Zeitung Heute : Balzac in Berlin

KNUT EBELING

Eine Diskussion zum Kunstmarkt in Deutschland und Frankreich am Rande des Art ForumKNUT EBELINGWenn die Entwicklungen an einem bestimmten Ort sich selbst überrunden, ist zuweilen ein Blick von außen angebracht.Betrachtet man zum Beispiel die jüngsten Entwicklungen des Berliner Kunstmarktes von Frankreich aus, bekommt man leicht den Eindruck, in Berlin entwickele sich ein neues deutsches Galerienwunder, in dem sich der berüchtigte deutsche Wirtschaftswillen mit dem ausgewählten Blick des Connaisseurs verbindet.Mit einer Mischung aus Unruhe und Ehrfurcht betrachtet man in Paris, daß in der jungen Berliner Galerienszene zusammengeht, was in Frankreich noch immer getrennt ist: Geschäft und Geld, Kultur und Kommerz. Wenn man dagegen von der anderen Seite aus nach Frankreich blickt, kann man ohne Probleme das entsprechende Bild eines aristokratisch geprägten Kunstbetriebes ausmachen, der seit Jahrhunderten unverändert geblieben zu sein scheint.Die von nahezu allen französischen Herrschern von Louis XIV.bis Mitterrand gepflegte Förderung der Künste als einer Art zweiten Staatsreligion hat zu einer weitgehenden Abhängigkeit der Kunst vom Staat geführt, die den Kunstmarkt bis heute an einer prosperierenden Entwicklung hindert.Die Abwesenheit einer kunstsammelnden Mittelschicht, die immer noch verbreitete Verpöntheit des Geldes in Kreisen der kulturellen Intelligenz und schließlich die unfaßbare Diskretion, mit der diese Schicht alle kulturellen Angelegenheiten abwickelt, erwecken den Eindruck, der französische Kunstbetrieb befinde sich noch tief im 19.Jahrhundert, also in der Welt Balzacs.So ist es nur folgerichtig, daß die alljährlich unter dem Dach des Grand Palais stattfindende Pariser Kunstmesse FIAC den leicht verstaubten Charme eines Kunstsalons besitzt, während sich unter dem Neonlicht der Berliner Messe das coole Flair eines Automobilsalons entfaltet. Am Rande des Berliner Foire - ein Begriff, der sich im Französischen mit dem Jahrmarkt des 19.Jahrhunderts verbindet - bot sich die Gelegenheit, neben dem Augenfutter der Kunstmesse einige Innenansichten aus dem Kunstbetrieb an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich zu sammeln.Das Institut Français in Köln hatte französische wie deutsche Galeristen, Museumsleute und Künstler eingeladen, sich über den aktuellen Stand des Kunstbetriebes zu beiden Seiten des Rheins auszutauschen.Überraschenderweise bestätigte sich in ihrer Unterhaltung das Bild zweier komplementärer Kunstwelten, in der entweder ein feudaler Geist oder das profane Geld regiert. Während der Berliner Galerist Max Hetzler die funktionierende Zusammenarbeit von Staat und Kunst lobte, der er in Frankreich stets begegnet sei, klärte ihn seine Pariser Kollegin Anne de Villepoix darüber auf, daß man diese Einflußnahme durchaus als Gängelei empfinden könne.In Frankreich sei ein öffentlicher Kunstmarkt als Teststrecke für junge Künstler mehr oder minder abwesend; eine Handvoll von ihnen werde auf wundersame Weise von den überrepräsentierten staatlichen Institutionen geschluckt, um von ihnen Jahre später wieder ausgespien zu werden.Von deutscher Seite wurde umgekehrt eine mangelnde Repräsentanz des Staates durch die Kunst beklagt.So würden die staatlichen Institutionen meilenweit hinter den Entwicklungen der aktuellen Kunst hinterherhinken und keinerlei Interesse für ihren eigenen Nachwuchs aufbringen.Es erwies sich also des einen Leid als des anderen Freud.Weil von der einen Seite als wünschenswert empfunden wurde, was die andere ablehnte, geriet der Blick über die Grenze zur camera obscura, in der dasselbe Bild jeweils verkehrt herum erscheint.

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