Zeitung Heute : Ball der hungrigen Herzen

SCHAUBÜHNE Jule Böwe spielt die Titelrolle in Luk Percevals Inszenierung von Schnitzlers „Anatol“ – in dem Liebesreigen umschwirren sie Thomas Bading, Bruno Cathomas und André Szymanski

PATRICK WILDERMANN

Vielleicht sind Männer und Frauen doch nicht so verschieden. Zumindest nicht, wenn es darum geht, in Liebesdingen einen Narren aus sich zu machen. Jule Böwe, Thomas Bading, Bruno Cathomas und André Szymanski, die zurzeit in der Regie von Luk Perceval den „Anatol“ proben, hätten sich anfangs durchaus vorstellen können, dass die Besetzung von Schnitzlers Hauptfigur mit einer Frau das Stück ziemlich umkrempelt. Ist aber nicht so, sagen sie unisono. Der Beziehungsreigen aus dem Fin-de-Siècle, der von Bindungsunfähigkeit und Verlustangst eines melancholischen Zauderers mit stetig wechselnden Partnerinnen erzählt, behält sein Gesicht. „Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass Männer genauso abhängig von einer Frau sein können wie umgekehrt“, befindet Cathomas trocken. Adieu, Geschlechterklischees. „Wir suchen nach der Emotion, die dem Stück zugrunde liegt“, sagt Szymanski, „wir versuchen nicht, ein Beziehungshandbuch aufzulegen.“ Der Text, meint wiederum Cathomas, bestehe ja ausschließlich aus Trennungsszenen – „und vor einer Trennung hat jeder Angst, egal, ob du der Verlassene bist oder derjenige, der verlässt.“ Die Furcht vor dem Alleinsein, ja vor der Einsamkeit, ist der Motor des Geschehens.

Jule Böwe spielt den Anatol in Schnitzlers Eifersuchtsdrama. Um den quälenden Verdacht der Untreue geht es darin, um hehre Herzensideale und, wenngleich nicht explizit ausgesprochen, die Suche nach Sex. „Nur auf der romantischen Sturm-und- Drang-Ebene würde das Stück ja gar nicht funktionieren“, sagt Cathomas. Und Szymanski ergänzt lächelnd: „Die Trophäenjagd findet statt.“ Böwe sieht ihre Anatol, diese Serienmonogamistin, die von Verhältnis zu Verlobung zu Affäre springt, indes weniger als Erotomanin, sondern vielmehr als Liebessehnsüchtige, „immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, aber unfähig, sich wirklich auf jemanden einzulassen“. Die lebe in der Illusion von Liebe, anstatt die Liebe leben zu können. „Und dahinter steht ja auch die beständige Angst, nicht genug geliebt zu werden“, sagt Thomas Bading. Er spielt den Max, bei Schnitzler Anatols bester Freund, sein Buddy in Beziehungsfragen, hier eher ein Dulder. In der Perceval-Variante könne man sich zwischen Max und Anatol, wie Bading findet, „auch eine Liebe vorstellen, die nie ihre Zeit hatte. Die von ihr vielleicht nicht erkannt wurde“. So trägt und erträgt dieser Max die Geschichte der A., ihre amourösen Eskapaden.

Sie hätten dem Stück die Geschwätzigkeit ausgetrieben, sagen die Schauspieler, außerdem alle Verweise auf Ort und Zeit gestrichen, die Fin-de-Siècle-Dekadenz entstaubt. Das Liebeskarussell dreht sich nun zeitlos unter Girlanden der Bühnenbildnerin Katrin Brack, und die Schauspieler sind auf der Suche nach großen Gefühlen, die mal da gewesen sein müssen, und ohne die auch die Verletzungen nicht spürbar werden. Das hat sie geradewegs zum Pathos der italienischen Oper geführt, sie werden Arien von Verdi und Puccini singen. An der Schaubühne lassen sie eben nichts unversucht, um die wahre Liebe zu finden.

PATRICK WILDERMANN

Premiere am 1.11., 20 Uhr

Vorstellungen 4./5. und 25./26.11., jeweils 20 Uhr

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