Zeitung Heute : Balance des Glücks

MANUEL BRUG

Berliner Festwochen: Das Emerson String Quartet spielt im Kammermusiksaal "Rihm &" und Ludwig van Beethoven auf CDMANUEL BRUGMusik von Wolfgang Rihm ist vielleicht nicht unbedingt das Richtige für das Autoradio.Doch das Emerson String Quartet haben solche Töne zum Aufhorchen gebracht."Wir hatten gerade ein Haufen von Bänden zum Durchhören dabei", entschuldigt der Cellist David Finckel den ungewöhnlichen Abhörort."Lauter langweiliges Zeug.Doch dann haben wir alle gleichzeitig den Kopf gehoben und den Regler aufgedreht." Die insistent bohrenden, um sich kreisenden, vehement mit Schönheit im herkömmlichen Sinne, mit Melodie und ihrer Zerstörung spielenden Klangfolgen, die die vier irgendwo an der amerikanischen Ostküste gepackt hatte, sie stammten aus dem 4.Streichquartett von Wolfgang Rihm.Und so haben sie sich die Noten kommen lassen und kräftig geübt.Seither ist das Stück - zusammen mit dem als 9.Streichquartett firmierenden Solosatz - fest im Repertoire des Emerson Quartet, und die vier verstehen sich durchaus ein wenig als Rihms kammermusikalische Botschafter in den USA."Rihm kennen bei uns wirklich nur die Freaks und die happy few, die sich für Kammermusik interessieren", erzählt Finckel (der als so etwas wie das Pressesprachrohr des Quartetts firmiert) weiter."Und die pflegen meist nur ihre nationalen Komponisten.Ein Trend, den ich in vielen Ländern beobachte." Klar, daß die vier als Rihm-Fans und -Vertreiber von Badenweiler (wo sie bei den Römerbad-Musiktagen regelmäßige Gäste sind) bis zu den Berliner Festwochen (wo sie längst zu den festen Größen zählen) auch bei einer so wunderfein komponierten Reihe wie "Rihm &" dabei sind.Als krönender Schlußpunkt - nach drei bereits in höchster Konzentration bei leider geringen Zuhörerzahlen im Kammermusiksaal verbrachten Wochenenden mit sämtlichen Rihm-Streichquartetten, eingerahmt und angehübscht vom "&", zeitgenössischen wie klassischen Stücken des biographischen Komponierens im weitesten Sinn. Das Emerson Quartet hat neben den Rihm-Werken das "&" besonders ernst genommen.Und weil diese 1976 gegründete, noch immer in ihrer originalen Besetzung mit Eugene Drucker, Philip Setzer, Lawrence Dutton und David Finckel spielende Formation - seit dem allmählichen Rückzug des Juilliard Quartet, der Auflösung des LaSalle Quartet und des Cleveland Quartet sicherlich Amerikas beste - nicht nur abwechselnd Drucker oder Setzer die erste Geige spielen, sondern überhaupt bei allem Zusammenhalt den solistischen wie pädagogischen Neigungen freien Lauf läßt, deshalb gab es auch Solonummern in beiden Konzerten.Lawrence Dutton und David Finckel stellten mit aller technischen Meisterschaft und dem Spaß am virtuosen Zierat die Solos 3 und 6 von Reiner Bredemeyer vor.Musik der additiven Art, doch das gekonnt, teilweise so wild zu nehmen, daß Dutton eine Violasaite riß.Danach war Smetanas Quartett Nr.1 e-moll "Aus meinem Leben" etwas aus den Fugen. Die Rihm-Stücke, vor allem das 4.Quartett mit seinem Beethoven-Pathos, seinen hart gerissenen und wie Pistolenschüsse knallenden Pizzicati, abgelöst von allerzärtlichst verschwebenden Flageoletts, gelangen großartig.Nie fielen da Entwicklungen auseinander, immer wieder rafften sich die vier zu einem großen, manchmal grimmig stählern tönenden Bogen auf und gaben dieser Musik unglaublichen Nachdruck und Fülle.Ein Höhepunkt, ein persönlicher, dennoch: die beiden Jana«cék-Quartette.Kleinste Melodiefloskeln aushörend und plastisch ausstellend, harmonische Rückungen fast wie geschrieben in den Saal werfend, im letzten Satz der Nr.2 "Intime Briefe" stetige Temperamentsentladungen auffangend, ja steigernd bis fast zur Explosion (sprich: zum nächsten Saitenriß), und dabei Ekstase kontrollierend - das hatte einsame Klasse. Apropos Rihm und sein Beethoven-Pathos.Oder Beethoven und sein Rihm-Pathos? Jedenfalls hat das Emerson Quartet unlängst (auch das passiert selten) seine innerhalb eines Jahres aufgenommene Einspielung aller Beethoven-Streichquartette herausgebracht.Bei höchster Konzentration und fast zuviel Ausgewogenheit gehorcht der Inhalt dieser schlanken 7-CD-Kassette dem (heimlichen?) Emerson-Motto: Sinn und Sinnlichkeit zu vieren - Balance des Glücks.Man höre den wie unter dem Mikroskop analysierten Strukturen der späten Quartette nach, die doch voll und strahlend klingen - selbst in der fiesesten technischen Gemeinheit.Man höre die Emphase und das beglückende Temperament der Rasumovsky-Quartette (Anspieltip: der 3.Satz thème russe Op.59/2 e-moll), die melodische Fülle der frühen Stücke."Privileg und Herausforderung" sei ihnen diese Gipfelbesteigung gewesen, sagt Eugene Drucker.Das Emerson Quartet hat, mit durchwegs flüssigen Tempi, hinreißend bestanden.Und denkt schon an das nächste Projekt: eine Gesamtaufnahme der Schostakowitsch-Quartette. Ludwig van Beethoven, Streichquartette.Deutsche Grammophon 447075-2 (7 CDs)

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