Zeitung Heute : Bargeld und Kreditkarte

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Alle Vergleiche, die in der Gegenwart zugunsten einer verklärten Vergangenheit an den Kragen wollen - Kulturpessimismus nennt man das - beginnen mit dem Seufzer „Früher!“ Ja früher war alles besser! Früher ließ man die Kirche noch im Dorf, früher musste man noch nicht von früher sprechen. Oder zumindest: Früher hörte man noch zu, wenn man von früher sprach!

Ja, so war das. Und so gab es auch eine Zeit, da gab es keine Kreditkarten, da zahlte man noch bar, „cash“, auf die Kralle. Mit der Kredikarte kam das Bewusstsein des „Buy now, pay later!“, das „Heute in Saus und Braus und morgen zahlen“. Und wenn wir uns die heutigen Staatsverschuldungen anschauen, da fressen wir jetzt bereits unseren Urenkeln die Haare vom Kopf, obwohl die noch keinen Kopf, geschweige denn Haare haben.

Aber ich will hier nicht leitartikeln, sondern einen wehmütigen Blick in die Scheck- und Kredit-Karten-lose Zeit werfen: Früher! Da hatte beispielsweise der „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein nie Geld bei sich und wenn man mit ihm Essen ging, dann fragte er, als die Rechnung kam, ob man Geld bei sich hätte, zufällig. Und dann zahlte man und am nächsten Vormittag ging man zu seiner Sekretärin, Frau Schapien, und dann bekam man das Geld ohne weitere Umstände zurück. Cash auf die Hand.

1975 muss es gewesen sein, da lud mich Augstein zu einem Abendessen bei „Lembke“ (wo es Steaks und Bratkartoffeln gab) ein, es ging um die Verlängerung meines Vertrages. Aber an dem Mittwoch war ein Uefa-Pokalspiel des HSV und ich fragte, ob es denn auch nach dem Fußballspiel ginge. Na klar, sagte Augstein. Dann aber gab es Verlängerung im Volksparkstadion und dann kam ich auch noch in einen Stau. Und so sagte der Ober vorwurfsvoll, als ich zwei Stunden später kam: Wo bleiben Sie denn und Herr Augstein wartet schon und wir machen gleich zu!

Also sind wir nach dem Essen noch auf ein Bier oder zwei in eine Kneipe in St. Georg gegangen. Das Bier war teuer, wegen der Musik und der Frauen, und nach einer Stunde fragte Augstein, ob ich Geld bei mir hätte, ich hatte aber keins. Und so nahm er sich ein Taxi, fuhr zum Hotel „Atlantik“, besorgte sich beim Portier was und ließ mich als Pfand in dem Nachtlokal zwischen grellen Frauen und teuren Bieren zurück. Und hat mich, eine halbe Stunde später, brav auch ausgelöst. Mit Kreditkarten wäre das nicht passiert!

Letztes Jahr bemerkte ich im ICE von München nach Mannheim, dass mein Geldbeutel weg war. Verloren. Dummerweise hatte ich, was sonst nie der Fall ist, 500 Euro dabei, aber vor allem waren alle Kreditkarten weg. American Express, EC-Card, Visa-Frequent-Passenger, aber auch die Bahn-Card und die DAK-Krankenversicherung, aber die war meine geringste Sorge.

Mit Hilfe meiner Frau und meiner Sekretärin habe ich noch aus dem Zug alle Karten schnell sperren lassen: American Express, EC, Visa. Nach einer Stunde war das glücklich vollbracht. Nach zwei Stunden rief mich meine Frau im Zug an: Ein netter Herr habe angerufen, er habe mein Portemonnaie gefunden, ich solle mir keine Sorgen machen, er würde es mir schicken. So ist die Welt, so kann die Welt sein! Und auch die 500 Euro waren drin.

Tage vergingen, mein Geldbeutel kam, meine Kreditkarten, neue Kreditkarten. Dann musste ich nach Zürich. Und dort passierte es. Als ich auf dem Paradeplatz am Samstagnachmittag bei Sprüngli Schokolade und „Luxemburger“ für meine Familie kaufte, war meine American-Express-Karte gesperrt. Nachdem die Karte einbehalten worden war („Tut mir Leid,“ sagte die Verkäuferin, „das müssen wir auch zur Ihrer Sicherheit“, und ich nickte ergeben wie ein Scheckbetrüger), telefonierte ich mit der Amexco-Zentrale in Frankfurt und erfuhr, dass ich offenbar aus Versehen die mir zurückgeschickte, aber ungültig gemachte Kreditkarte mitgenommen und stattdessen die neue, gültige pflichtgemäß zerschnippelt hatte. Ich würde eine zweite neue bekommen, beruhigte mich der Amexco-Mann am Telefon.

Macht nix, dachte ich, ich habe ja noch die EC-Karte und Visa-Frequent-Passenger. Aber, fiel mir ein, die EC-Karte, so hatte mir der Bankbeamte am Hamburger Schalter erklärt, würde erst nächste Woche wieder gültig gestellt sein. Na gut, ich hatte ja noch die Visa-Karte.

Am nächsten Morgen wollte ich mein Hotel bezahlen, sonntags früh um sechs Uhr, weil ich mit dem Zug weiter musste. Um Gottes Willen, da waren zwei identisch aussehende Visa-Karten. Eine gültige und eine ungültige. Ich reichte dem Portier auf gut Glück eine. Der Portier starrte auf seine Maschine: „Die nimmt er nicht. Die ist gesperrt!“ Dann ist es die, sagte ich, und reichte ihm die andere, während ich ihm meine wirre Geschichte vorstotterte. „Die nimmt er auch nicht“, sagte der Portier. „Kann sein, weil die Maschine jetzt ihre Neue aus Sicherheitsgründen auch gesperrt hat. Weil wir sie gleich nach der Ungültigen eingeschoben hatten!“

Ich zahlte mit meinem letzten Geld. Buchstäblich. Musste zum Bahnhof laufen. Und im Zug konnte ich die nächsten Stunden weder Wasser noch Kaffee kaufen. So viel Durst hatte ich noch nie!

Im Grunde, dachte ich, ist es heute auch nicht besser als früher. Aber schlechter eigentlich auch nicht. Wer Pech hat, sagt das Sprichwort, dem bricht der Finger in der Nase ab.

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