "nötig haben, die zu klein geraten sind". Er dagegen bescheide sich mit einer "kleinen Hütte" und Berliner Taxifahrern. Von wegen Droschke, schäumen Mehdorns Vertraute, der Herr Vogel lasse sich selbstverständlich jedes Mal mit der "dicksten S-Klasse" vom Flughafen abholen. Es sind halt auch nur Menschen, die hoch bezahlten Manager.

In der dritten Stunde berichtet Mehdorn von der Politik, die insofern wichtig ist, als sie die Bahn schon immer als ihr Spielzeug betrachtet hat. Fuchsteufelswild wird er, der Parteilose, wenn die CDU auf ihn "eindrischt". Ausgerechnet jene Partei, die "nie etwas für die Bahn getan hat", die sie "verlottern" ließ. Sie wirft ihm jetzt mangelnde Sicherheit vor. Die freie Fahrt für den freien Bürger hat für die Christdemokraten von jeher auf der Straße stattgefunden, auf Betonpisten, die voll sind mit Lastwagen, "die Milch von Hamburg nach München karren, damit sie dort Jogurt machen können". Ehrenmitglied beim ADAC wird er so jedenfalls nicht.

"Ja, wo bin ich denn", fragt er sich in solchen Augenblicken und bleibt ohne Antwort. Der gelernte Ingenieur spürt nur, dass ihn die Union als "Prügelknaben" instrumentalisiert, gegen die Regierung. Das pharisäerhafte Fingerhakeln ist ihm fremd, weil er den Job nicht als Schröder-Freund angetreten und noch nie geglaubt hat, dass die Bahn schwarz, rot, grün oder gelb ist. Er wolle sie nur fahren lassen, sagt der Sisyphus der Schiene, und zwar besser als zuvor.

Das ist ein Problem, das nicht nur mit bösen Politikern zusammenhängt. Es ist auch sein persönliches. Der Manager Mehdorn will eine moderne Bahn. Schnell soll sie sein, sauber, effizient und profitabel, und das schließt aus, dass von Lübeck nach Hamburg täglich drei leere Züge fahren. Das schließt ein, dass seiner Meinung nach die meisten Bahnhöfe dichtgemacht werden müssen.

In der Logik des Betriebswirtschaftlers mag das stimmen, im Gefühl der Menschen, welche die Bahn als Allgemeingut betrachten, nicht. Ein kleines Beispiel aus Mehdorns Rechenblock: 85 Prozent aller Fahrgäste steigen an 52 Bahnhöfen ein oder aus. 6400 hat das Unternehmen. Im Grunde brauche er die nicht, meint Mehdorn, und vergisst dabei, dass auch die kleinen Stationen eine Geschichte haben. Wer hat nicht schon einem Zug mit dem Taschentuch hinterhergewinkt, bis die roten Lichter am Horizont verschwunden sind? Kein Automat ersetzt den Mann hinterm Schalter, kein Monitor zeigt die Bilder, die jeder von der Eisenbahn im Kopf hat. In den Augen des Kalkulators mag das als Nostalgie von "Pufferküssern" erscheinen. Wenn er sie wegwischt, könnte bald passieren, was er in der vierten Stunde scherzhaft androht: "Dann werde ich Verkehrsminister."

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