Zeitung Heute : Ballerspieler unter Beschuss

NAME

Es sollte die größte Netzwerkparty Deutschlands werden. Vom 3. bis zum 5. Mai wollen sich in Erfurt 1500 Computerspieler treffen, um in einem abgedunkelten Saal „Das große Beben“ zu feiern. Bereits der ist Programm, denn Beben heißt im Englischen „Quake“ und das wiederum ist neben „Doom“ und „Unreal Tournament“ eines der bekanntesten und in der Szene beliebtesten Ballerspiele überhaupt. Am Freitag wurden gerade die letzten Verträge unterzeichnet, wurde bekannt gegeben, dass die Computer-Party nach dem vorherigen Absprung eines Sponsors doch noch gerettet werden konnte, weil Computerchip-Hersteller AMD und Internet-Provider freenet.de eingesprungen waren. Doch das war in einem Erfurt vor dem Massaker, so der Berliner Thorsten Zippan, einer der Mitinitiatoren der Veranstaltung. Jetzt stehen die so genannten Ego-Shooter selbst unter Beschuss.

Dass „Das große Beben“ nach diesem Freitag noch stattfindet, ist kaum vorstellbar. Zwei der Organisatoren waren auf dem Gutenberg-Gymnasium, haben dort ihr Abitur gemacht und kannten die getöteten Lehrer. Zudem findet am 3. Mai in Erfurt die zentrale Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs statt. Auch wenn für die Computer-Partys nicht allein Ego-Shooter wie „Counter Strike“oder „Starcraft: Brood War“ auf dem Programm stehen, sondern genauso Sport- und Strategiespiele zum Wettbewerb gehören, kann sich dieses Turnier keiner mehr vorstellen. Zumal Kanzler-Herausforderer Edmund Stoiber seine Forderung nach einem Verbot von gewaltverherrlichenden Videospielen am Sonnabend erneuert hat. Killerspiele müssten verboten werden, so Stoiber: „Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine größere Intoleranz gegenüber der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt.“

Bestärkt wird diese Einschätzung vom Vizepräsidenten des Berufsverbandes Deutscher Psychologen, Uwe Wetter. Die Zunahme von Gewaltpräsentationen im Fernsehen und im Video führe zu einer Konditionierung potenzieller Täter. Die Jugendlichen versuchten, die auf dem Bildschirm gesehene virtuelle Gewalt zu übertreffen. Der Psychologe Bernd Jötten sagte, das Training durch interaktive Videospiele schaffe zusätzliche Schießkompetenz, die sich der Erfurter Robert Steinhäuser jedoch offensichtlich in erster Linie im Schützenverein erworben hat.

Die Forderung nach strengeren Regeln und rigideren Verboten von gewaltverherrlichenden Computer- und Videospielen hat etwas reflexartiges. Ob Littleton oder Erfurt: Die Ähnlichkeit zwischen der virtuellen und der realen Gewalt erscheint offensichtlich. „Hinter jeder Ecke lauert der Tod“, „Das Böse wird siegen!“, „Dieses Spiel macht keinen Spaß. Es macht Angst.“ - Werbung wie diese bestärkt die vorherrschende Meinung gegenüber Gewaltspielen, auch wenn es unter Wissenschaftlern durchaus strittig ist, ob Computerspiele aggressives Verhalten auslösen oder fördern. Die regelmäßige Indizierung von besonders brutalen Spielen durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährende Schriften, die den Verkauf dieser Spiele an Personen unter 18 Jahren und die öffentliche Bewerbung verbietet, ist jedenfalls ganz offensichtlich nicht ausreichend. Im Gegenteil. Für die Hardcore-Gamer ist der Index vielmehr so etwas wie eine Top-Ten-Favoritenliste. Kurt Sagatz

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar